Eine Oscar-Show wie einen Spielfilm hatte Steven Soderbergh versprochen. Herausgekommen ist dann doch eine Preisverleihung, die von ihrer Intimität lebte – und in der sehr viel geredet wurde.
Stuttgart - Die Afroamerikanerin Regina King sagt zur Eröffnung der Oscar-Zeremonie: „Wenn das in Minneapolis letzte Woche anders gelaufen wäre, hätte ich meine High Heels gegen Marschstiefel eingetauscht.“ Sie meint den Prozess gegen den weißen Polizisten Derek Chauvin, der auf dem Hals des Schwarzen George Floyd kniete, bis dieser erstickte. Chauvin wurde wegen Mordes verurteilt.
King erklärt auch, wie das große Live-Event möglich ist trotz Pandemie: durch Impfungen, mehrfache Tests und bewusstes Social Distancing vor der Zeremonie. „Stellen Sie sich das vor wie ein Filmset für einen Oscar-Film mit einer Besetzung von über 200 Nominierten“, sagt King, die mit ihrem Regie-Debüt „One Night in Miami“ in drei Kategorien im Rennen ist.
McDormand zitiert Shakespeare
Zu Gewinnerinnen des Abends werden – wie schon bei den Golden Globes – die Regisseurin Chloé Zhao und die Schauspielerin Frances McDormand mit „Nomadland“: Bester Film, beste Regie, beste Hauptdarstellerin. Die Wahlamerikanerin Zhao zitiert chinesische Poesie aus ihrer Kindheit: „Bei der Geburt sind die Menschen von Natur aus gut, auch wenn es manchmal scheint, als wäre das Gegenteil der Fall.“ Sie widmet ihren Regie-Oscar allen, die es schaffen, „an ihrer Gutherzigkeit festzuhalten“.
In „Nomadland“ erzählt sie von einer Entwurzelten, die in ihrem Van lebt, Gelegenheitsjobs macht und andere, reale Nomaden mit großen Herzen trifft. Vor den großen Panoramen des amerikanischen Südwestens romantisieren sie ihre Freiheit. In Planwagen zogen Europäer einst nach Westen, nun treibt die Not Amerikaner zurück in eine neue, romantisierte Planwagenkultur. McDormand zitiert etwas krude aus Shakespeares „Macbeth“: „Ich habe keine Worte, meine Stimme ist in meinem Schwert“, und fügt an: „Wir wissen, dass das Schwert meine Arbeit ist – und ich liebe Arbeit!“
Männer trinken sich ihre Krise schön
Der Oscar-Preisträger Steven Soderbergh („Traffic“, „Ocean’s Eleven“) inszeniert die Show, er hat dafür die Union Station in Los Angeles wie eine Lounge ausgestattet mit Abständen, die im Kino undenkbar wären. Einen filmischen Ansatz hat er versprochen, Handkameras folgen den Akteuren, doch die Dramaturgie bleibt vage. Dafür stellt sich Intimität ein, man wähnt sich den Preisträgern näher, als wenn sie auf der Bühne im Dolby Theatre im Rampenlicht stehen. Der Preis: Der Glamour weicht dem Charme eines Klassentreffens.
Der Brite Daniel Kaluuya, bester Nebendarsteller als schwarzer Bürgerrechtler Fred Hampton Ende der 60er Jahre in „Judas and the black Messiah“, dankt seinen Eltern auf spezielle Art für seine Existenz: „Meine Mutter und mein Vater hatten Sex!“ Glenn Close (74), für „Hillbilly Elegy“ zum achten Mal erfolglos nominiert, wackelt in einem wilden Tanz mit dem Hintern. Der Däne Thomas Vinterberg widmet den Auslands-Oscar seiner während der Dreharbeiten verunglückten Tochter. „Der Rausch“ ist ein kluger Film über Männer in der Midlife-Crisis (darunter Mads Mikkelsen), die beschließen, sich das Leben schönzutrinken. „Das hätte ich mir nie träumen lassen“, sagt Vinterberg mit Blick auf den Preis – „abgesehen davon, dass ich immer davon geträumt habe, seit ich etwa fünf war.“
Brad Pitt wird angehimmelt
Nominiert sind viel Filmkunst und nur wenige Stars, Moderatoren gibt es nicht, Präsentatoren wie Brad Pitt und Renée Zellweger sollen für Glanz sorgen. Pitt (57), adrett im Brioni-Anzug, hat das koreanische Einwanderungsdrama „Minari“ mitproduziert. Yuh-Jung Youn (73) bekommt den Nebendarstellerinnen-Oscar und ruft ihm zu: „Mr. Pitt, endlich… – schön, Sie zu treffen! Wo waren Sie, als wir gefilmt haben?“ Dann übermannt sie Begeisterung, als wäre sie ein Mädchen.
Die Filmtrailer vor jeder Verleihung sind gestrichen. Bald kommentieren Empörte im Netz: Wenn visuelle Preise für Kamera oder Szenenbild vergeben werden, müssten auch Bilder dazu zu sehen sein. Dafür werden Dankesreden diesmal nicht durch Musikeinspielung abgewürgt wenn sie ausufern – was sie prompt tun.
Ein vermurkstes Finale
Die letzte Kategorie: der beste Hauptdarsteller. Der verstorbene Chadwick Boseman könnte posthum den Oscar bekommen für seine Rolle als Jazz-Trompeter in „Ma Rainey’s black Bottom“. Doch Joaquin Phoenix verliest: Anthony Hopkins (83). Der brilliert in „The Father“ als Alzheimer-Patient, bleibt aber unsichtbar, es gibt keine Dankesrede. Dieses vermurkste Finale nimmt die Academy als Hypothek nach 2022 mit. Es bleibt das Prinzip Hoffnung: auf Moderatoren mit Witz, viele Filmbilder und Livemusik – im Kino.