Das 50-Jahr-Jubiläum des Landkreises Ludwigsburg wurde am Wochenende mit einem Fest gewürdigt. Vor fünf Jahrzehnten bei der Gründung waren indes nicht alle in Feierlaune.
Der Geschäftsteil 313 im Landratsamt Ludwigsburg dürfte in der Beliebtheitsskala der meisten Bürger relativ weit unten rangieren. Denn wem Post aus dieser Abteilung ins Haus flattert, der wird in der Regel eines Verkehrsvergehens beschuldigt und muss den Geldbeutel öffnen. Am Samstag war der Ansturm auf die Bußgeldstelle aber wahrscheinlich so groß wie noch nie. Und alle Besucher wollten geblitzt werden – und wurden dafür sogar belohnt. Das Foto von ihrer rasanten Fahrt mit einer Art Kettcar bekamen sie nach Hause geschickt.
Blick hinter die Kulissen
Es handelte sich dabei um eine der vielen Mitmachaktionen, mit der die Besucher am Wochenende bei der großen Sause unterhalten wurden, mit der rund um die Verwaltungsgebäude an der Hindenburgstraße das 50-jährige Bestehen des Landkreises Ludwigsburg in seinem heutigen Zuschnitt zelebriert wurde. Dabei bestand auch die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken und sich von Mitarbeitern den Berufsalltag schildern zu lassen. Zig Vereine und Organisationen informierten zudem an Ständen über ihre Angebote und Aufgaben. An verschiedenen Stellen auf dem Gelände schallte einem auch immer wieder Livemusik entgegen.
So auch gleich am Freitagabend, als zum Auftakt die Höhner das Publikum auf Trab bringen sollten. Die Kölner packten vor rund 3000 Zuhörern Gassenhauer wie „Viva Colonia“ oder „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ aus, hatten zugleich neue Kassenschlager wie „Prinzessin“ mit im Gepäck. Dieses Hitfeuerwerk entfachte im Publikum prächtige Stimmung, selbst die La-Ola-Welle schwappte zum Schluss durch die Menge.
Bus, der keinen Fahrer braucht
Ganz so ausgelassen war die Gemütslage selbstredend am Samstagmorgen noch nicht, als die ersten Gäste schon wieder im und ums Kreishaus herum flanierten. Alt und Jung konnten zum Beispiel einen autonom fahrenden Bus inspizieren, beim Fachbereich Haushalt Memory mit Motiven alter Haushaltseinbände spielen oder sich von der Mannschaft des Kreismedienzentrums erklären lassen, welche vielfältigen digitalen Formate wie VR-Brillen schon heute im Schulunterricht eingesetzt werden können. Ein Schmankerl war auch die Schauübung mit Feuerwehrfahrzeugen, wie sie vor 50 Jahren ausrückten. Die Drehleiter aus Hemmingen war für damalige Verhältnisse freilich topmodern, hatte den Rettungskorb sogar schon fest montiert.
Polizei kommt mit 70 PS
„Das war eine Revolution“, sagte Kreisbrandmeister Andy Dorroch, der das Schauspiel kommentierte und dabei auch auf den grün-weißen VW Jetta der Polizei einging, der lediglich 70 PS auf die Straße bringt und für den besonderen Anlass aus dem Polizeimuseum Stuttgart nach Ludwigsburg manövriert worden war. Geschichtsinteressierte haben vielleicht vor dem Stand des Kreisarchivs auch die Niederschrift zur Konstituierenden Sitzung des Kreistags entdeckt, die dort ausgestellt war. „Das ist eine Art Gründungsurkunde“, sagte Kreisarchivar Wolfram Berner. Dass die Kreisreform mit der Reduzierung von 63 auf 35 Verwaltungseinheiten seinerzeit nicht überall Jubelstürme auslöste, davon weiß Klaus Herrmann ein Lied zu singen. So habe in der Gegend um Leonberg helle Aufregung geherrscht, sagt der langjährige Kreisrat, der selbst aus Gerlingen stammt. Der Kreis Leonberg sollte ebenso wie die Verwaltungseinheiten Vaihingen/Enz und Backnang aufgelöst und Teile davon wie eben Gerlingen Ludwigsburg zugeschlagen werden. Der heute 63-jährige Herrmann mischte sich als Teenager unter die Widerständler. Auf seiner Schultasche prangte das Logo „Leo muss bleiben“, erzählt er. Im Rückblick sei die Reform aber ohne Wenn und Aber richtig gewesen, betont Herrmann.
Für die Aufgaben der Zukunft auf Landkreisebene wie die Koordination des Müllwesens, des Gesundheitssektors oder der Organisation des ÖPNV habe es schlicht größere Verwaltungseinheiten gebraucht, bestätigt Manfred Hollenbach. Eine Opposition habe sich auch nur dort gebildet, wo direkte Betroffenheit herrschte, sagt der 77-jährige CDU-Kreisrat, der von 1972 bis 2012 in Murr Bürgermeister war. „In Murr hat das keinen interessiert“, sagt er. Ein Hauen und Stechen habe aber um das früher eigenständige Gronau eingesetzt, das erst nach langwierigen Diskussionen aus Heilbronn nach Ludwigsburg abwanderte. Das ganze Obere Bottwartal mit Beilstein, Schmidhausen, Oberstenfeld und Gronau einem Landkreis zuzuschlagen, war daran gescheitert, dass Beilstein beim Landkreis Heilbronn verbleiben wollte.
Wenngleich diese alten Geschichten manchmal hochkochen und der Run auf die vor einigen Jahren neu erlaubten Autokennzeichen „LEO“ oder „VAI“ groß war, ist Klaus Herrmann doch überzeugt davon, dass die 1973 frisch Ludwigsburg zugeteilten Kommunen mittlerweile voll integriert sind.
Bauanträge übers Internet
Davon abgesehen seien die Landkreise „damit für die Zukunft fit gemacht“ worden, betont der Ex-Landrat Rainer Haas. „Der Landkreis Ludwigsburg wurde so zu einem der größten und leistungsfähigsten Landkreise, nicht nur landes-, sondern bundesweit“, erklärt er. Haas denkt auch zufrieden an seine 24 Jahre im Amt (von 1996 bis 2020) zurück, erkennt nur wenig, „was ich aus der Rückschau anders gemacht hätte“. Die Hauptherausforderung der Landkreisverwaltung für die Zukunft sieht sein Nachfolger und amtierender Kreischef Dietmar Allgaier „in der zunehmenden Digitalisierung, mit deren Hilfe wir unseren Kundinnen und Kunden immer mehr Dienst- und Serviceleistungen anbieten wollen“. Ziel sei es, für viele Erledigungen künftig nicht mehr persönlich ins Kreishaus kommen zu müssen, sondern von Zuhause aus das online zu erledigen. „Die Bandbreite digitaler Leistungen wird dabei von Baugenehmigungen bis Fahrzeugzulassungen reichen“, prognostiziert Allgaier. „Über die Landkreisverwaltung hinaus gedacht wären kürzere Entscheidungswege wünschenswert“, fügt er hinzu. Viele Verfahren dauerten immer noch zu lange.