Stuttgart nach dem Kriegsende: Etwa 45 Prozent der Stadt gelten als zerstört – die Stiftskirche (die beiden Türme sind im Bildzentrum zu sehen) wird später wieder aufgebaut, große Teile des Rathauses (Gebäudekomplex rechts mit Turm) werden abgerissen Foto: Ottmaier

Überall Trümmer. Besiegte Menschen. Pure Verzweiflung. Trostlose Aussichten. Als am 22. April 1945 für Stuttgart der Zweite Weltkrieg endet, ist die Stadt in schrecklichem Zustand. Ob sie aus Ruinen zu neuer Größe wiederauferstehen wird, weiß da niemand.

Stuttgart - Schwein muss man haben. So wie Stuttgart. In den Tagen, die sich jetzt zum 70. Mal jähren, lastet zwar die Kriegstragödie schwer auf der Stadt, aber in ihrem Unglück haben die Stuttgarter doch noch ein wenig Glück: Die maximale Zerstörung, die Sprengung aller wichtigen und noch tauglichen Anlagen, die Politik der verbrannten Erde finden nicht statt.

Weil jene, die es beeinflussen können, es verhindern wollen und können. Doch wie schnell Stuttgarts Stern wieder aufsteigen würde, ist damals keineswegs klar.

Interaktive Vorher-Nachher-Bilder zeigen, wie Stuttgart sich seit damals verändert hat.

Zunächst überschlagen sich die Ereignisse. Den Schicksalstagen folgen harte Jahre. Aber der Reihe nach.

1. April 1945

Die Niederlage der Deutschen ist längst absehbar. Der Wahnsinn der verblendeten Nationalsozialisten hat die Stadt aber noch die letzten Tage zuvor im Griff gehabt. Stuttgarter Unternehmer treffen sich mit OB Karl Strölin, um zu beraten, wie die vom Regime angeordnete Räumung der Stadt und die Zerstörung der Betriebe vor dem Eintreffen der Kriegsfeinde verhindert werden könnten.

10. April 1945

Sogar der von den Nazis eingesetzte OB Strölin, Oberst von Scholley sowie der NS-Kreisleiter setzten sich wie der junge, zu einem Widerstandskreis zählende Anwalt Arnulf Klett für die Verhinderung von Zerstörungen ein. Gauleiter Wilhelm Murr lehnt ab und fordert einen Kampf bis aufs Messer. Doch Strölin versucht den sich nahenden französischen Streitkräften durch einen Mittelsmann zu signalisieren, dass man zur Übergabe der Stadt bereit sei.

13. April 1945

Sogar jetzt sind die Schergen des Diktators Adolf Hitler unerbittlich. Else Josenhans, Spross einer bekannten jüdischen Familie, wird nach übelsten Misshandlungen im Gestapo-Hauptquartier Hotel Silber von einem sadistischen Polizisten, der nie bestraft werden wird, erhängt.

19. April 1945

Stuttgart wird zum 53. und letzten Mal bombardiert. Es gibt einen Toten und sieben Verletzte zu beklagen – einen Tag bevor französische Panzer vor Stuttgart auffahren und gegen Abend, ohne auf Gegenwehr zu treffen, den Stadtteil Plieningen besetzen. Insgesamt sind rund 4562 Stuttgarter bei Fliegerangriffen umgekommen, über 15 000 im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft gestorben. 1486 starben im Widerstand. Rund 1000 deportierte jüdische Bürger allein aus Stuttgart starben in Konzentrationslagern oder wurden in den Selbstmord getrieben.

21. April 1945

Französische Panzer rollen über die Weinsteige nach Stuttgart hinunter, als deutsche Soldaten noch Neckarbrücken sprengen und die SS noch den kommunistischen Widerständler Eugen Schlotterbeck erschießt.

Es ist vorbei

22. April 1945

Für Stuttgart geht der Krieg, 16 Tage vor Deutschlands bedingungsloser Kapitulation am 8. Mai, zu Ende. OB Strölin übergibt die Stadt im Hotel Ritter in Degerloch den nach Stuttgart nachrückenden französischen Truppen unter General Jacques F. Schwartz. Zur gleichen Zeit treffen US-Truppen, vom Remstal kommend, in Cannstatt ein. In der Ruinenstadt Stuttgart leben zu diesem Zeitpunkt über 260 000 Menschen.

23. April 1945

In der Villa Ruoff in der Richard-Wagner-Straße teilt ein französischer Offizier dem OB seine Absetzung mit. Strölin darf aber einen Nachfolger vorschlagen. Wenige Stunden später sagt ihm der langjährige Nazi-Widersacher Arnulf Klett zu, dass er sich als neuer OB zur Verfügung stellt.

Schon am 24. April macht sich Klett, der in Verwaltungsdingen völliger Laie ist, mit Improvisationsgabe und bedingungslosem Einsatz an die Arbeit. Sein Job ist die Vermittlung zwischen Siegern und Besiegten – und die Verwaltung des Mangels. Im Entbindungsheim Sophie Mayer in der Schönleinstraße ist sein erster Amtssitz. Im Zimmer steht noch eine Wickelkommode, an der Tür ist zu lesen: „1 Kind, 1 Bett“. Wo soll der kommunale Geburtshelfer zuerst beginnen? Von ehedem 63 000 Gebäuden sind nur noch 6200 völlig oder weitgehend intakt.

Neben Schutthalden ragen Gebäudeskelette und Kamine in die Höhe

Von den Häusern gelten mindestens 45 Prozent als zerstört. Wer am Bahnhof in dieser gespenstischen Stadt ankommt, kann hinauf sehen bis zum Hegelplatz. Neben Schutthalden ragen Gebäudeskelette und Kamine in die Höhe. Bald drängen pro Woche bis zu 10 000 Neuankömmlinge in die Stadt. Am 11. August wird Stuttgart wegen Überfüllung geschlossen: Klett verfügt eine Zuzugssperre, die den Rückstrom der Flüchtlinge und Evakuierten stoppen soll. Mit mäßigem Erfolg.

Noch 1948, drei Jahre nach dem Kriegsende, hausen 1549 Menschen in Stuttgart in Bunkern, weitere 2822 in Baracken und 3800 in Wohnungen, die überbelegt sind und die Menschen zum Wohnen auf engstem Platz zwingen. Die letzten Baracken, die auf der Schlotwiese in Feuerbach sowie in Büsnau für Flüchtlinge errichtet worden waren, verschwinden erst elf Jahre nach dem Krieg.

Die Stuttgarter hausen nicht nur notdürftig, sie hungern auch. Dafür gibt es Trümmer satt. Ihre Beseitigung, so der frühere Stadtarchivar Paul Sauer, wird Ehrenpflicht. Auf dem Stadtgebiet liegen 4,9 Millionen Kubikmeter Schutt. 1,5 Millionen Kubikmeter kommen auf einem Schienenweg zum Birkenkopf, der schon bald Monte Scherbelino heißt.

Trümmerbeseitigung am 31. Oktober 1953 feierlich beendet

Als dort die letzte Lore mit Schutt ausgekippt wird (heute würde die Menge rund 400 000 Lkw-Ladungen entsprechen), ist der Berg von einstmals 471 Metern um 40 auf 511 Meter angewachsen. An mehreren Stellen in der Stadt werden gleich nach dem Kriegsende Verwertungsanlagen aufgebaut, mit denen man Splitt und Steine für den Wiederaufbau gewinnt. Als die Trümmerbeseitigung am 31. Oktober 1953 am Hegelplatz feierlich endet, hat die Gesellschaft für die Trümmerverwertung und -beseitigung 721 000 Kubikmeter Ziegelsplitt produziert und Mauersteine für 10 000 der 42 500 Wohnungen, die seit Kriegsende entstanden.

So hart die Stunde null gewesen war – die Stuttgarter haben weitere harte Jahre zu bestehen. Besonders 1947. Es beginnt mit der Brennstoffnot. Die Theater verlangen im Januar, dass die Besucher Holz mitbringen. Nachts streift man durch die Wälder, um brennbares Holz zu finden, erinnerte sich vor einigen Jahren der pensionierte Tiefbauamtsleiter Erich Schurr, der in Dürrlewang wohnt.

Am 6. Februar 1947 ruft der Gemeinderat vorübergehend den allgemeinen Notstand aus. Nach dem Brennstoffmangel verschärft sich der Mangel an Lebensmitteln, im Juli drehen die Technischen Werke den Haushalten wiederholt das Wasser ab. Diese Lektion sitzt. Klett rastet nicht, bis er am 16. Oktober 1958 in Sipplingen ein Pumpwerk in Betrieb nehmen und mit Bodenseewasser Stuttgarts Versorgung sichern kann.

Der Aufbau braucht jede Hand und jeden Kopf

Der Aufbau braucht jede Hand und jeden Kopf. 25 Jahre werde diese Phase dauern, sagte Klett voraus. Doch wie ihr OB schaffen die Stuttgarter ein bisschen schneller. Die schwäbische Mentalität und der starke Willen der Menschen seien dafür verantwortlich gewesen, sagte Erich Schurr.

Der OB weiß manchmal nicht, wo ihm der Kopf steht, aber er ist voll auf Fortschritt programmiert. Manchmal wettert er gegen Lethargie, mangelnden Arbeitswillen und Denunziantentum. Doch der „Spiegel“ bescheinigt im Mai 1949: Stuttgart habe schneller als andere Städte den Schutt weggeräumt, sei die erste deutsche Großstadt, in der man nachts ohne Gefahr für Leib und Leben auf die Straße konnte.

Dabei hatte es der Kripochef der neuen städtischen Polizei zunächst mit 27 Morden in sechs Monaten zu tun. Der Schwarzmarkt blüht, und mehr als einmal klagt Klett den Amerikanern, die am 22. April zunächst die Stadtteile rechts des Neckars besetzten und am 8. Juli das Kommando in Stuttgart übernahmen, das Leid mit den Displaced Persons. Das sind Verschleppte und Zwangsarbeiter, die in Stuttgart blieben und das Wohlwollen der Sieger genossen. Die neue Besatzungsmacht bringt aber einen Stilwechsel mit sich. „Erst als die Amerikaner kamen, waren wir befreit“, sagte der Journalist Hans-Dieter Reichert, der das Kriegsende im Stuttgarter Osten erlebt hatte, damals noch keine zehn Jahre alt.

Mit der Währungsreform, erinnerte sich Erich Schurr, kam auch in Stuttgart der ­Aufschwung. Über Nacht tauchen Waren auf, wo im Jahr zuvor wie in der Calwer ­Straße noch Schaufenster vernagelt waren. Der Anschub der Wirtschaft, der Ausbau der Infrastruktur und die Hinwendung zur ­Modernität sind Kletts Grundthemen. Mit seinem Aufbau-Beauftragten Walther Hoss baut er bald Schneisen für Autos. 1962 ­besiegeln sie das Schicksal des zerstörten Kronprinzenpalais. So gesehen dauert das Aufräumen also 17 Jahre.

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