Zusammen mit seiner Band hat Tilmann Kleinau regelmäßig Auftritte. Foto: Jan Reich

Tilmann Kleinau fehlen Arme und Beine, weil seine Mutter während der Schwangerschaft Contergan genommen hat. Der Skandal ist über 50 Jahre her, die Behinderungen aber bleiben. Seinen Lebensmut hat er sich aber nie nehmen lassen.

Stuttgart - Für das Foto am Schlagzeug muss sein Pfleger Tilmann Kleinau mit beiden Armen von hinten aus dem Rollstuhl hochheben und auf den Hocker vor das Schlagzeug setzen. Der schmale Holzstock, den er auf dem Ablagetisch seines elektrischen Rollstuhls liegen hat, hilft beim Ein- und Ausschalten der Lichtschalter. Er kann selbstständig telefonieren, essen, am Computer arbeiten und natürlich Schlagzeug spielen. Für alles anderen braucht er Hilfe.

Auch wenn Tilmann Kleinau eine Assistenz rund um die Uhr braucht, lässt er sich seinen Mut nicht nehmen: „Ich wurde schon so geboren. Gerade deshalb habe ich die Verpflichtung, das Beste aus meinem Leben zu machen“, sagt er. In seiner Wohnung in Botnang hat er sich einen Arbeitsplatz eingerichtet. Von dort aus arbeitet er als Fachübersetzer für Finanzen, Marketing und Wirtschaft in Englisch und Französisch. Er arbeitet mit einer ganz normalen Tastatur. Und zwei Fingern. Damit ist er genauso schnell wie andere mit dem Zehn-Finger-System. Sein Traumberuf war und ist immer noch, als Lektor in einem Verlag zu arbeiten. Dieser Beruf hat ihn 1990 nach Stuttgart geführt: „Zuerst war ich glücklich, dass der Umzug und alles Organisatorische geklappt hat. Aber dann hat alles angefangen zu bröckeln.“ Schimmel in der Wohnung und die Kündigung im Verlag machten das erste Jahr in Stuttgart mit zur schwierigsten Zeit in seinem Leben. Aber in schwierigen Situationen zeigen sich Tilmann Kleinaus wichtigste Eigenschaften: Hartnäckigkeit und Besonnenheit.

Wenn Tilmann Kleinau erzählt, dann versprüht er einen ganz besonderen Optimismus voller Lebensfreude und gestikuliert dabei mit seinem ganzen Körper. „Meinen Mut verdanke ich allen Menschen, die mir in meinem Leben geholfen haben. Es macht mir Freude, wenn ich ihnen etwas davon zurückgeben kann.“ Er will zeigen, dass das Leben auch unter schweren Voraussetzungen Spaß macht. Eine mehrjährige Beziehung hat ihm gezeigt, wie es ist, Handicaps gemeinsam zu meistern und vor allem für jemanden attraktiv zu sein. Auch wenn die Beziehung mittlerweile vorbei ist, hat sie ihn positiv geprägt.

Als Erster Vorsitzender des Ortsverbands Contergan-Geschädigter in Stuttgart können andere Betroffene ihn persönlich anrufen. Er hilft bei Rechtsfragen und der Bewältigung von Alltagsproblemen. „Wir Contis sind aber alle ganz schön tough“, sagt er und lacht.

Natürlich ist er auch oft wütend. Darüber, dass der Pharmakonzern Grünenthal ihn und andere Geschädigte bis zur Erhöhung der Contergan-Renten Anfang 2013 zu Bittstellern gemacht hat. Auch auf das Sozialamt und deren Fragerei, wieso er diese oder jene Art von Betreuung benötige. Und sich immer wieder für etwas rechtfertigen, für das er nichts kann. Das Sozialamt zahlt auch seine Assistenz. Er hat darauf keinen Rechtsanspruch. Theoretisch könnte das Sozialamt die Zahlungen jederzeit einstellen.

Die Spätfolgen der Contergan-Schädigung sind noch nicht absehbar. Durch die Überbelastung der Gelenke und Wirbel können chronische Schmerzen entstehen: „Für mich wäre es schrecklich, wenn ich wegen Schmerzen nicht mehr längere Zeit sitzen könnte. Im Liegen kann ich nichts machen, nicht mal lesen.“

Von solchen Gedanken lässt er sich aber nicht unterkriegen. „Früher habe ich Hotel-Mama-Leute beneidet, jetzt sehe ich das anders.“ Nur durch seine Behinderung konnte er seine „Lebenstüchtigkeit“ entwickeln. Jeden Tag verbringt er 30 bis 60 Minuten damit, über die Organisation des Alltags nachzudenken. Diesen erzwungenen Planungsaufwand sieht er als Profit an: „Ich weiß genau, was ich brauche.“ Außerdem fördert es wichtige Eigenschaften wie Geduld und Kommunikationsfähigkeit. Letztere braucht er auch. Wenn wie jetzt am Sonntag ein neuer Film über den Contergan-Skandal anläuft, steigen bei Tilmann Kleinau die Medienanfragen nach Interviews: „Das stört mich nicht. Ich bin froh, wenn über Contergan berichtet wird.“

Der neue Dokumentarfilm „50 Jahre Schande“ hat Betroffene aus Deutschland, Spanien und Honduras über drei Jahre hinweg begleitet. Am Sonntag um 18 Uhr wird er im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in der Reinsburgstraße 56 gezeigt. Der Zugang ist barrierefrei, und der Eintritt ist kostenlos.

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