Komödie, Abenteuer und Satire für die Ewigkeit: Am 7. Dezember 1968 ist „Asterix der Gallier“, der erste Asterix-Band, auf Deutsch erschienen.
Stuttgart - Seit 50 Jahren wissen auch die Deutschen, dass Cäsar nicht ganz Gallien besetzt hat: 1968 erschien „Asterix der Gallier“ auf Deutsch, sieben Jahre nach der französischen Ausgabe. Die Comic-Reihe über eine Enklave Unbeugsamer zählt heute zur Weltliteratur, der Krieger Asterix bleibt ein Vorbild – denn seine schärfste Waffe ist sein Verstand. Nur eines fürchten die Bewohner des kleinen Küstenkaffs im Nordwesten Galliens, die den römischen Besatzern trotzen: Dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Alles andere lässt sich mit einem Zaubertrank lösen, der übermenschliche Kräfte verleiht – ein genialer Kniff, um den herum der Autor René Goscinny und der Zeichner Albert Uderzo das „Asterix“-Universum entfaltet haben.
Am 29. Oktober 1959 erblickte „Asterix“ das Licht der Welt, zunächst in der Jugend-Zeitschrift „Pilote“. 1961 erschien in Frankreich „Astérix der Gallier“, das erste einer langen Reihe Comic-Alben, die in 111 Sprachen übersetzt und von denen weltweit rund 390 Millionen verkauft wurden. Die Geschichten begeistern Erwachsene wie Kinder, denn sie sind immer Komödie, Abenteuer und Satire in einem. Selten waren Schlägereien lustiger anzuschauen, immer geht es auch um die Frage, was Völker trennt und Menschen eint - und um die Sehnsucht, selbst ein wenig so zu sein wie dieses standhafte Dorf. Gewitzt schlagen Goscinny und Uderzo Brücken von der Antike in die Moderne und halten den Menschen den gallischen Spiegel vor.
Der Intellektuelle und der Bauchmensch sind ein unschlagbares Duo
Der Titelheld Asterix entspricht keinem gängigen Schema, er ist klein und schmächtig, verfügt aber über eine schnelle Auffassungsgabe und Kreativität - keine Krise, in der er nicht Rat wüsste. Sein treuer Freund mit der Seele eines Kindes ist der massive Obelix, der als Einziger glaubt, er sei nicht dick. Weil er als Kind in den Zaubertrank gefallen ist, hält die Wirkung dauerhaft an, was manche Tür zum Leidwesen ihres Besitzers zu spüren bekommt. Asterix und Obelix sind ein unschlagbares Duo aus Geist und Kraft, aber auch sehr gegensätzlich. Oft versteht der Bauchmensch Obelix den Intellektuellen Asterix nicht und tut das Falsche, der Pragmatiker Asterix wiederum ignoriert mitunter die simplen Bedürfnisse eines empfindsamen Freundes, oft das Verdrücken großer Portionen Wildschwein. Ihre Freundschaft, und das ist das Wunderbare, gerät dabei nie ernsthaft in Gefahr.
Wie Uderzo seinen Zeichenstil über die Jahre verfeinert hat, so erweiterte Goscinny behutsam das Personaltableau. Der weise Druide Miraculix spielte als Koch des Zaubertranks von Beginn an eine Hauptrolle, dann kam der Barde Troubadix dazu, eine sensible Künstlertype, deren Gesang sogar beinharte Normannen das Fürchten lehrt. Später folgten Figuren wie der Häuptling Majestix, das Hündchen Idefix und der Schmied Automatix, der zunächst nur den Barden handgreiflich am Singen hinderte, später aber den Fischhändler Verleihnix an die Seite bekam, mit dem er über die Frische von dessen Fisch streiten durfte. Darüber entwickelten die Gallier zunehmend den Hang, sich untereinander zu prügeln - auch weil die Lust der Römer stetig abnahm, sich von den Unbesiegbaren verhauen zu lassen.
Eine satirische Kulturgeschichte der Menschheit
„Sie hängen mir zum Hals heraus, diese Gallier. Immer schlagen sie sich . . . langweilig“, sagt der verfressene Präfekt Gracchus Überdrus. Er fühlt sich in seiner Langeweile „schlapp, schlapp, schlapp“ - die personifizierte Vorahnung vom Niedergang eines Imperiums, das Goscinny und Uderzo intensiv studiert haben müssen, um es so treffend karikieren zu können. Dasselbe gilt für die Völker in den besetzten Gebieten: In meisterhaft überspitzten Klischees erzählt Goscinny in den 24 Bänden, an denen er beteiligt war, eine satirische Kulturgeschichte der Menschheit. An deren Anfang steht der selbstironische französische Blick auf die Gallier als fröhliche Barbaren, die mit Vorliebe raufen und gegrilltes Wildschwein essen, kurz: das Dasein genießen.
Schweizer Käse, Uhren, Banken („Ich will, dass es still bleibt um meine Konten!“) dominieren eine helvetische Idylle, die sehr reinlich ist - sogar die Peitsche wird gewaschen, was den dekadenten Römern gar nicht einleuchtet („Eine Orgie hat schmutzig zu sein! Hört auf zu schrubben, beim Jupiter!“). Explosiver geht es auf Korsika zu, wo der Käse streng riecht, ein falsches Wort Fehden auslöst und man anderer Leute Schwestern nicht anschauen und schon gar nicht ansprechen darf. „Ich habe dich beleidigt. Du bist stolz. Stolz und empfindlich. Du gefällst mir, Kleiner!“, sagt der Korse Osolemirnix in einer Szene zu Obelix. Dieser wiederum bedauert in Britannien das „arme Schwein“, das in Pfefferminzsoße gekocht worden ist, wundert sich über die Vorort-Architektur (“Ein Glück, dass wir die Hausnummer haben. Die Beschreibung des Hauses hätte möglicherweise nicht ausgereicht.“) und die seltsame Sprache („Kann ich haben einen Tropfen Milch in meinen magischen Trank?“). In Spanien wird Flamenco getanzt und gesungen („Ayayayay, Mama, ich bin so unglücklich!“), und der numidische Chefsklave Duplikatha („Die Sklaverei hat keine große Zukunft.“) wirkt wunderbar deplatziert im gallischen Wald.
Es geht um Steuerformulare und Gesellschafterverträge
Die Goten rechts des Rheins sind durchmilitarisiert, tragen Pickelhauben auf den kahlrasierten Schädeln, marschieren im Stechschritt, reden in Frakturschrift und dringen in Gallien ein - die Erinnerung an den Nazi-Terror war noch frisch, als dieser Band 1963 erschien. Dafür spricht auch das Ende: Asterix und Miraculix bringen die Goten dazu, einander zu bekriegen, damit sie ihre Nachbarn in Ruhe lassen.
In Obelix’ Lieblingssatz „Die spinnen, die Römer“ (wahlweise auch „die Briten“, „die Ägypter“) spiegelt sich der urmenschliche Reflex des „Alle-doof-außer-ich“, in den Verweisen aufs Jetzt die Erkenntnis, dass menschliches Zusammenleben womöglich immer ähnlich funktioniert hat - oder eben nicht. Goscinnys Satire gilt universell, darum ist sie so langlebig. Mal mokiert sich Asterix über einen Aquädukt im Bau (“Mit ihren neumodischen Bauwerken verschandeln die Römer noch die ganze Gegend.“), dann wieder redet der römische Steuereintreiber genau so, wie sich Steuerformulare anscheinend weltweit lesen. In Lutetia (dem heutigen Paris) ist Dauerstau, und die Wagenlenker beschimpfen einander, und an Bord der Galeere des geschäftstüchtigen Phöniziers Epidemais rudern keine Sklaven, sondern Gesellschafter, die einen Vertrag unterschrieben haben, „ohne ihn richtig zu lesen“.
Auch Vorurteile sind ein Thema
Die Macht des Aberglaubens führt der Seher vor, der die Dörfler verführt (“Ich sehe, dass euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen wird und dass auf den Regen Sonnenschein folgt.“). Und die Welt der Vorurteile darf der alte Methusalix bedienen: „Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier“, sagt er über die zugezogene Gastwirtsfamilie, seine Frau ergänzt mit Blick in den Spiegel: „Und das junge Mädchen ist ein richtiges Flittchen!“
Ein Lieblingsthema Goscinnys sind Probleme von Anführern mit unmotivierten und unqualifizierten Untergebenen oder Untertanen wie dem Legionär Faulus („Sol lucet omnibus“ - „Die Sonne scheint für alle“), der schon Pause macht, nachdem er die erste Hälfte der ersten Platte gefegt hat. Majestix gelingt es nicht, seine Schildträger zu disziplinieren, weshalb er wiederholt auf der gallischen Erde landet (“Ich fühl’ mich so müde . . . nur noch müde . . .“). Als Freiwillige in der römischen Legion treiben Asterix und Obelix ihre beiden Ausbilder in den Wahnsinn - unterstützt von einem Ägypter, dessen Sprechblasen hieroglyphische Bildern sind und er glaubt, er sei auf einer Pauschalreise. Caius Spiritus, Statthalter in Londinium, verzweifelt ebenso (“Briten, Gallier, Säufer! Ich hab’s satt! Satt! Satt!“) wie der römische General Strategus, der am Zeltpfosten weint, weil seine Legionäre nicht in der Lage sind, ein paar Goten aufzugreifen (“Sie sind alle so dumm, und ich bin ihr Chef!“).
Die Versuchungen von Macht und Geld
Die Versuchungen von Macht und Geld, Stoff für manches große Drama, sind ein wiederkehrendes Motiv. Schon in „Asterix der Gallier“ träumen die Zenturionen Gaius Bonus und Marcus Sacapus davon, in den Besitz des Zaubertranks zu gelangen und selbst Imperatoren zu werden. Sie entführen Miraculix, der sie mit einem Trank narrt, der Haare und Bart in Windeseile wachsen lässt. Der raffgierige Statthalter Virus vergiftet den Steuerprüfer Incorruptus, um seine hinterzogenen Reichtümer zu retten. Und gallische Häuptlinge erliegen häufig dem Reiz der Kollaboration, ob sie nun die Steuerlast hinterlistig auf andere abzuwälzen versuchen wie Moralelastix oder sich römischer gebärden als die Römer wie der Toga-Träger Augenblix.
Da die Gallier militärisch nicht zu schlagen sind, versucht Cäsar es mit Mitteln, die vertraut erscheinen. Der Baumeister Quadratus soll die Umgebung des Widerstandsnestes römisch urbanisieren, doch schon die erste Mietskaserne endet in einem Fiasko. Beinahe gelingt es dem Manager Technokratus, dessen Wirtschaftssprache niemand versteht, die Dorfbewohner mit Gold zu korrumpieren (“Wenn-du-nicht-können-machen-mehr-Hinkelsteine-ich-dir-geben-weniger-Sesterze.“). Doch die bodenständigen Gallier („Sag-warum-du-so-reden?“) widerstehen auch dieser Versuchung.
Die Bilder in Goscinnys und Uderzos gallischem Spiegel erheitern, machen nachdenklich, rühren an wie vor 50 Jahren. Und am Ende, wenn die Gallier den guten Ausgang ihrer Abenteuer mit einem Bankett feiern, steht immer die Ahnung, dass die Menschheit viel mehr eint als trennt. Wir gratulieren.