Seit 50 Jahren versuchen die Ehrenamtlichen vom Weltladen Herrenberg, die Welt ein bisschen besser zu machen. Eines der Gründungsmitglieder war der spätere Bundespräsident Horst Köhler.
Sie hat die Armut selbst gesehen in den Ländern der „Dritten Welt“, wie sie damals hießen, jene Länder, die heute als „globaler Süden“ bezeichnet werden. Eine Erfahrung, die Katja Klaus geprägt hat und die sie aus ihrem sozialen Gewissen heraus handeln ließ. Katja Klaus, von Beruf Sonderpädagogin, ist heute eine der beiden Vorsitzenden des Weltladens Herrenberg, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Das Ziel ist, überflüssig zu werden
Weltverbesserung? Vielleicht: „Unser Ziel ist es, überflüssig zu werden“ sagt Katja Klaus, das heißt, dass die Idee des fairen Handels sich global durchsetzen soll und einen Warenverkehr ermöglichen, in dem niemand ausgebeutet wird und in dem jeder von seiner Hände Arbeit in Würde leben kann und Zugang zu Bildung und Kultur hat. Ein fernes Ziel, aber eines, dem der Handel in den letzten 50 Jahren ein gutes Stück näher gekommen ist. Im Jahr 1974, als in Herrenberg der Startschuss fiel für den Dritte-Welt-Laden war es undenkbar, dass ein Supermarkt oder eine Discounter-Kette fair gehandelte Produkte verkaufte oder Bio-Gemüse im Sortiment hätte.
Heute gehört es zum guten Ton und geht bis ins Billig-Segment. Natürlich würde bis heute kein Supermarkt solche Waren anbieten, wenn es nicht eine Nachfrage dafür gäbe. Das Bewusstsein dafür bei den Kunden haben unter anderem Träger der Dritten-Welt-Läden geschaffen, die auch unermüdlich politische Arbeit leisteten.
Vom Dritte-Welt-Laden zum Weltladen
Heute heißt das Geschäft in der Nonnengasse 2 schlicht: „Weltladen“. Es könnte eine ganz normale Boutique sein, mit Taschen, Spielsachen und einer Lebensmittel-Ecke, wo es Schokolade, Kaffee und Gewürze gibt. Dass die Verkäufer dort ehrenamtlich tätig sind, merkt man ihnen nicht an, auffällig ist höchstens, dass das Personal häufig wechselt. 63 Mitglieder sind ehrenamtlich in und um den Weltladen tätig. Eine Konkurrenz zum klassischen Handel sieht der Trägerverein nicht, im Gegenteil, mittlerweile ist der Weltladen das einzige Ladengeschäft direkt am Herrenberger Marktplatz. Und das nicht, weil er die anderen Läden in die Knie gezwungen hätte.
Kein Vergleich jedenfalls zu dem winzigen Verkaufsraum in einer alten Waschküche in der Stuttgarter Straße, in der die Geschichte des Herrenberger Weltladens ihren Anlauf nahm. 1974 waren die letzten Auswirkungen der Entkolonialisierung noch direkt zu spüren. Der Vietnamkrieg loderte, in Südafrika herrschte die Apartheid, Südamerika wurde von Revolutionen erschüttert und von Diktatoren geplagt, die oftmals von den USA unterstützt wurden. In Deutschland und vielen anderen Ländern des Westens herrschte das Gefühl, dass der Reichtum im Norden mit der Armut im Süden zusammenhinge und dass die Industriestaaten die Entwicklungsländer in politische und wirtschaftliche Abhängigkeit brächten. Dazu kamen die Hunger- und Umweltkatastrophen, die viele Länder des globalen Südens heimsuchte.
Der Vietnamkrieg loderte
Seit dem Aufbruch der 68er war der politische Blick in Deutschland geschärft worden. Nicht nur studentische, auch bürgerliche Milieus wollten diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen und versuchten, einen fairen Handel zu etablieren. Aber auch viele kirchlichen Gruppen begannen aktiv zu werden. In Herrenberg waren das der Arbeitskreis Gottesdienst und Musik und die Pfadfinder. Nachdem ein Verein namens Partnerschaft Dritte Welt gegründet worden war, startete nach langen und schwierigen Grundsatzdiskussionen am 5. Oktober, 1974, der Verkauf im Dritte-Welt-Laden. Eines der sieben Gründungsmitglieder war der spätere Bundespräsident Horst Köhler, der damals noch wissenschaftlicher Referent an der Universität Tübingen war.
Viel ging über persönliche Kontakte
„Viel ging damals über persönliche Kontakte“, berichtet Katja Klaus. Die Mitglieder der ersten Stunde hatten auf Reisen bäuerliche Kooperativen im globalen Süden kennengelernt und die alternativen Handelswege frei gemacht. Man hat sich gegenseitig besucht, und die Kontakte sind bis heute erhalten. „Nicht nur mit den Kooperativen, die Kakao oder Kaffee liefern, auch mit den Erzeugern selbst“, berichtet Katja Klaus.
Damals wie heute ging es darum, die gesamten Lieferketten offen zu legen, damit klar dokumentiert werden kann, dass alle beteiligten Produzenten und Händler faire Löhne bezahlen, ihre Mitarbeiter nicht ausbeuten und dafür sorgen, dass keine Kinder angestellt sind. Damals wie heute geht es auch darum, die Wegwerfmentalität besonders in der Textilindustrie abzuschütteln, und nach wie vor geht es darum, den Erzeugern faire Preise zu zahlen. „6,6 Prozent vom Verkaufspreis an der Schokolade bekommt der Erzeuger auf dem Weltmarkt, fair gehandelt fließen 25 Prozent des Verkaufspreises dem Erzeuger zu“, rechnet Katja Klaus vor. Die Schokolade sei dann natürlich teurer als im Discounter, doch „wenn ich eine hochwertige Schweizer Marke kaufe, dann bezahle ich genauso viel.“ Das ist in ihren Augen Entwicklungshilfe, die Sinn ergibt.
„Eure Almosen könnt ihr behalten!“
Den wütenden Satz des brasilianischen Befreiungstheologen und Bischofs Dom Hélder Câmara „Eure Almosen könnt Ihr behalten, wenn Ihr gerechte Preise zahlt“, ist demnach fast ein Motto der Tätigkeit des Weltladens geworden.
Politische Information im Vordergrund
Erstaunlich ist dabei, dass die Gründer damals den hoch renommierten Wirtschaftsminister Erhard Eppler direkt um Unterstützung bitten konnten. Die kam auch prompt – samt ausführlichen Hinweisen und Einschätzungen für die Gründer. Die Ladeneinrichtung kam durch Spenden zusammen, der Verkauf konnte beginnen – mit Waren aus zehn Ländern, vor allem aus Afrika.
Wer die Zeit noch erlebt hat, der weiß, wie schwierig und ermüdend solche Projekte waren, weil alles wieder und wieder diskutiert wurde, und auf seine linke politische Korrektheit abgeklopft wurde. Vor allem, weil die Herrenberger mit ihrem fairen dem Lage Laden ja Pionierarbeit leisteten. So wundert es nicht, dass über mit dem Laden ein großer Versammlungsraum eingerichtet wurde. Überhaupt sollte die politische Information stets den Vorrang in der Arbeit des Dritte-Welt-Ladens werden. Eine Hauszeitung entstand, Straßenaktionen wurden unternommen, Spenden wurden gesammelt.
Die Welt hat sich seither gedreht, die starre Einteilung ist längst aufgehoben zwischen der sogenannten Ersten Welt, den westlichen Industrienationen, der Zweiten Welt, den damaligen Ostblock-Staaten samt den Schwellenländern, und der Dritten Welt, dem verarmten Süden. Aus den „Dritte-Welt-Läden“ wurden die „Eine-Welt-Läden“ und schließlich im letzten Schritt die „Weltläden“, so wie auch das Geschäft in Herrenberg jetzt heißt. Ebenfalls nach langer Diskussion, berichtet Katja Klaus, auch hier herrscht also Kontinuität.
Ob das Fernziel, überflüssig zu werden je erreicht werden kann, hängt wohl mit der Frage zusammen, ob es je Gerechtigkeit auf der Welt geben wird. Das sei dahin gestellt. Dass aber jene Menschen, die Ungerechtigkeit nicht hinnehmen wollen, einen fairen Handel über 50 Jahre erfolgreich betreiben können, ist sicherlich ein gutes Zeichen.
Der Weltladen hat ein Jahres -Programm mit rund 25 Veranstaltungen. Es ist online zu finden unter https://weltladen-herrenberg.de