Günther Schäfer ist VfBler durch und durch. Seit mehreren Jahrzehnten ist der gebürtige Waiblinger ein sogenannter Dunkelroter. Und ein Kind der Bundesliga. Das ist sein Blick auf über 45 Jahre im Business.
Drei Abstiege, drei Meistertitel, zwei davon als Spieler. Günther Schäfer stand als Teenager in der Kurve, wurde beim VfB Stuttgart erst zum Stammspieler, dann eine der härtesten Abwehrkanten der Liga. Später war er Co-Trainer, Leiter der Fußballschule, seit 2015 ist er Teammanager. Kurzum: „Günne“, wie den 61-Jährigen alle nennen, egal ob Fan, Freund, Mitarbeiter oder Spieler, ist eine Legende des Clubs. Kann es einen besseren Zeitzeugen geben, um über das anstehende Jubiläum der Bundesliga zu sprechen? Wohl nicht.
Herr Schäfer, Sie debütierten 1980 beim VfB Stuttgart . . .
Aber dabei war ich schon viel früher! 1974/75 stand ich als Jugendlicher schon in der Kurve, habe mitgefiebert. Im August 1980 feierte ich dann mein Bundesliga-Debüt gegen den 1. FC Kaiserslautern. Trainer Jürgen Sundermann wechselte mich in der 71. Minute für Dragan Holcer ein.
Wenn Sie die zurückliegenden Jahrzehnte Revue passieren lassen, kann man das Fußballgeschäft von damals noch mit dem heute vergleichen?
Nicht wirklich. Gut, wir haben auch Fußball gespielt. Aber dann hört es eigentlich schon auf. Das ganze Drumherum ist heute ein riesiges Business. Und für die Spieler ist es etwas völlig anderes. Die Spieler können heute quasi nicht mehr privat raus, werden überall erkannt. Die Smartphones sind schnell gezückt. Spätestens Social Media hat da eine Zeitenwende eingeläutet. Wir konnten uns damals auch nicht alles erlauben. Aber ab und an mal eine Feier, auch mal ein Kaltgetränk. Das ging. Heute ist so etwas Sekunden später sichtbar überall auf der Welt. Das gab es damals nicht, wir hatten es da einfacher.
Was es damals auch noch nicht gab, war eine konsequente Erfassung von Daten und Statistiken. Das begann erst in den vergangenen Jahren so richtig.
Das stimmt. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit als Co-Trainer unter Matthias Sammer. Damals haben wir noch Spielanalyse und Spielvorbereitung mit VHS-Kassetten gemacht. Wir haben so lange hin und her gespult, bis manchmal nur noch Fetzen vom Band übrig waren. Heutzutage wird alles automatisch getrackt. Der Spieler und seine Werte sind gläsern. Alles ist nur einen Klick entfernt, und dadurch hat die Trainingsarbeit einen riesigen Schritt gemacht. Es hilft, es ist definitiv eine große Verbesserung im Vergleich zu früher. Es eröffnet großartige Möglichkeiten, und die muss man wahrnehmen. Aber: Früher war halt auch mal ein Sprint weniger okay, ist nicht aufgefallen. Heute? Keine Chance! (Lacht)
Mit Blick auf die Statistiken von Ihnen fällt auf, dass Sie einen Rekord beim VfB halten. Welchen?
Ich denke, es sind die 86 Gelben Karten.
Es sind nur 83.
Nehm ich! (Lacht) Im Ernst: Ich war ein harter Hund, habe weder mich noch meine Gegenspieler geschont. Aber ich war nie unfair. Und ich habe nie diskutiert. Da ist keine einzige Gelbe Karte wegen Meckerns dabei. Mir war immer wichtig, mit einem gewissen Respekt gegenüber dem Schiedsrichter aufzutreten. Es war damals auch vielleicht ein wenig einfacher. Man kannte sich, die Unparteiischen waren richtige Autoritäten. Da wurde auch mehr kommuniziert als heute.
Abwehrkante mit nonverbaler Zeichensetzung
Es gab mal eine Abwehrkante in der Liga, der hat seinem Gegenspieler immer schon im Kabinengang gesagt, dass es jetzt gleich wehtun würde.
Wer war das?
Herbert Finken von Tasmania Berlin, Bundesliga-Verteidiger in der Saison 1965/66. Von ihm ist überliefert, dass er seine Gegenspieler mit dem Spruch „Guten Tag, mein Name ist Finken. Und du wirst gleich hinken“ im Spielertunnel begrüßt hat. Hatten Sie auch so ein Ritual?
(Lacht) Nein, so etwas habe ich nie gemacht. Ich wusste aber auf dem Spielfeld ein Zeichen zu setzen. Das ging auch nonverbal ganz gut. Doch wie schon gesagt: immer mit Respekt und nie unfair. Aber wir reden hier von Fußball. Da darf es schon einmal in einem Zweikampf zur Sache gehen. Das gehört doch dazu! Früher hat man da auch nie groß lamentiert. Auch wenn man mal derjenige war, der einstecken musste. Heute ist das ein wenig anders.
Sie sind jetzt seit 1980 quasi immer im Spieltagsrhythmus. Früher als Spieler, dann als Co-Trainer, heute als Teammanager. Haben Sie irgendwann nicht einmal genug davon?
Ich hoffe, nicht. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich dem VfB dienen darf. Ohne den Club kann ich nicht leben.
Ist wirklich kein Ende in Sicht?
Sehen Sie, wir haben eine tolle Gruppe. Es macht wahnsinnig Spaß. Ich hoffe, dass ich das noch mindestens bis ins Rentenalter genießen darf. Wissen Sie, was Peter Reichert (ebenfalls Teammanager und seit über 40 Jahren dabei) immer zu mir sagt?
Nein.
Dich tragen sie irgendwann hier raus. Wahrscheinlich wird er recht behalten.