Wie ein Spielzeug wird das Kanu des Verunglückten immer wieder von der Wasserwalze am Neckartailfinger Stauwehr umhergewirbelt Foto: 7aktuell/Jüptner

Weil er einen Fußball aus dem Wasser fischen will, gerät ein 31-jähriger Mann in die Wasserwalze eines Neckarwehrs und ertrinkt. Die Wasserschutzpolizei sucht noch immer nach dem Leichnam.

Neckartailfingen - Von einem 31 Jahre alten Mann, der am Sonntag im Neckar mit seinem Kanu gekentert ist (wir berichteten), fehlte am Montag noch jede Spur. Der Mann ist vermutlich ertrunken. Er hatte gemeinsam mit seinem 13 Jahre alten Neffen flussabwärts nach Nürtingen (Kreis Esslingen) fahren wollen.

Bei Neckartailfingen trugen sie ihr Kanu über das Wehr, doch dann entdeckte der 31-Jährige einen Fußball, der in der Wasserwalze des Wehrs dümpelte. Er beschloss, den Ball zu holen. Der 13-Jährige wollte nicht mitkommen und blieb am Ufer zurück. Die Strömung zog das Kanu direkt an das Wehr, wo es volllief und kenterte. Der 31-Jährige verschwand in der Tiefe.

Am Montagnachmittag sucht die Wasserpolizei noch immer nach der Leiche. Ein Schlauchboot sichert einen Taucher, der Meter für Meter des Flussbetts absucht: Etwas Schwarzes hat er gesehen. Es ist aber nur ein Unterhemd. Er reicht es ans Ufer, und taucht wieder ab. Zwei Männer im Boot dirigieren ihn durch kurzes Ziehen an der gelben Leine.

Seit 10 Uhr sitzen sie in der Sonne im Boot, der Einsatzleiter der Wasserschutzpolizei reicht ihnen Sprudel und Brezeln, er hat ­alles versucht, um den Toten zu finden, nur eines wird er nicht tun: seine Taucher gefährden. Der 13-jährige Neffe beobachtet gemeinsam mit der Schwester des Unfall­opfers vom Ufer aus die Retter. Sie hoffen auf irgendeine Spur des Verunglückten.

Hinter dem Wehr lebensgefährliche gurgelnde Gischt

Das Neckartailfinger Wehr zerschneidet den Fluss in zwei völlig getrennte Bereiche. Ein paar Meter in Richtung Süden wirkt er in der Stauzone wie eine Badewanne voll stehenden Wassers, in der sich die Schwäne und Fische tummeln, doch hinter dem Absturz über das Wehr gibt es nur noch lebensgefährliche gurgelnde Gischt. Der Einsatzleiter berät sich mit dem technischen Verantwortlichen.

Das Stauwehr besteht aus zwei Klappen, die hydraulisch angesteuert werden und die den ganzen Fluss durchmessen. Eine Klappe wird jetzt ganz angehoben. Das Überdruckventil schlägt durch. Die Anlage ist für diese Beanspruchung nicht ausgelegt, aber das ist die einzige Chance für die Taucher, näher an das Wehr zu kommen. Sie kämpfen sich durch die wirbelnden Wassermassen, so weit es geht. Doch sie sehen nichts, außer Unmengen von Fahrrädern.

Inzwischen ist die Wasserrettung angekommen. Sie war am Sonntag schon im Einsatz, um den 31-Jährigen zu suchen, jetzt soll sie eingreifen, falls die Taucher in Gefahr geraten.

Wasser zwischen sieben und acht Grad lähmt sofort die Muskeln

Unterdessen blickt der technische Verantwortliche des Stauwehrs in die Gischt. Holzstücke und Styroporteile schwimmen davon und werden von der Wasserwalze immer angezogen, vor und zurück, den ganzen Tag. „In dem Wasser ist soviel Luft, da können Sie nicht schwimmen, das trägt Sie nicht, und das trägt auch kein Boot“, sagt er. Und es kommt noch etwas hinzu, die Wassertemperatur. Selbst wenn man Kräfte hätte wie ein Berserker, das kalte Wasser, das zwischen sieben und acht Grad hat, lähmt sofort die Muskeln.

Die Gischt zieht eine weiße Schleppe den Fluss hinab. „Wenn Sie nichts Weißes mehr sehen, können Sie ihr Boot wieder einsetzen – frühestens“, bekräftigt der Experte.

Ein Problem bei den Bergungsarbeiten ist, dass die Taucher nicht ganz zur Unfallstelle vordringen können, sie liegt genau zwischen den beiden Klappen des Wehrs, an einem Betonpfeiler, der sich mitten aus dem Fluss erhebt. Es wäre wohl auch sinnlos, denn die Helfer glauben nicht, dass der Verunglückte noch am Wehr ist, unter der Staustaufe befindet sich nur glatter Beton. Später am Tag bricht die Polizei die Suche ab. Es wäre sinnlos weiterzumachen. Sie kann nicht die sechs Kilometer bis zur nächsten Staustufe Quadratmeter für Quadratmeter absuchen. Die Männer sind müde, die einen im Boot vor Hitze, die anderen im Wasser vor Kälte.

Immer wieder geraten Bootsfahrer an Wehren in Not. In Unterensingen etwa ­haben vor sechs Jahren ein Mann und Frau stundenlang in einer Wasserwalze um ihr Leben gekämpft, bis Retter sie mit einem Seil herausziehen konnten. Etwa 25 Einsätze bestreitet die Wasserschutzpolizei im Jahr, wobei sie meist nach Vermissten sucht.

Ein Einsatz an einem Wehr ist selten. Manchen in Erinnerung ist ein Unglück am Tübinger Wehr vor mehr als einem Dutzend Jahren. Damals ist nicht nur das Unfallopfer ums Leben gekommen, sondern auch ein Taucher, der den Verunglückten gesucht hatte.

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