Infolge der Flaute am Bau haben auch etliche Betriebe des baden-württembergischen Bauhauptgewerbes Kurzarbeitergeld beantragt. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

In der konjunkturellen Schwächephase greifen wieder deutlich mehr Unternehmen zum Instrument der Kurzarbeit. Die Verbände mögen keine Alarmstimmung verbreiten. Doch ist die Lage viel diffuser als in früheren Krisen – was Unternehmer besonders besorgt.

Hans Böhm, Geschäftsführer von H&B Electronic in Deckenpfronn (Landkreis Böblingen), zeigt sich alarmiert. Viele kleinere Mittelständler in seinem Umfeld seien wieder von Kurzarbeit betroffen, doch werde dies von der Öffentlichkeit nicht angemessen beachtet. Auch in seiner eigenen Firma, einem Hersteller elektromechanischer Baugruppen, seien seit Anfang März verschiedene Produktionsabteilungen in zehn- bis fünfzigprozentiger Kurzarbeit – insgesamt 190 von 300 Mitarbeitenden.

 

Hauptgrund: Vor allem große Kunden wie die Steuerungssparte von Siemens nähmen nicht die Mengen ab, die sie noch im vorigen Frühherbst zugesagt hätten. „So liegen wir teilweise 40 Prozent unter den erwarteten Umsatzzahlen.“ Gemeint sind vor allem die Bereiche Automatisierung und Industrieelektronik, weniger jedoch die Automobilbranche, wo die Zahlen lediglich fünf bis zehn Prozent unter Plan lägen. Kehrt das aus der Coronazeit gut vertraute Gespenst der Kurzarbeit zurück? Dazu ein Faktencheck.

Welche Zahlen hat die Agentur für Arbeit? Laut der Bundesagentur für Arbeit nehmen die Anzeigen über den voraussichtlichen Arbeitsausfall seit dem Herbst zu – die bisher für den April vorliegenden Daten lassen einen weiteren Anstieg erwarten. Nach 690 neuen Anzeigen im Januar (für 15 939 Beschäftigte), 834 im Februar (15 611), 579 im März (11 591) und vorläufig 615 im April (13 245) gehen die Zahlen wieder hoch, wobei Anzeigen nur als Frühindikator für die tatsächliche Inanspruchnahme von Kurzarbeit zu sehen sind. Zudem sehen 14 der 19 Arbeitsagenturen im Südwesten mehr Beratungsanfragen zum Kurzarbeitergeld als vor einem Jahr auf sich zukommen.

Das verarbeitende Gewerbe – und darunter Metall und Elektro – hat den Hauptanteil an der Kurzarbeit. Unter den Branchen ist der Maschinenbau seit Jahresbeginn mit Abstand auf Platz eins – auch mit der größten Steigerungsrate zum Vorjahr. Der Kfz-Bereich, vor einem Jahr Hauptnutzer des Instruments, spielt aktuell keine große Rolle.

Was sehen die Metallarbeitgeber die Lage? „Wir beobachten eine leichte Zunahme der Kurzarbeit in den letzten Monaten“, sagt ein Südwestmetall-Sprecher. „Es sind keine alarmierenden Zuwächse, wir sind weit entfernt von Corona-Höchstständen, liegen aber auch höher als in den Vorkrisenjahren nach 2010.“ Diese Einschätzung wird im Prinzip von der IG Metall geteilt.

Immerhin sei Kurzarbeit auch ein Zeichen, dass die Unternehmen von einer besseren Konjunktur in der Zukunft ausgehen, wendet der Verbandssprecher ein. Mit anderen Worten: Bei tiefer greifenden Problemen sind eher Personalabbaumaßnahmen gefragt, die derzeit aber kaum beobachtet werden. Allerdings gibt es auch Firmen in Nöten, die mit der Kurzarbeit noch etwas Zeit gewinnen wollen.

Warum ist der Maschinenbau so tangiert? Im baden-württembergischen Maschinenbau lag der vorläufige Höhepunkt bei den Anzeigen zur Kurzarbeit im Januar bei 5040 Beschäftigten – bis zum März ging dieser Wert auf 2100 zurück. Die Beschäftigungslage sei mit mehr als 300 000 Beschäftigten „weiter von einer hohen Stabilität geprägt, wenngleich derzeit kein weiterer Beschäftigungsaufbau stattfindet“, erläutert VDMA-Geschäftsführer Dietrich Birk. Auch wenn die angezeigte Kurzarbeit auf den ersten Blick als rückläufig erscheine, deuteten die Frühindikatoren noch nicht auf eine Verbesserung der Lage hin. „In den kommenden Monaten ist damit zu rechnen, dass die Kurzarbeit ein wichtiges Instrument zur Beschäftigungssicherung bleibt.“

Wegen der Schwächen der Weltkonjunktur werde die Kurzarbeit für diese stark exportorientierte Branche weiterhin eine besondere Rolle spielen. Aufgrund des Fachkräftemangels und der Demografie seien die Unternehmen bestrebt, ihre Stammbelegschaft zu halten, um im Aufschwung die Fertigungskapazitäten zügig hochfahren zu können. Während der Coronapandemie hatte sich noch fast jeder dritte Beschäftigte des Maschinenbaus in Kurzarbeit befunden.

Wie wirkt sich die Misere am Bau aus? Auch am Not leidenden Bau wird der Rettungsring ausgiebig genutzt: Infolge des Auftragsmangels im Wohnungsbau, öffentlichen Hochbau und Wirtschaftshochbau hätten bisher zwölf Prozent der Betriebe des Bauhauptgewerbes im Land Kurzarbeitergeld beantragt, gibt Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, ein Ergebnis der Frühjahrsumfrage wieder. Für 2024 rechneten 22 Prozent der Firmen damit, Kurzarbeit beantragen zu müssen. „Damit steht das regionale Bauhauptgewerbe im Bundesvergleich noch relativ gut da“, sagt Möller. Dennoch bestehe kein Grund zur Entwarnung. Es gebe verstärkt Anfragen beim Verband zur Beantragung – und bei einer weiterhin ungünstigen Baukonjunktur könnten noch deutlich mehr Baubetriebe Kurzarbeit einführen.

Was macht die aktuelle Kurzarbeit so besonders? In seiner 30-jährigen Karriere als Unternehmer hat Hans Böhm aus Deckenpfronn zwei Phasen mit Kurzarbeit erlebt: die Lehman-Krise und die Coronakrise. „Da war sie klar an den Entwicklungen festzumachen, und man konnte sagen, dass es irgendwann vorbei ist“, sagt der H&B-Electronic-Geschäftsführer. Diesmal sei die Situation völlig diffus, weil sich so viele unterschiedliche Einflussfaktoren auswirkten. „Es gibt nicht den konkreten Auslöser oder den Hauptgegner – und man sieht kein Ende“, sagt er. „Dies treibt mich um.“ Beispielsweise schwanke die Auslastung enorm. „Heute prasseln von den großen Konzernen Anforderungen an die Flexibilität auf uns Zulieferer ein, die mit den Arbeitnehmer-Schutzbestimmungen am Standort Deutschland gar nicht mehr machbar sind.“