Empörung bei den Demonstranten über die explodierenden Mietpreise Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Einige Demonstranten geraten nach der Mietendemo am Marienplatz kurzzeitig mit der Polizei aneinander. Die Beamten setzen Pfefferspray ein, was bei den Demonstranten für Empörung sorgt.

Stuttgart - Die Demonstration gegen hohe Mieten, Leerstand und Spekulation mit Wohnraum hatte sich gerade am Marienplatz begonnen aufzulösen. Nach einem Aufruf eines jungen Mannes vom Motiv-Wagen der Besetzer-Gruppierung rannte eine größere Gruppen an Menschen in Richtung Böblinger Straße. Etwa auf Höhe des Restaurants „Onkel Otto“ stoppte die Polizei den Pulk aus etwa 100 Menschen, die Fahnen mit „Besetzen“ schwenkten und unter anderem „Unser Viertel, unser Viertel“ skandierten, aber auch Beschimpfungen in Richtung der anwesenden Polizisten. Etwa eine Handvoll Demonstranten saß am Straßenrand und versuchte sich die Augen mit Wasser und Cola auszuwaschen. Videoaufnahmen unserer Zeitung belegen das. Ein Teilnehmer sagte, man habe „doch lediglich nach Hause ins Lilo-Hermann-Zentrum“ wollen, ein anderer, dass man natürlich ein „Haus besetzen“ wollte, aber man sei ja nicht weit gekommen.

Die Polizei setzte gegen einige wenige Demonstranten Pfefferspray ein. Eine junge Dame ist nach eigener Aussage von einem Schlagstock an der Schulter getroffen worden. Anlass sei gewesen, so verlautete es aus der Gruppierung, dass die Polizei zuvor während des Protestzuges im Bohnenviertel Pfefferspray eingesetzt hatte, weil einige Teilnehmer Aufkleber an eine Hauswand pappten.

Die Polizei bestätigte den „kurzen“ Einsatz von Pfefferspray. Betonte aber, es habe aus ihrer Sicht keine große Auseinandersetzungen gegeben. Eine offizielle Erklärung, warum Pfefferspray eingesetzt worden war, könne man erst am Montag geben.

Fest auf dem ehemaligen Hofbräu-Areal

Nach Auflösung des Blockes zog sich die Polizei gegen 19 Uhr am Samstagabend vom Marienplatz zurück, die Gruppierung zog weiter in Richtung Heslach auf das ehemalige Hofbräu-Areal und lud dort zu einem „Hoffest“ und einer „offenen Besichtigung“, wie sie es nannten, ein.

Der Lebensmittel-Discounter Aldi Süd kaufte das Grundstück an der Böblinger Straße 104 von Stuttgarter Hofbräu im Jahr 2015 auf. Auf dem ehemaligen Schlecker-Gelände soll eigentlich ein Wohnpark mit Ladeneinheiten entstehen. Kritiker befürchteten nach dem Kauf eine Gentrifizierung in Heslach, Befürworter hofften auf mehr Geschäfte im Stadtteil. Bis heute steht das Gebäude leer.

Am Sonntagmorgen hing lediglich noch ein Banner mit der Aufschrift „Wohnraum für alle statt Luxuswohnungen für wenige“ an der Außenwand des Gebäudes.

Vor der spontanen Protestaktion am Marienplatz hatten am Nachmittag mehrere tausend Menschen auf dem Schlossplatz und in einem sich anschließenden Demozug vom Bohnen- über das Heusteigviertel bis zum Marienplatz gegen die explodierenden Mieten in Stuttgart, gegen Leerstand und gegen die Spekulation mit Immobilien demonstriert. Mehrere Redner teilten ihre Erfahrungen und ihre Einschätzungen des Stuttgarter Wohnungsmarktes und der politischen Lage. Die Kabarettistin Christine Prayon (bekannt als Birte Schneider aus der „Heute Show“) etablierte kurzerhand für die Kundgebung den Slogan: „Drinnen wohnen“ und erntete dafür viel Beifall.

Europaweit demonstrieren die Menschen

Europaweit und auch in vielen deutschen Städten gingen am Samstag, 6. April, Menschen gegen Wohnungsnot und rasant steigende Mieten auf die Straße. Auch in Stuttgart konnte das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen viele Menschen mobilisieren. Die Veranstalter sprachen gar von etwa 4000 Teilnehmern. Die Stuttgarter Polizei macht zu Teilnehmerzahlen generell keine Angaben mehr. Die eigentliche Demonstration sei aber ohne „nennenswerten Vorfälle“ verlaufen.

„#DruckimKessel“ war das Schlagwort, unter dem sich ein breites Bündnis bestehend aus Stuttgarter Organisationen, Gewerkschafts- und Parteienvertreter angeschlossen hatten wie zum Beispiel Verdi, der Verein Trott-war, die Caritas, die Grünen, die Linke oder auch die SPD.

Moderator Joe Bauer, Kolumnist bei den Stuttgarter Nachrichten, sprach von einem großen Tag „für den Stuttgarter Protest“. „So viele Organisationen wie nie beteiligen sich heute – wir machen Druck im Kessel“, sagte Bauer. „Es ist Zeit, gegen die verheerende Wohnungsnot auf die Straße zu gehen.“ Er frage sich, was die Politiker erwarten würden. „Dass wir aufhören zu wohnen? Die Stadt gehört uns.“

Rolf Gassmann, Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart, verwies auf die dramatischen Fälle, mit denen er jüngst zu tun hatte. Rentner, denen eine Mieterhöhung von über 130 Prozent angedroht wurde und alleinlebende Damen, die nach einer Mieterhöhung plötzlich auf Hartz-IV-Niveau gefallen seien. Gassmann forderte ein Ende der Modernisierungsumlage: „Die muss weg.“ Auch seien die Mieterhöhungen im Bestand viel zu hoch.

Demonstranten machen sich Sorgen

„Die Demo zeigt, dass es so nicht weitergehen kann“, sagte auch SPD-Fraktionssprecher Martin Körner nach der Kundgebung. „Wir brauchen mehr Kommunale- und genossenschaftliche Wohnungen.“

Die Studentin Janina Schopf aus Esslingen, 22, hatte mit einigen Kommilitoninnen die Demo besucht. „Wir können uns das Wohnen nur mit Arbeiten und viel Unterstützung unserer Eltern leisten“, sagte sie. Es sei „Wahnsinn“ wie sich der Wohnungsmarkt entwickle. „Vielleicht braucht es radikale Mittel um auf die Situation aufmerksam zu machen.“ Auch dem Rentner Gebhardt Hirth, 65, macht die Situation Sorgen. Der Ruf nach Enteignungen oder auch Hausbesetzungen bringen zwar viel Aufmerksamkeit, sind aber aus seiner Sicht keine Lösung. „Aber der soziale Wohnungsbau muss dringend ausgebaut werden.“

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