So soll es sein: Vor Baustellen wird rechtzeitig gewarnt und gebremst. Foto: Leif Piechowski

Blindes Vertrauen in die 21 Millionen Euro teure Verkehrsanlage auf der A 8 ist gefährlich: Trotz Schneeglätte zeigte sie Tempo 100 an. Nach einem Unfall mit Totalschaden wächst die Kritik.

Stuttgart - Sie hat ein Fehler im System, die neue Verkehrsbeeinflussungsanlage auf der Autobahn 8: Zwar wird Nässe und Nebel automatisch erkannt – nicht aber Eisglätte. Die Autofahrer müssen sich auf die Wachsamkeit von Polizei und Straßenmeisterei verlassen.

Ein kleiner Unfall für eine Autofahrerin, eine große Karambolage für die Verkehrssicherheit. Die mit 21 Millionen Euro in Betrieb gegangene Verkehrsanlage zwischen Leonberg und Wendlingen erweist sich als bedingt wintertauglich. Und wird bei Eisglätte gar zum Sicherheitsrisiko: Die flexible Geschwindigkeitsanzeige reagiert nicht automatisch auf Rutschgefahren – und kann dadurch Autofahrer zu Fehleinschätzungen verleiten. Eine solche endete jüngst mit einer Leichtverletzten, Totalschaden und vier Kilometer Stau – und bringt jetzt die Verantwortlichen in Bedrängnis.

Es passierte am Dienstag um 14.30 Uhr – als plötzlich der Winter mit Heftigkeit einkehrte. Eine 20-jährige Autofahrerin ist mit ihrem Opel Corsa auf der A 8 Richtung München unterwegs. Sie passiert im Schneetreiben das Autobahnkreuz Stuttgart – und die Schilderbrücke zeigt Tempo 100 als Höchstgeschwindigkeit an. Schneller ist die junge Frau auch nicht unterwegs – allerdings müsste sie noch erheblich langsamer fahren. Auf der abschüssigen Rohrer Höhe gerät der Kleinwagen ins Schleudern, prallt links gegen die Betonmauer. Die Frau erleidet leichte Verletzungen, der ältere Pkw dagegen Totalschaden.

Schneetreiben als sogenanntes Niederschlagsereignis erkannt

Zum Glück wird die Betroffene nicht vom nachfolgenden Verkehr gerammt. Die Autobahnpolizei rückt an und sperrt die linke Spur, die nach 40 Minuten wieder freigeräumt ist. Es kommt zu einem bis zu vier Kilometer langen Stau. „Aufgrund überhöhter Geschwindigkeit“, notiert später die Polizei in ihrem Bericht zur Unfallursache.

Verwundert zeigen sich die Unfallermittler allerdings darüber, dass zum Unfallzeitpunkt noch Tempo 100 angezeigt war. „Für die Verhältnisse war das ein relativ hohes Tempolimit“, formuliert es der für die Stuttgarter Autobahnpolizei zuständige Sprecher Frank Natterer. Auch wenn dies freilich einen Autofahrer nicht von der eigenen Verantwortung entbinde.

Hätte eine klare Warnung eine Fehleinschätzung der Autofahrerin womöglich verhindert? Über die Gründe der Geschwindigkeitswahl gibt es bei der Straßenverkehrszentrale Baden-Württemberg, die ihre Leitstelle in Stuttgart-Feuerbach betreibt, keine Auskunft. Leiter Thomas Bucher verweist in Sachen Verkehrsunfall auf die Zuständigkeit der Polizei.

Dabei stellt sich nun heraus, dass die Anzeige automatisch auf Tempo 100 gesetzt wurde – „wegen der Sichtbeeinträchtigung“, so Polizeisprecher Natterer. Die Anlage hatte das Schneetreiben als sogenanntes Niederschlagsereignis erkannt – und kann mit ihrem Programm auf Nebel, Regen und Nässe reagieren. Aber nicht auf Schnee- oder Eisglätte: „So etwas müsste eine Polizeistreife feststellen und der Verkehrszen­trale melden“, sagt Natterer.

„Wir sind noch im Probebetrieb“

Die Polizei könne aber nicht überall zur Überprüfung unterwegs sein. Dazu fehle es schlicht an freien Streifen. Die Unfallermittler kritisieren, dass das Tempo angesichts der Wettersituation früher hätte reduziert werden können.

Clemens Homoth-Kuhs vom Stuttgarter Regierungspräsidium bestätigt, dass die Anlage vom Programm her „noch nicht wetterfühlig genug“ sei – und nur bei Niederschlägen selbstständig aktiv werde. „Wir sind noch im Probebetrieb“, so der Behördensprecher. Die Anlage, die das Tempo auf dem 35 Kilometer langen Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Leonberg-West und Wendlingen je nach Verkehrslage regeln soll, war im Herbst 2012 gestartet worden. „Baulicherseits“, so Sprecher Homoth-Kuhs, „sind aber noch nicht alle Umfelddatensensoren verfügbar.“ Nach einer Beschreibung der Straßenverkehrszentrale gibt es insgesamt elf Messstationen „zur Detektierung des Fahrbahnzustands, des Niederschlags und der Sichtweiten“.

Bei Eisglätte versagt das System aber. Keine Automatik weit und breit: „Glätteanzeigen sind stets manuell auszuführen“, sagt der Sprecher des Regierungspräsidiums, „sie werden durch die Autobahnmeistereien oder die Polizei situationsbezogen angeordnet und wieder aufgehoben.“ An dieser handgestrickten Methode wird sich offenbar auch so schnell nichts ändern. Die Anlage könne zwar Nässephänomene aller Art registrieren, so Homoth-Kuhs. „Automatische Glättemeldungen sind technisch gar nicht möglich“, sagt er nach Rücksprache mit den Verantwortlichen der Straßentechnik.

Blitzer an fünf Stellen geplant

Dies ist freilich eine Überraschung: Seit vielen Jahren sind in Baden-Württemberg Taumittelsprühanlagen im Einsatz – eine an der A 8 am Drackensteiner Hang, eine an der B 10 auf der Stahlhochbrücke in Stuttgart-Zuffenhausen, eine an der A 81 auf der Neckarbrücke bei Horb. Hersteller von Taumittelsprühanlagen verweisen dabei darauf, dass diese „automatisch von Glatteisfrühwarnsystemen gesteuert“ werden.

Dafür kann die Anlage, voraussichtlich von April an, anderes: An fünf Stellen sollen stationäre Blitzanlagen in Betrieb genommen werden. Die Tempoüberwachungsgeräte sollen mit der Verkehrsanlage gekoppelt, aber nicht integriert werden. Geblitzt wird nahe der Raststätte Denkendorf, beim Echterdinger Ei an zwei Standorten, beim Parkplatz Sommerhofen vor Leonberg sowie auf einem Abschnitt am Dreieck Leonberg.

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