Das Stadttaubenprojekt kümmert sich um die Tauben in Stuttgart. Foto: Symbolbild Lichtgut/Achim Zweygarth

Nachdem vor zwei Jahren Tauben in Stuttgart-Vaihingen zu Tode kamen, kooperiert die Stadt Stuttgart nun mit dem Stadttaubenprojekt. Doch ganz einfach ist die Sache trotzdem nicht...

Vaihingen - Kopfüber hängt die Taube im Netz, für sie kommt jede Hilfe zu spät, vermutlich hat sie sich stranguliert beim Versuch, dem Netz zu entkommen. Ein Bild, das die Tierschützer nur schwer vergessen können. Vor zwei Jahren hatte eine Firma, die auf Taubenabwehr spezialisiert ist, Netze im Österfeld- und im Hengstäckertunnel gespannt, um die Kabelkanäle zu schützen. Denn auf diesen bauen die Tauben gerne ihre Nester. Die Tierschützer kritisierten damals, dass die Firma die Netze gespannt habe, ohne vorher die Tauben aus dem Tunnel zu holen. Jungtiere, die noch nicht flügge waren, seien eingesperrt worden und verendet.

Acht Tauben konnten gesichert werden

Die Stadt, die die Firma beauftragt hatte, versicherte, der Tierschutz stehe an erster Stelle. Die Firma wurde mit Nachbesserungen beauftragt. Damit sich das Drama nicht wiederholt, werden seither die Mitstreiter des Stadttaubenprojekts Stuttgart in die Abwehrmaßnahmen eingebunden. In dieser Woche werden die Tunnel gereinigt und neue Netze montiert. Vor wenigen Nächten waren freiwillige Helfer vor Ort, um Tauben in Sicherheit zu bringen. „Es gab Anzeichen dafür, dass wieder Jungvögel in den Tunneln sind“, sagt Julia Bischoff von der Teamleitung und Koordination des Stadttaubenprojekts. Das typische Fiepen sei zu hören gewesen, habe ein Tierschützer berichtet. In der Nacht auf Dienstag habe sich der Verdacht bestätigt: Acht Tauben seien gesichert worden, darunter ein Küken, sechs noch nicht flügge Jungtauben sowie eine verletzte ausgewachsene Taube. „Diese haben wir zum Tierarzt gebracht, für die anderen haben wir Pflegestellen gefunden“, sagt Bischoff. Sie freue sich, dass die Jungtauben gerettet werden konnten, „aber viele erwachsene Tauben verlieren durch die gespannten Netze ihren Schlafplatz“, so die Tierschützerin.

Tunnel wie im Hengstäcker und Österfeld böten zwar Schutz vor Nässe und Kälte, seien aber keine typischen Taubennistplätze, sagt Bischoff. „Wenn sie einen besseren Platz finden würden, etwa an einem Gebäude oder in einem Taubenschlag, dann würden sie nicht in die Tunnel fliegen.“ Zwar ist für den Bezirk Vaihingen bereits ein Taubenschlag im Gespräch gewesen, wohl sieht die Stadt derzeit aber keine Notwendigkeit für einen. Die Betreuung der Taubenschläge, wie es sie unter anderem im Stadtgarten auf dem Innenstadtcampus der Universität gibt, ist die Hauptaufgabe der Taubenschützer. Sie reinigen die Brutstätten und füttern die Vögel dort. Da Tauben standorttreu sind, reduziert sich so die Futtersuche im Stadtgebiet. Die Tierschützer tauschen die Eier, die in den Taubenschlägen bebrütet werden, gegen Kunststoffeier aus. So wird weiterer Nachwuchs verhindert.

Tierschützer sind in gewisser Weise erpressbar

Bischoff befürwortet die Tatsache, dass die Stadt und die Taubenabwehrfirma die Tierschützer in die Maßnahme in den Vaihinger Tunneln eingebunden haben. Allerdings sei die Information sehr kurzfristig gekommen, es hätten sich schnell Freiwillige finden müssen, die nachts die Tunnel mit den Arbeitern absuchen. Und auch in Sachen Pflegestellen habe es schnell gehen müssen. „Eigentlich sind wir voll und können keine weiteren Tiere aufnehmen. Aber wir können auch schlecht Nein sagen, wenn es um Notfälle geht“, sagt Bischoff. In gewisser Weise seien die Tierschützer so erpressbar. Schließlich wollten sie nicht, dass Tauben zu Schaden oder gar zu Tode kommen. Man bemühe sich zusammen mit der Stadt, solche Abwehrmaßnahmen künftig besser zu koordinieren. Bischoff wünscht sich eine „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ zwischen Tierschützern, Verwaltung und der ausführenden Firma.

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