VfB-Präsident Wolfgang Dietrich steht nach dem Abstieg ein intensiver Sommer bevor. Foto: Baumann

Nach dem Abstieg wird die Kritik am Präsidenten des VfB Stuttgart noch lauter werden – der schließt einen freiwilligen Rückzug allerdings aus. Kann sich Wolfgang Dietrich an der Spitze des Clubs halten?

Berlin - Die Lage ist nach diesem 27. Mai 2019 einerseits so klar, wie sie klarer nicht sein könnte. Der VfB Stuttgart ist abgestiegen. Andererseits ist sie reichlich kurios. Zum Beispiel beim Blick auf die Spitze des Vereins. Also auf Wolfgang Dietrich.

Es war der bevorstehende Abstieg im Jahr 2016, die den damaligen Aufsichtsratschef des VfB, Martin Schäfer, nach einer Alternative für das Amt des Präsidenten suchen ließ. Am vorletzten Spieltag, der VfB verlor 1:3 gegen Mainz 05, trafen Schäfer und Dietrich erstmals aufeinander. Eine Woche später stiegen die Stuttgarter ab, Clubchef Bernd Wahler trat zurück – und nach langem Zögern kandidierte Wolfgang Dietrich tatsächlich für das Amt des Präsidenten.

Was bedeutet der Abstieg für Dietrichs Zukunft?

Der Abstieg also war Grundlage der Wahl im Oktober 2016. Und was bedeutet der Abstieg 2019 für den 70-Jährigen?

Eine Menge – sagen diejenigen, die den Unternehmer kritisch sehen und diese Kritik nun noch lauter äußern werden. Für sie gibt es kein Vertun: Dietrich trägt als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender der VfB AG die Gesamtverantwortung. Der Abstieg steht für ein sportliches Scheitern – wer sonst als Wolfgang Dietrich sollte nun also die Verantwortung übernehmen und zurücktreten?

„Die Frage nach einem Rücktritt stellt sich für mich nicht“, sagt dagegen seit Wochen der Präsident. Stattdessen will er seiner „Verantwortung weiter gerecht werden“. Sich nach dem Abstieg zurückzuziehen, würde er als Flucht, als Einknicken begreifen. Aber gerade in schwierigen Zeiten, argumentiert er, brauche es Ruhe und Kontinuität in den Gremien.

Kontinuität war das Ziel

Kontinuität war eines seiner großen Ziele. Was daraus geworden ist? Thomas Hitzlsperger ist der dritte Sportvorstand in Dietrichs bislang zweieinhalbjähriger Amtszeit, Nico Willig der vierte Trainer. Gegen diese traurige Bilanz stellt der einstige Finanzinvestor die Errungenschaften abseits der Bundesligatruppe.

Der Verein ist finanziell gesund – unter anderem durch die Ausgliederung. Die Trainingsplätze sind modernisiert, die Zahl der Mitglieder stieg auf über 65 000. Die Gespräche mit einem zweiten Investor laufen, der Vertrag mit dem Hauptsponsor wurde gerade verlängert. „Wir haben unter Wolfgang Dietrich viel aufgebaut, was nicht so schnell zerstört werden kann“, sagt Wilfried Porth, Daimler-Vorstand und VfB-AG-Aufsichtsrat. Das Problem: Den versprochenen sportlichen Aufschwung („Ja zum Erfolg“) gab es trotz allem nicht. Und dass die Misere nun von Dietrich als im Sport gewöhnliche „Delle“ abgetan wird, stößt Vielen sauer auf.

Der gescheiterte Reschke-Plan

Vor allem Dietrichs Plan, mit Michael Reschke die sportliche Zukunft zu planen, ist grandios gescheitert. Die Transferbilanz dieser Saison ist mau, die von Reschke initiierte Diskussion um eine Auflösung der zweiten Mannschaft führte am Ende zum Abstieg in die Oberliga. Es gab öffentlich Streit im Aufsichtsrat – und zuletzt war dann auch noch Dietrichs berufliche Vergangenheit wieder ein Thema.

Profitiert der Unternehmer über seine früheren Firmen noch am sportlichen Erfolg konkurrierender Vereine? Dietrich sagt: „Nein.“ Und muss sich dennoch ständig rechtfertigen. „Stuttgart kämpfen – Dietrich raus“, lautet seit Monaten das Motto der Ultras. Über eine mögliche Abwahl des Clubchefs bei der Mitgliederversammlung am 14. Juli wird längst debattiert. Ein entsprechender Antrag wäre möglich, die Hürden bis zu einer tatsächlichen Abberufung sind dennoch hoch.

Dem Präsidenten fehlen die Argumente

Zumal der Aufsichtsrat der VfB AG und der Vereinsbeirat zuletzt fest zu Dietrich standen. Ändert sich das in der Emotionalität des Abstiegs? Womöglich. Und vermutlich denken die Kontrolleure nun lauter darüber nach, ob die AG doch einen Vorstandsvorsitzenden benötigt. Dietrich lehnte das bislang ab – nun hat er die Argumente aber nicht mehr auf seiner Seite.

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