Ihre Glanzzeiten sind zwar vorbei, aber ihren Reiz haben Schallplatten noch immer nicht verloren. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Vor 75 Jahren präsentierte der Ingenieur Peter Goldmark von Columbia Records erstmals die Vorteile seiner Vinyl-LP gegenüber den Vorgängern aus Schellack.

Klassische Tonträger wie die CD sterben aus. Insofern ist die Vinylplatte die Letzte dieser Art. Seit Jahren sind Schallplatten die einzigen physischen Tonträger, deren Verkaufszahlen ansteigen. In Deutschland wurden im Jahr 2022 rund 4,3 Millionen Vinyl-LPs verkauft. Im Vergleich zum Vorjahr ist das zwar ein leichter Rückgang um 200 000 Stück, aber gegenüber dem Tiefpunkt Mitte der 1990er Jahre von jährlich nur 400 000 Exemplaren hat sich der Absatz mehr als verzehnfacht. Vor allem CDs gehören zu den Verlierern, inzwischen erzielen Downloads und Streamingdienste 80 Prozent Marktanteil. Bei den physischen Tonträgern liegen Vinylalben aktuell bei 6,2 Prozent.

 

Peter Goldmark war ein in Budapest geborener Ingenieur, der nach seinem Studienabschluss 1926 in Wien über England 1933 in die USA gelangte. Beim Radio-Network Columbia Broadcasting System (CBS) kümmerte er sich als leitender Techniker um die Entwicklung eines Prototyps fürs Farbfernsehen. Ab 1940 tüftelte er mit einem sechsköpfigen Team für die zum Konzern gehörende Columbia Records an einer Schallplatte aus dem Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC).

Es passte einfach mehr darauf

Dessen Vorteil gegenüber Schellack – ein Harz, das Schildläuse absondern – lag auf der Hand: Störgeräusche konnten reduziert werden. Und da die Drehzahl von 78 auf 33 Umdrehungen gesenkt wurde, passten nicht nur vier, sondern nun 23 Minuten Musik auf jede Plattenseite. Außerdem eigneten sich die zwölf Zoll (30 Zentimeter) großen Scheiben wegen ihrer Robustheit besser für den Versand.

Obwohl PVC damals teuer war, kosteten die Vinylplatten rund ein Drittel weniger als die Schellack-Scheiben. Die Materialersparnis gelang mit einem Trick. „Um weniger Vinyl zu verbrauchen, mussten wir die Platten dünner machen“, erinnerte sich Goldmark. Weil die Platten mit einem Gewicht von 120 Gramm zu Verwölbungen neigten, benötigte das Vinyl mehr Stabilität. Dafür sorgte eine neue Art der Pressung.

Als Geburtsstunde der ersten Vinyl-LP mit 33 Umdrehungen gilt der 21 Juni 1948. Im New Yorker Waldorf-Astoria Hotel präsentierte Columbia Records sein „revolutionäres, nahezu unzerbrechliches Produkt“. Damit entstand ein neuer Standard bei Tonträgern, der über Jahrzehnte zur Norm der kommerziellen Musikvervielfältigung wurde.

Eine Woche nachdem im New Yorker Waldorf-Astoria Hotel die Entwicklung eines neuen Tonträgers bekannt gegeben worden war, brachte Columbia Records die erste Vinyl-LP auf den Markt: das „Violinkonzert in e-Moll“ von Felix Mendelssohn Bartholdy mit dem Geiger Nathan Milstein und dem New Yorker Philharmonic Symphony Orchestra unter der Leitung von Bruno Walter. Bis Ende 1948 gingen davon 1,25 Millionen Alben über die Ladentische.

Im Plattenkrieg entstand die Single

Columbia Records hatte von Beginn Interesse an einem schnellen Übergang. CBS-Manager trafen sich mit den Entscheidern der Radio Corporation of America (RCA), ihrem größten Konkurrenten. Doch das Angebot, die neue LP-Technologie mit ihnen zu teilen, lehnten die neuen Partner ab. Im „Plattenkrieg“ stellte RCA 1949 stattdessen eine eigene, sieben Zoll große Single-Platte (17 Zentimeter Durchmesser) mit 45 Umdrehungen vor – die Single.

Innerhalb des ersten Jahres erreichte der Verkauf von Schallplatten von Columbia Records einen Umsatz von gut drei Millionen Dollar, geschäftlich fast ein Flop. Noch war die Kundschaft skeptisch, aber der Umstieg war nicht mehr aufzuhalten, schon 1952 bestand die Hälfte der in den USA verkauften Schallplatten aus Vinyl.

Dank tragbarer Miniplattenspieler wurden auch die kleinen 45er-Scheiben populär, so konnten die Hits von Elvis Presley, Chuck Berry oder Bill Haley überall abgespielt werden. 1958 stellten die großen Labels die Herstellung der 78er-Platten komplett ein. Die Vinyls verhalfen dem Rock ’n’ Roll zum Durchbruch und auch im Pop- und Rockzeitalter der 1960er bis 80er Jahre waren die schwarzen Scheiben neben dem Radio ein Grundpfeiler für den Erfolg populärer Musik. 1982 verkaufte Michael Jackson von seinem Album „Thriller“ 60 Millionen LPs.

Ab 1984 übernahmen CDs die Vorherrschaft als Tonträger. Doch vor 15 Jahren stieg die Nachfrage nach Platten wieder an. Neben älteren Semestern, die mit Schallplatten groß geworden sind, bekundeten nun auch immer mehr junge Leute ihr Interesse – eine neue Lust am Analogen in einer zunehmend digitalisierten Welt. In Elektronikmärkten wurden die Schallplattenabteilungen ausgeweitet, viele Musikschaffende brachten ihre Alben wieder auf Vinyl heraus. Selbst erfolgreiche ältere Alben wurden neu abgemischt und wieder veröffentlicht.

Ein haptisches Erlebnis

Schallplatten machen Musik begreifbar. Sie müssen erst aus der Hülle genommen werden, dann werden sie auf den Plattenteller gelegt, die Nadel aufgesetzt – ein haptisches Erlebnis. Ähnlich wie bei Zeitungen aus Papier gibt es Menschen, die es bevorzugen, ein Produkt in den Händen zu halten.

Aufwendig gestaltete Cover ließen die Platte in ihrer Hochzeit als Gesamtkunstwerk erscheinen. 1967 entwarf Andy Warhol das Bananen-Cover fürs Velvet-Underground-Debüt. Auch die Idee mit dem realen Reißverschluss auf „Sticky Fingers“ von den Rolling Stones von 1971 stammte von ihm.

Kritiker bemängeln, dass die Wiedergabe von Schallplatten durch Gleichlaufschwankungen, Knistern oder Rumpeln gestört wird. Dafür bieten sie aber einen unvergleichlich weichen Klang, anders als viele auf Kompression ausgerichtete digitale MP3s oder Streamingangebote.

Alte Alben erzielen immer noch hohe Preise. Mit Raritäten lassen sich Summen im drei- bis sechsstelligen Bereich erzielen. Laut dem britischen „Rolling Stone Magazine“ gehört eine spezielle Pressung des „White Album“ der Beatles mit 600 000 Euro zu den wertvollsten LP-Schätzen.

2015 versuchte das „Fidelity Online Magazine“ die Frage nach der Haltbarkeit von Vinylplatten mit einem Dauertest zu beantworten. Danach setzt erst bei 900 bis 950 Abspielungen ein merklicher Verschleiß ein.

Eine runde Sache

Schellack
 Die Schallplatte erfunden hatte 1887 der Deutsche Emil Berliner in den USA. Sie bestand zunächst aus Hartgummi, später aus einem Verbund von Baumwollflocken, Schieferpulver, Ruß und Schellack.

Vinyl
Als Geburtsstunde der ersten Vinyl-LP mit 33 Umdrehungen gilt der Sommerbeginn des Jahres 1948. Im New Yorker Waldorf-Astoria Hotel präsentierte Columbia Records sein „revolutionäres, nahezu unzerbrechliches Produkt“. Damit entstand ein neuer Standard bei analogen Tonträgern, der über Jahrzehnte zur Norm der kommerziellen Musikvervielfältigung wurde.