Winken für Deutschland – Joachim Gauck und Daniela Schadt Foto: dpa

Im Kalender des Bundespräsidenten drängen sich die letzten und allerletzten Termine. Beim Abschiedsbesuch dieser Zeitung lässt Joachim Gauck Highlights und Tiefpunkte seiner Amtszeit als Staatsoberhaupt Revue passieren.

Berlin - Winken für Deutschland, Ehrenformationen abschreiten, die Nationalhymne anhören, Orden verleihen und vor allem: reden für Deutschland. All das hat ziemlich auf den Tag genau fünf Jahre lang das Leben von Bundespräsident Joachim Gauck geprägt. Jetzt ist das Ende seiner Amtszeit in Sicht. Die Runde der letzten Auftritte ist bereits absolviert, die letzten Staatsgäste sind empfangen. Seit Frank-Walter Steinmeier von der Bundesversammlung zu seinem Nachfolger gewählt worden ist, hat der Amtsinhaber keine Auslandsreisen mehr gemacht und keine Reden mehr gehalten – jedenfalls keine großen, bundespräsidentenhaften Grundsatzreden, bei denen es ums Eingemachte geht. Das Kapitel, in dem die protokollarische Nummer eins des Landes Worte finden muss für das, was dieser Staat ist, was er sein will, und was er sein sollte, hat Joachim Gauck schon geschlossen.

Aber nach den letzten Dingen kommen die allerletzen an die Reihe. Am Tag, als Gauck unsere Zeitung zu einem finalen Gespräch in seinem Amtszimmer im Schloss Bellevue empfängt, eilt er mit raschen Schritten herbei. Man spürt sofort, dass da noch viel zu tun ist, bis der erste Ostdeutsche als Staatsoberhaupt am Ziel seiner Präsidentschaft angelangt ist und es loslässt: Dieses Amt, das ihn in seinen Bann geschlagen und Besitz von ihm ergriffen hat. Denn noch weniger als andere Spitzenämter in der Republik lässt die Aufgabe des Bundespräsidenten Raum für die Privatperson hinter der zu erfüllenden Rolle. Deutschland als Ganzes zu repräsentieren, ist der Auftrag, den Gauck so leidenschaftlich gern erfüllt, dass die Hektik dieser letzten Tage schon in den ersten Minuten des Gesprächs von ihm abfällt. Locker, enthusiastisch und mit leuchtenden Augen erzählt er, worauf es ihm vor allem anderen angekommen ist und ankommt: „Der Kern meiner Präsidentschaft ist ein Appell an die Bürger: Ihr müsst daran glauben, was ihr geworden seid und überzeugt sein von dem, was euch gelungen ist“, sagt er.

Seit dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, den der Volksmund als „Papa Heuss“ in Erinnerung behalten hat, gibt es die Neigung, das Staatsoberhaupt als einen Vater der Nation zu sehen. Auch Gauck erfüllt auf der einen Seite diese Erwartungen und geht auf der anderen Seite weit darüber hinaus. Denn indem er sich vorgenommen hat, die Deutschen mit ihrem Nationalbewusstsein zu versöhnen, nimmt er eine Art Therapeutenrolle wahr. Dass in den 1960er Jahren und danach der unreflektierte Bezug auf die Nation infrage gestellt wurde, nennt er einen richtigen und notwendigen Schritt bei der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. „Aber inzwischen ist unser Land in einer Phase, in der ein erwachsenes Selbstbewusstsein angebracht ist. Uns Deutsche für dauergefährlich zu halten und aus Furcht vor einem Abkippen in den Nationalismus ein normales Selbstbewusstsein als Nation abzulehnen, finde ich falsch“, betont er. „Wir dürfen darin nicht verharren.“

Gauck wünscht sich von den Deutschen das Selbstbewusstsein einer erwachsenen Nation

Gauck versteht das nicht als Ermunterung, sondern als Mahnung. Er meint damit – ausnahmsweise bei diesem Freiheits-Enthusiasten – nicht die Freiheit, sondern die Pflicht, über das eigene Gemeinwesen hinaus Verantwortung in der Welt zu übernehmen, notfalls auch militärische. In dieser Weise hatte sich Gauck erstmals bei der Münchner Sicherheitskonferenz vor drei Jahren geäußert. Als republikanischer Patriot und glühender Europäer ist Gauck wegen der heutigen Anfechtungen für Demokratie und Freiheit – durch Donald Trump in den USA, den Boom nationalistischer Strömungen in Deutschland und Europa – weniger optimistisch als zu Beginn seiner Präsidentschaft.

Doch in seiner Grundüberzeugung lässt ihn das nicht wanken. „Die Nation muss ein Bewusstsein ihre Wertes und ihrer Potenziale haben – ohne Hybris, aber mit Sinn für die Realität“, sagt er und auch das gehört zu dem, was er als Vermächtnis hinterlassen möchte. „Um nationalistischen Trends ein wenig von ihrer Dynamik zu nehmen, ist es nötig, dass die demokratische Mitte Selbstvertrauen und Selbstgewissheit als Element einer erwachsenen Nation anerkennt und als Thema besetzt.“

„Ein Netzwerk der Guten macht dieses Land stark“

Als Fundament dieser Überzeugung nennt Gauck die vielen Begegnungen, die er als die eigentlichen Glücksmomente seiner Präsidentschaft beschreibt. „Deutschland ist durchzogen von einem Netzwerk engagierter Bürger. Es ist ein Netzwerk der Guten, das dieses Land prägt und es stark macht“, sagt er und berichtet vom Stolz, den es bei ihm weckt: auf das Land zu blicken und seine „vielen, verlässlichen, rechtstreuen und engagierten Menschen“. Weil er an sie glaubt, traut das scheidende Staatsoberhaupt auch dem Land viel zu.

Tiefpunkte gab es natürlich auch. Aber das waren nicht kitzlige Situationen auf dem internationalen oder innenpolitischem Parkett. Gaucks Gesicht wird ernst und die Stimme ganz leise bei der Erinnerung an die dunkelste Stunde seiner Amtszeit. Die hat er nach dem Absturz der Germanwings-Maschine beim Trauergottesdienst in Haltern erlebt. Solche Sinnlosigkeit auszuhalten, weil ein einzelner Lebensmüder so viele Unschuldige in den Tod gerissen hat, strengt auch einen 77-Jährigen an, der als Pastor und Seelsorger die kräftezehrende Seite der menschlichen wie der amtlichen Anteilnahme lange kennt.

Gauck schaut gar nicht unglücklich aus der Wäsche

Ob es ihm irgendwann mal fehlen wird – das Ambiente des Staatsoberhauptes, der Blick in den Park von Schloss Bellevue, das Amtszimmer mit dem Kronleuchter an der Decke, den goldverzierten Möbeln und dem Canaletto von Dresden über dem edlen Sofa? Beim Abschiedsbesuch macht Joachim Gauck nicht den Eindruck. Ein wenig Ruhe brauche er jetzt und Durchatmen wolle er.

Aber Gauck schaut nicht „unglücklich aus der Wäsche“, wie er es noch im Frühsommer vermutet hatte, als seine Entscheidung gegen eine weitere Amtszeit noch gar nicht getroffen war. Hier und heute, wo der Abschied näherrückt, wirkt Gauck im Reinen mit sich. Über große oder kleine Pläne für die Zeit danach lässt er nichts verlauten. Nur so viel hat Gauck verraten: Er freut sich schon auf den Tag, wenn er zum ersten Mal seit Langem zum Tor hinausfährt mit seinem Fahrrad. Zum ersten Mal seit Langem ohne Leibwächter. Ganz alleine für sich.

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