Vor 50 Jahren hat Wolfgang Mareczek das Weil der Städter Kino übernommen. Jetzt feiert es runden Geburtstag. Trotz großen Multiplex-Häusern und Streaming sorgt sich der Kino-Chef nicht um die Zukunft der Branche.
Das Jahr 1973 neigt sich dem Ende zu, als in Deutschland gerade Menschen an autofreien Sonntagen über leere Autobahnen spazieren, „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Joachim Fuchsberger über die Leinwände der Nation flimmert und ein 22-jähriger Wolfgang Mareczek in Stuttgart eine Zeitungsannonce aufgibt – er sucht ein Kino, gerne auch zur Wiedereröffnung. Die Co op Schwaben, eine Konsumgenossenschaft, entdeckt die Anzeige. Wenig später hat Mareczek einen Mietvertrag in der Tasche – er ist nun Betreiber eines Kinos in Weil der Stadt, einem Ort, mit dem er zuvor nur wenig zu tun hatte. Heute, 50 Jahre später, feiert das Kino unter seiner Führung den fünfzigster Geburtstag.
Schon als Kind hat er Kino geliebt, das wird klar, wenn man Mareczeks Erzählungen lauscht. Neben dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Filmvorführer. „Ich habe meine Hausaufgaben im Vorführraum gemacht“, erzählt der 72-Jährige. Dann sollte die Selbstständigkeit folgen. Ganz absichtlich in einer Kleinstadt – weniger Konkurrenz.
Ein Start mit viel Eigenleistung
Nur einen Saal hatte das Weil der Städter Kino damals, das wechselnde Besitzer in der ehemaligen Turnhalle in der Badtorstraße betrieben hatten. Bei der Übernahme war nicht mal mehr die Bestuhlung im Saal, von brauchbaren Projektoren ganz zu schweigen. „Die haben wir gebraucht gekauft“, so Mareczek. Am 7. Dezember 1973 feierte Mareczek die Wiedereröffnung des Kinos als „Kino-Center Weil der Stadt“ mit einer Vorführung des Disney-Klassikers „Das Dschungelbuch“.
Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Wenige Jahre nach seiner Übernahme kaufte Mareczek der Co op das Kino ab. Inzwischen finden hier Zuschauer in mehreren Sälen Platz. Die Technik wurde verbessert, erst 4-Kanal-Magnetton, dann Dolby Surround. Was über die Leinwand tanzt, kommt nicht mehr von schweren Filmrollen, sondern wird mit wenigen Klicks von einer Festplatte abgespielt. 2013 gab der letzte Filmprojektor seinen regulären Dienst auf. Seitdem läuft auch in Weil der Stadt alles digital. Mareczek sah Filmtrends kommen und gehen und war dabei, als erst VHS-Kassetten und dann Multiplexe den Einzug in die deutsche Filmlandschaft hielten.
Corona-Pandemie bringt Branche an den Rand der Klippe
Klar ist: Kino hat sich verändert. Zweimal die Woche hat man früher noch das Programm gewechselt, dafür konnte man Filme mit Unterbrechung immer mal wieder zeigen. „Heute versucht man, Filme so lange wie möglich im Kino zu halten“, sagt der 72-Jährige. „Dann hat sich’s auch erledigt.“ Wenige Monate später gibt es die Filme per Streaming-Service zu sehen. „Es ist alles schnelllebiger geworden.“ Und die Kundschaft, die früher zuverlässig jeden Dienstag oder Sonntag im Kino auftauchte, fehlt. Stattdessen wird der Besuch sorgfältig nach Angebot geplant. Wo ein guter Tag einst 400 Besucher in das Kino lockte, ist Mareczek heute schon mit 150 zufrieden.
Trotzdem ist Mareczek keiner, der das alles längst abgeschrieben hat – im Gegenteil. Kino wird es immer geben, daran glaubt auch er. Das beweise die Branche immer wieder. „Wir waren schon am Rande der Klippe“, sagt der Kino-Chef, erinnert sich an halbjährige Lockdowns während der Pandemie. Das habe zwar bei den Menschen zur Umgewöhnung geführt und viel in Richtung Streaming verschoben. „Aber Kino ist immer wieder für eine Überraschung gut.“
Der Chef kennt seine Besucher
Die Überraschung: „Top Gun“. Die Fortsetzung des Kultfilms lockte die Menschen massenweise in die Kinosäle. „Das hat richtig gut funktioniert“, weiß Mareczek. In diesem Sommer folgte mit „Barbenheimer“, einem Kofferbegriff aus den Filmtiteln „Barbie“ und „Oppenheimer“, gleich das nächste Phänomen. Beides lief auch in Weil der Stadt, „Barbie“ schaute Mareczek mit seiner Frau. „Und ich fand ihn toll.“ In aller Munde war „Barbenheimer“, fast den ganzen Sommer lang. „Das ist das, was Kino kann“, sagt Mareczek. „Im Stream gehen solche Sachen unter.“ Auch in den USA habe das Phänomen zum Umdenken gebracht. „Man hat gemerkt: Kino kann noch etwas bewirken.“
Welche Filme nach Weil der Stadt passen, und welche Besucher sich hier in samtig-roten Sesseln niederlassen, weiß der Kino-Chef genau. „Man kennt seinen Platz, man kennt sein Publikum“, sagt er selbst. Die Jugend ziehe es eher zum Traumpalast nach Leonberg oder ins Cinemaxx nach Sindelfingen. „,Aquaman’ brauche ich hier nicht spielen. Das machen die Kollegen.“ So sucht Mareczek auch aus – französische oder deutsche Komödien, Familienfilme, Arthouse, handgemachtes Programmkino eben.
Übersichtlich, günstig, familiär
Und damit hat das Weiler Kino auch ein ordentliches Einzugsgebiet. Die Hälfte der Besucher kommen von außerhalb, sagt Mareczek. „Für uns entscheidet man sich bewusst.“ Übersichtlicher, familiärer sei das Angebot im Kino-Center. Das Ticket kostet hier acht Euro, Popcorn und Cola sind günstig. Weitermachen will Mareczek, „solange es geht“. Und es so machen, wie einst die Filmvorführer, die er als Kind bewundert hat: Mit den Emotionen, die das Kino erweckt, einen ganzen Saal bewegen.
Jubiläum Den Geburtstag feiert das Kino-Center mit einem großen Jubiläumsabend am 7. Dezember, 19.30 Uhr. Zur Feier des Tages wird „Das Dschungelbuch“, analog von der Filmrolle, und anderes Material aus der Eröffnungszeit gezeigt. 15 Euro Eintritt zu Gunsten des Heimatvereins, Tickets unter 0 70 33 / 22 41.