Unsere Fotografen Max Kovalenko und Simon Granville waren im Stuttgarter Bad Berg unterwegs – was sie dort durch ihren Sucher entdeckt haben, sehen Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch. Foto: factum/Granville

Nirgendwo ist der Sommer so prickelnd wie am Strand des Champagnerwassers im Stuttgarter Mineralbad Berg. Eine Hommage an das Freibad im Allgemeinen und das Bad Berg im Speziellen von StN-Autor Joe Bauer.

Stuttgart - Es gab an diesem wundersamen Ort schon manchen Sommer, der ein Winter war. Womöglich­ findet man nirgendwo einen anderen­ Ort auf der Welt als dieses Paradies, wo Sommer und Winter so nahe beieinander liegen. Denn der Kosmos, von dem hier die Rede­ ist, kennt nur zwei Jahreszeiten: Sommer­ und Winter.

Der Sommer ist verdammt kurz und heftig. Der Winter dagegen lang und beschaulich, eine Zeit großer, fast ­verstörender Gelassenheit, wie sie unter Menschen heute kaum mehr üblich ist. Diese Art Leben bietet pausenlos komische ­Momente, wenn sich in die globale Coolness eine deftige altschwäbische Folklore mischt. Da blökt der Schofseggel nicht nur, wenn die „Lampen“ des benachbarten Fußball­vereins in Cannstatt abkacken.

"Schwimmgelegenheit, Umkleidekabinen, Toiletten, Liegeflächen"

„Ein Freibad“, heißt es in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, „ist eine im Freien angelegte öffentliche Badeanstalt. Diese Anlage besteht neben der eigentlichen Schwimmgelegenheit auch aus Umkleidekabinen, Toiletten, Liegeflächen und wird von Aufsichtspersonen überwacht. Für die Benutzung der Anlagen wird normalerweise eine Gebühr erhoben.“

Schon der letzte Satz dieser Definition macht stutzig: Anders als für das Freibier, die Freifahrt oder das Freidenken müssen wir fürs Freibad Geld bezahlen. Demnach kann es nicht weit her sein mit dem Freisein an diesem Ort, den man einst sicher nicht zufällig­ „Anstalt“ nannte, wie andere quälende staatliche Unterwerfungsstätten: die ­Erziehungsanstalt, die Strafvollzugs­anstalt, die Rundfunkanstalt.

Das spezielle Freibad, um das es in diesen Zeilen geht, erzählt mehr vom Sommer als ­jedes andere, weil wir hier neben dem Badesommer­ auch den Badewinter erleben. Einerseits treffen wir Sommermenschen in der Masse und Wintermenschen als Solitäre. Andrerseits aber auch Sommer- und Wintermenschen in einem: die nicht besonders zahlreichen Ganzjahresvögel, zu denen neben ­einigen ziemlich menschlich anmutenden Krähen­ und Enten auch der Autor zählt. Der menschliche Ganzjahresvogel sitzt selbstverständlich auch am heißesten Tag des Jahres­ in der Sauna, wenn ihn sein Lebensrhythmus zur seelischen Selbstreinigung drängt.

Bad Berg auch als „Neuner“ bekannt

Diese irre Anstalt voller allzu mensch­licher Kreaturen heißt Mineralbad Berg, sie ist in Stuttgarts östlichem Stadtteil Berg in der Nähe des Neckars und des Südwestrundfunks beheimatet und nicht mehr ganz neu: Gegründet hat sie 1856 der Hofgärtner Friedrich Neuner, weshalb sie bis heute bei vielen Stammgästen „Neuner“ heißt. Nichteingeweihte führen den Namen Neuner oft fälschlicherweise auf die gleichnamige Straßenbahn zurück. Die Haltestelle vor dem Haus aber dient seit jeher anderen Linien.

Weil „das Berg“, wie es liebevoll genannt wird, gewisse Mode-Mitläufer an die Zeit der Pferdekutsche erinnert, verpassen sie ihm das Prädikat „retro“ – wohl als Zeugnis ihrer eigenen Ahnungslosigkeit beim Blick auf den Lauf der Zeit. Mit dem Begriff „retro­“ ­bezeichnet man in der Musik oder anderen Kunst-Disziplinen bewusst eingesetzte Stilelemente aus der Vergangenheit, die „neue“ Trends schaffen sollen. Das Bad Berg ­dagegen ist einfach ein traditionsreiches Gesamtkunstwerk­, wo vieles so geblieben ist, wie es mal war, und dies bei Gott nicht immer aus Gründen des Denkmalschutzes.

Oft war es pures Glück, dass gewisse Fortschrittsapostel aus der Politik mangels Geld das Berg nicht mit ihrem rückwärtsgewandten Geistesmix aus Geschmacklosigkeit und Geschäftemacherei verschandeln konnten. Gekünstelt, gezielt auf nostalgisch getrimmt ist im Berg so gut wie nichts. Vieles erscheint seltsam, weil originär: die alten, an Gießkannen erinnernden Kaltwasser-Duschen („Brausen“), die betörende Guckloch- Erotik­ der hölzernen Umkleidekabinen, die schwäbische Maultaschenkultur.

Lärmender Rummelplatz

Wer also die malerische Gartenanlage mit ihren Ginkgobäumen und Rosenbeeten, mit ihren Dannecker-Skulpturen und ihrem quadratischen Mineralwasserbecken als „retro“ bezeichnet, könnte diese Floskel genauso­ gedankenlos für historische Parks oder Kirchen anwenden. Wobei wir im Berg beides haben, sofern wir die Kirche nicht als bloßes Gebäude wahrnehmen.

Am ersten Sommertag des Jahres, wenn sich das Bad wie in einem hart geschnittenen Film von einer spärlich bevölkerten Oase der Ruhe in einen lärmenden Rummelplatz verwandelt­, müssen junge Gäste unbedingt die Rechtfertigung „voll retro“ parat haben, um in ihrer – verglichen mit zeitgemäßen Spaß- und Wellness-Anstalten – doch sehr altmodisch wirkenden Vergnügungskulisse irgendwie­ voll hip zu wirken.

Nirgendwo erlebt der Stadtspaziergänger so hautnah und Augen öffnend, was „Sommer­“ für die Sommergesellschaft des Freibads bedeutet: Diese Jahreszeit erfüllt für sie nur noch dann Sinn und Zweck, wenn sich an sehr heißen Tagen keine einzige Wolke­ am Himmel zeigt. Nur so wird die Anstalt­ zu einer perfekten Körperrösterei mit gelegentlicher Kaffeepause. Das Wasser im Freibad, sogar das für etliche körperliche (und psychische) Defekte heilsame Nass aus der Berg-Mineralquelle, ist heute im Sommer­ nur noch Nebensache. Die meisten Leute achten erst gar nicht auf diese kost­bare Ressource, sie verschmutzen das prickelnde­, chlorfreie „Champagnerwasser“ mit ihren megafett eingeölten Leibern.

Das Wichtigste ist, wie auf allen Stadt­partys und Open-Air-Events, das Bad in der Menge. Und mangels Würstchen grillt man sich selbst.

Hechte aus Macho-Beständen der Provinz ­missbrauchen Mineralbäder zum Kampfschwimmen

Um dennoch herauszuragen aus der Masse, stehen die Selbstdarsteller und Selbstdarstellerinnen im überbevölkerten Wasser herum­, als hätten sie gerade einen Stehtisch vor der Stadtfest-Bude ihrer Lieblingsbar besetzt. Gepflegtes Schwimmen in solchen Stunden ist nicht mehr möglich, wobei man wissen muss, dass ohnehin nur Hechte aus den Macho-Beständen der Provinz ­Mineralbäder zum Kampfschwimmen missbrauchen­.

Einer der klügsten Beobachter der Berg-Welt ist der aus Wien stammende, in Stuttgart lebende Schriftsteller Heinrich Steinfest. Nicht selten wählt dieser passionierte Berg-Gänger einen Tisch auf der Restaurant-Terrasse im Bad als Arbeitsplatz. Ganze Kapitel seiner Bücher hat er im Neuner geschrieben. In seinem buchstäblich fantastischen Roman „Der Allesforscher“ heuert der Ich-Erzähler, ein aus dem Profit-System ausgestiegener Manager, als Bademeister im Neuner an. Der Romanheld erlebt das Berg-Leben auf eine Weise, die wir neben der Sprachkunst des Schriftstellers auch der nahezu­ nackten Wahrheit verdanken:

„Es passierte an einem dieser ersten wirklich heißen Tage. Alle waren sie wieder da, die immer erst ins Bad gingen, wenn es richtig warm wurde: die Zuhältertypen, die Bodybuilder­, die Schwulen, die Liegestuhlfetischisten, die dünnen Frauen in Bikinis, die dünner waren als der Lack auf ihren Nägeln­, all die Eincremer und Einsprüher, die aus den Löchern der Sonnenstudios gekrabbelt­ kamen, und natürlich die Sixpackfanatiker, die aussahen, als schnitzten sie jeden­ Tag mit einem scharfen Messer feine­ Rillen in ihre Torsi.

Kanonenkugeln aus Männern

Nirgends gab es dann so viele gut gebaute Männer wie im Bad Berg. Und nicht wenige, deren Haut den Farbton polierter Bronze besaß­. Aus diesen Männern hätte man Kanonenkugeln­ gießen können. Was übrigens zu einer gewissen Wehrhaftigkeit der Stammgäste gut passte. Natürlich waren auch jene ‚älteren Damen‘ vertreten, die man das ganze­ Jahr über sehen konnte, aber auch jüngere Schönheiten, jedoch erstaunlich wenig­ Silikon. Zumindest im Vergleich. Etwa­ im Vergleich zu Wien, wo ich zur Fortbildung gewesen war und in den dortigen Schwimmbädern das Gefühl gehabt hatte, kaum jemand laufe noch ohne Implantat durch die Gegend. Ein Großteil der Wienerinnen schien nur noch partiell aus eigener Natur zu bestehen. Nicht so im Bad Berg, ohne­ dass dort die Flachbrüstigkeit regiert hätte, wirklich nicht.“ So weit Steinfest.

Die weit verbreitete These, bei einem Freibad handle es sich um klassenloses Terrain, weil man einem fast textilfreien Menschen nicht in die Taschen greifen könne, stammt eher aus dem Märchenbuch scheinheiliger Demokraten. Auch in Badehose oder Bikini, den Symbolen ihrer anscheinend schützenswerten Intimbereiche, gibt es genügend Poser-Übungen­, Klassenzugehörigkeit zu vermitteln. In einer Anstalt wie dem Berg, dessen kühles Wasser (im Sommer 20 Grad) die meisten Leute auf dem Trockenen zurückhält, bilden sich Zirkel und Standeszünfte. Es ist zwar nicht mehr wie früher, als die Besucher­ soziale Claims absteckten, als jeder­ wusste, in welcher Nische sich Schwule und Lesben niederließen, in welcher Ecke Luden, Zocker und Fußballprofis mit ihren goldenen Halsketten und Rolex-Uhren Passanten­ das Augenlicht raubten. Diese Ära der Subkulturen ist vorbei. Erfahrene Bad-Besucher aber merken schnell, wo auch heute­ harte Kämpfe um privilegierte Plätze in den Liegestuhl- und Liegewiesenzonen ­geführt werden. Und wie im richtigen Leben findet zielsicher seine Vip-Lounge, wer Wert legt auf eine Lagerstätte in den Reihen der bronzefarbenen Kanonen, die man auf anderen­ Plätzen Schönwetterspieler nennt.

Dieser Sommer im Berg ist der zweitletzte, bevor die Badeanstalt vom Herbst 2016 an zwei Jahre lang umgebaut und – moderat – modernisiert werden soll. Diese Zeit könnte für uns härter werden als jeder vorherige Winter. Die Tage, da wir auch schlimmsten Minusgraden trotzten, wenn wir mit eisigem Prickeln im Schritt in den tropischen Sommer­ der Sauna eilten. In Erwartung der nächsten Kältekeule.