Die Abbrucharbeiten auf dem Schönbühl in Weinstadt haben begonnen. „Naturnah“ soll der geplante Solarpark umgesetzt werden, sodass auch Eidechsen dort wieder einen Lebensraum finden können.
Die ersten Bagger sind zum Abriss des ehemaligen Jugendheims auf dem Schönbühl angerollt. Wie Mahnmale einer neu anbrechenden Zeit stehen sie vor den historischen Gebäuden zwischen Erdhaufen, Stapeln von altem Gebälk und riesigen Containern, in denen verschiedene Abbruchmaterialien fein säuberlich voneinander getrennt sortiert werden. „Unser Ziel ist es, eine naturnahe Freiflächen-Photovoltaikanlage zu installieren“, sagt Thomas Meier, der Stadtwerke-Betriebsleiter und Geschäftsführer der eigens für das Vorhaben gegründeten Projektentwicklungsgesellschaft, beim Rundgang über das Gelände.
„Dabei werden wir sensibel mit Natur- und Artenschutz umgehen“, so Meier. Dazu habe man eine „integrierte Planung“ für den Abbruch der Gebäude, die Entsiegelung und Renaturierung des Geländes – allein rund zwei Hektar sind derzeit für Zufahrten und Plätze asphaltiert oder zugepflastert – und den Artenschutz erstellt. Von den Gebäuden, die teils bereits einsturzgefährdet sind und deren marode Bausubstanz selbst für Laien schon augenfällig ist, sollen alle bis auf eine alte Scheune abgerissen werden.
Gutachter entdecken Fledermäuse
Der Hintergrund: In dem Backsteinbau sind unter anderem mehrere Fledermausarten von Gutachtern entdeckt worden. Nach den anfänglichen Planungen sollten die fliegenden Säugetiere in ein anderes Gebäude auf dem Schönbühl umgesiedelt werden, das durch seinen Standort dem Bau der PV-Anlage weniger im Weg steht. Aber bei einer Besprechung im Sommer, an der neben Vertretern von Landratsamt, Unterer Naturschutzbehörde und Regierungspräsidium auch Naturschützer, unter anderem des Nabus, BUND und der Naturfreunde, teilgenommen hätten, habe sich der Erhalt der Scheune als die „bessere Lösung“ erwiesen, die nun beispielsweise durch artspezifische Einfluglöcher noch mehr auf die Bedürfnisse der Fledermäuse abgestimmt werden soll. Weitere Pluspunkte der Scheune: Die Bausubstanz sei besser und sie lasse sich später als Unterstand für die beabsichtigte Schafbeweidung der Fläche nutzen – wovon wiederum die nachtaktiven Untermieter profitierten, schlägt Meier den Bogen zurück zum Artenschutz. „Die Schafe bringen Insekten mit und damit Nahrung für die Fledermäuse.“
Darüber hinaus seien in der Planung, die auf einer speziellen artenschutzrechtlichen Untersuchung von November 2022 gründet, mehrere „Tabuzonen“ definiert, die vorerst nicht angetastet werden dürften, erläutert Meier anhand eines Luftbildes, auf dem rund um die Heimgebäude sieben solcher Flächen unterschiedlicher Größe eingerahmt sind. Daneben sind auch Rodungsbereiche ausgewiesen. „Zum Teil sollen die Tabuzonen dauerhaft bestehen bleiben und ertüchtigt werden.“ So soll etwa eine östlich hinter der Scheune liegende artenreiche Magerwiese nicht nur erhalten, sondern auch vergrößert werden. Derweil soll eine westlich der Gebäude sich befindende Fläche, die momentan von Brombeeren überrankt ist, freigeschnitten werden, damit Eidechsen dort wieder einen Lebensraum finden können. Zusätzlich will man für die flinken Reptilien als Unterschlupf Feldsteinhaufen, sogenannte Steinriegel, aufschichten. Aus anderen Bereichen des Schönbühls sollen derweil Eidechsen vergrämt und in das neu geschaffene Habitat umgesiedelt werden.
Ebenso sollen auch Vögel wieder Quartiere bekommen. „Es gibt eine genaue Anzahl an Nistkästen, die aufgehängt werden muss“, sagt Meier auf die in der Bürgerschaft geäußerte Kritik angesprochen, dass bei den Anfang Oktober begonnen Arbeiten auf dem Gelände Bäume samt Nistkästen gerodet und abtransportiert würden. Zudem arbeite man in Bezug auf Neupflanzungen mit einem Landschaftsplaner zusammen. „Und wir versuchen, dass so viel wie möglich der bestehenden Strukturen bestehen bleiben“, sagt Meier. Mindestens eineinhalb Hektar der insgesamt 15 Hektar würden als Ausgleichsfläche genutzt.
13 Megawattpeak als Spitzenleistung
Geplant sei, eine PV-Anlage mit einer Leistung von mindestens 10 Megawattpeak zu errichten. „Das wirtschaftliche Ziel wären 12 bis 13 Megawattpeak als Spitzenleistung hinzubekommen. Aber das ist kein Acker, sondern eine Konversionsfläche“, weist Meier auf planerische Herausforderungen dadurch hin. Sobald die Gebäude abgebrochen seien, was voraussichtlich mindestens bis Ende 2024 dauern werde, solle mit den Vorbereitungen für den Anlagenbau begonnen werden. Dafür würden in einem ersten Schritt die Keller aufgefüllt und danach das Gelände modelliert, erläutert Meier. Das Ziel sei es, mit der Installation des Solarparks im Frühjahr 2025 zu starten. „Für die Stadt und die Stadtwerke ist das ein Schlüsselprojekt der Energiewende, mit dem zehn bis 15 Prozent des Gesamtstrombedarfs von Stand jetzt 100 000 Megawatt jährlich abgedeckt werden kann.“
Der Schönbühl
Historie
Im Jahr 1866 begann auf dem Schönbühl die Geschichte der „Rettungsanstalt für besonders entartete und verbrecherische Knaben evangelischer Confession“, wie die ein Jahr zuvor gegründete Einrichtung bei ihrem Umzug vom Gut Thalwiesen bei Bad Herrenalb in das ehemalige Bauernhaus Romberg auf dem Schönbühl hieß. Nach gut 150 Jahren Bestand unter unterschiedlicher Trägerschaft und Leitung wurde das Jugendheim 2002 geschlossen.
Besitzerwechsel
2014 erwarb der Kaisersbacher Unternehmer Thomas Barth das gut 40 Hektar große Gelände Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS). In den folgenden Jahren verfolgte er verschiedenste Pläne von einer grünen Modellsiedlung bis hin zu einem Projekt für Autisten, die sich indes alle nicht realisieren ließen. Nach mehreren Zwistigkeiten mit der Stadt verkaufte er schließlich im Frühjahr das Gelände an die Stadtwerke Weinstadt, die dort jetzt den Bau eines Solarparks planen.
Führungen
Die Stadtwerke planen, Bürgern bei Führungen über das Gelände Einblick in die Baufortschritte zu geben. Laut dem Betriebsleiter Thomas Meier soll das erste solche Angebot im Januar voraussichtlich stattfinden, weitere im Halbjahresabstand.
Bürgerbeteiligung
An dem Solarpark auf dem Schönbühl sollen sich auch Bürger beteiligen können. Gemeinsam mit dem Klimabündnis Weinstadt eruiere man Beteiligungsformen mit mehr und weniger unternehmerischem Risiko, sagt Meier. Bis zum nächsten Frühjahr wolle man das Thema Energiegenossenschaft konkretisieren.