Immanuel Kant in moderner Anmutung: seine Schriften sind in einer taumelnden Welt aktueller denn je. Foto: imago/Kena Images

Der Geburtstag von Immanuel Kant jährt sich a diesem Montag zum 300. Mal. In der Weimarer Republik wurde der Philosoph zum Hoffnungsträger für die Demokratie. Mit dem aufkochenden Nationalismus gerieten seine Utopien ins Abseits.

Ohne Kant hätte ich es nie gekonnt“, sagte der Philosoph Julius Ebbinghaus nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihn sein einstiger Schüler Hans Jonas (Jude und 1933 aus dem NS-Staat vertrieben) gefragt hatte, weshalb er sich von den Nazis nie habe vereinnahmen lassen. Auch der wegen seiner Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe Weiße Rose 1943 zum Tode verurteilte Philosoph Kurt Huber bezog sich in seinem Schlusswort vor dem Volksgerichtshof auf Kant. Er habe sich an den Kategorischen Imperativ gehalten: Was würde geschehen, wenn die subjektive Maxime seines Handelns allgemeines Gesetz würde? Dann würden Ordnung, Sicherheit und Vertrauen in den Staat, ins politische Leben zurückkehren.

 

Immanuel Kant, dessen Geburtstag sich am Montag, 22. April, zum 300. Male jährt, war in der NS-Zeit bei den Philosophen nicht völlig vergessen. Aber seine politische Philosophie mit den demokratischen Pfeilern der Gewaltenteilung, der Gleichheit und Freiheit aller sowie der Berufung auf das Recht war unter der braunen Ideologie tief verschüttet; ebenso seine Moralphilosophie, die eine Menschenwürde ohne Ausnahme postuliert und auf Vernunft und Selbstbestimmung gründet. Schließlich galt auch Kants „Zweckformel“ nichts mehr, wonach der Mensch nicht nur als Mittel gebraucht werden soll, sondern zugleich auch als Zweck, damit er all seine Fähigkeiten ausbilden kann. Kein Thema waren auch Kants Ideen vom Frieden, Völkerbund und Weltbürgerrecht.

Das war am Beginn der Weimarer Republik noch ganz anders. Damals lehrten an den 23 deutschen Universitäten rund 165 Philosophen. Viele von ihnen waren an Kants politischer Theorie und seiner Moralphilosophie geschult. Sie verstanden sich als Pazifisten, Europäer, Kosmopoliten, Sozialreformer und Sozialisten. Gut 30 von ihnen setzten sich in Reden, Vorträgen und Schriften öffentlich für die Republik ein. Einige wurden nach der Niederlage von 1918 Mitglied in der SPD, DDP oder der Zentrumspartei.

Doch die Republik geriet von Anfang an unter Druck – von links und rechts. Zudem fühlten sich die Deutschen nach dem verlorenen Krieg durch den Versailler Vertrag erniedrigt und gedemütigt. Drückende Reparationen, wirtschaftliche Not, Aufstände, politische Morde an den „Erfüllungspolitikern“, der Hitler-Putsch 1923, Separationsbestrebungen von Teilen des Reiches prägten Weimar. Intellektuelle Leere, Trost- und Orientierungslosigkeit machten sich breit.

Bei den Feiern zum 200. Geburtstag wurde Kant als Friedensfreund beschworen

Da schienen die Kant-Feiern zum 200. Geburtstag des Philosophen 1924 gerade recht zu kommen. Rund 600 Buchtitel erschienen im deutschsprachigen Raum. In zahlreichen (Universitäts-)Städten wurde der Königsberger mit einem Festtag gewürdigt – für seine Leistungen in Philosophie, Recht, Ästhetik, Pädagogik, Religion, auch für seine Moralphilosophie und den Beitrag zur Demokratie. Die republiktreuen Philosophen, Politikerinnen und Politiker richteten sich an ihm auf, stellten ihn den Deutschen als Garanten einer besseren und stabilen republikanischen Zukunft zur Seite. „Kant als Friedensfreund“ wurde beschworen, seine demokratische Freiheits- und Gleichheitslehre, sein Humanismus und Rechtsverständnis, sein moralischer Anspruch, sein Weltbürgertum. Ein Hoffnungsphilosoph.

Gertrud Bäumer etwa, Frauenrechtlerin und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), stellte in ihrem Vortrag in Weimar am 6. April 1924 die demokratischen und freiheitlichen Ideale Kants jenen Ideologen entgegen, die von „Judenrepublik“, „Novemberverbrechern“ und „völkischer Freiheit“ schwadronierten. Und der Gießener Professor August Messer klagte in seiner Schrift „Kant als Erzieher“ über den „brutalen Egoismus“ und den „moralischen Verfall“ in der Gesellschaft und zwischen den Staaten. Messer geißelte – wie auch der Wiener Sozialphilosoph Max Adler in seinem Aufsatz „Kant und der ewige Friede“ – die „Kriegsmaschinerie“ und „das furchtbare Arsenal von Sprengstoffen“, das durch irgendeinen Anlass explodieren könne. Nationalismus, so Adler, sei eine im tiefsten Grunde „wesentlich unfreie und antisoziale Denkweise“. Mit fünf Tagen Dauer (19. bis 24. April 1924) gab es in Kants Geburtsstadt Königsberg (damals Hauptstadt des vom Deutschen Reich abgetrennten Ostpreußens) die größte Feier. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) sah in seinem Grußwort die Republik auf den Ideen Kants gegründet. Der Preußische Ministerpräsident Otto Braun (SPD) verwies auf das kantische Sittengesetz, appellierte an die Vernunft, das Recht, die demokratische Selbstbestimmung des Volkes und den Kategorischen Imperativ. Mit Kant sei eine Befriedung der europäischen Völker möglich. Aber die geistige Entwicklung eines Teils der Jugend gab ihm Anlass „zu den schwersten Besorgnissen“. Gemeint war wohl auch die Königsberger Studentenschaft. Sie hatte die Rede Brauns vermutlich nicht gehört. Denn sie knüpfte an ihre Teilnahme die Bedingung, dass in ihrem Beisein nichts vom Friedensgedanken Kants erwähnt werde.

Die Studierenden waren nicht die Einzigen, die nichts vom Frieden hören wollten. Auch Philosophieprofessoren orientierten sich an Fichte und Hegel, die durch den aufkommenden Neu-Idealismus Anfang des 20. Jahrhunderts stark rezipiert wurden. Sie wurden Republikkritiker und -gegner und gründeten 1918 die Deutsche Philosophische Gesellschaft (DPhG). Sie war ein Sammelbecken antidemokratischer, autoritärer, deutsch-nationaler und völkischer Kräfte. Unter ihnen engagierten sich neben den Neu-Idealisten auch Lebensphilosophen und „konservative Revolutionäre“. Die Kriegsfolgen empfanden sie als schmachvoll, die Demokratie war ihnen verhasst.

Wie trugen Philosophen zum Niedergang der Republik bei?

Mit Fichte und Hegel füllten sie ein emotionales Vakuum, indem sie deren zeitbedingte Schriften aus ihren Kontexten rissen. Und das hieß: Ein antirationalistischer Reflex vermengte sich mit einem extremen Nationalismus und der autoritären Rechts- und Staatsphilosophie Hegels (der von Demokratie nichts hielt und den Krieg als vorteilhaft für die „sittliche Gesundheit“ ansah). Dadurch sollte die geschundene deutsche Psyche wieder zu neuer weltpolitischer Höhe emporsteigen.

Die politisch rechtsextremen Philosophen degradierten ihre Wissenschaft zur Ideologie und waren so am Niedergang der Republik beteiligt. An Zahl den öffentlich aktiven Republikfreunden in etwa ebenbürtig, bekämpften sie „das System“, betrieben (straffrei) antisemitische Hetze (etwa Bruno Bauch und Max Wundt), sprachen den Juden die Zugehörigkeit zu Deutschland ab, konstruierten eine „arteigene Kultur“, die durch „geistige Überfremdung“ bedroht sei, und mystifizierten die „Volksgemeinschaft“ und den „organischen Staat“. Die „nordische Rasse“, „Treue“ und „Ehre“ fanden Eingang in die „deutsche Philosophie“, die zu einer Blut- und Bodenphilosophie verkam. Kant erhielt zwar bei ihnen in der „Ahnenreihe deutscher Denker“ einen Platz, aber es war ein kastrierter Kant, dessen moralische und politische Forderungen außen vor blieben.

Weimarer Republik als Schauplatz der Auseinandersetzung um Kant

So war die Weimarer Republik auch Schauplatz der philosophischen Auseinandersetzung um die Deutungshoheit von Kant. Mitte der 1920er Jahre schwächte sich das Engagement der republiktreuen Philosophen ab. Ihr Demokratieverständnis war fragil, die demokratische Basis mit Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Pluralismus und Bürgerfreiheiten war wenig stabil. Nach 1930 – auch bedingt durch die Weltwirtschaftskrise – baute sich dann die braune Welle zum Tsunami auf. Im Jahr 1931 brachte der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers „die geistige Situation der Zeit“ auf den Punkt: „Alles ist fraglich geworden“, stellte er fest, der Mensch werde nur noch als Mittel benutzt, nicht auch als Zweck, geschweige denn als Sinn. Er sah die Republik an der Schwelle zur Diktatur.

Wohin die Reise ging, zeigte Thüringen. Als die NSDAP im Januar 1930 dort an der Regierung beteiligt wurde, setzte NSDAP-Minister Wilhelm Frick die Berufung des Rasseforschers Hans Friedrich Karl Günther („Rasse-Günther“) auf den Lehrstuhl für Sozialanthropologie durch. Hitler kündigte zugleich die Säuberung des Lehrkörpers von „marxistisch-demokratischen Erscheinungen“ an und Hermann Göring im Sommer 1932 die Entfernung der Juden von den Universitäten. Der Kahlschlag kam 1933. Reichsweit entließen die Nationalsozialisten rund ein Drittel der am Ende von Weimar lehrenden etwa 180 habilitierten Philosophen aus politischen oder rassischen Gründen. Einige kamen ins KZ und wurden ermordet.

Und heute? Man darf gespannt sein, wie Kant in diesem Jahr bei den Feiern gewürdigt wird – auch in der russischen Exklave Kaliningrad (das damalige Königsberg). Wird es der politische, der demokratische Kant sein? Der Kant, der allen Menschen gleichermaßen Würde verleiht, Freiheit und Gleichheit? Der das Recht anstelle von Gewalt setzt – auch zwischen den Staaten? Klar ist: Kant ist in dieser von Krisen und Kriegen geplagten Zeit so aktuell wie eh und je. Gegen die Verrohung in der Gesellschaft, den schwindenden Respekt vor dem anderen, gegen Nationalismus und Rassismus sind die Achtung vor der Würde des Menschen und die Anwendung der „Zweckformel“ bitter nötig. Der Welt täten seine Friedensideen gut. Denn Kant war kein politischer Naivling, er wusste: Frieden zu schaffen und zu erhalten ist schwieriger, als Kriege zu führen.

Manfred Hantke wurde in Philosophie promoviert, seine Dissertation schrieb er über Philosophen, die in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus an der Uni Tübingen lehrten.