Der Mauerfall war ein bedeutsames, historisches Ereignis. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass der bundesweite Gedenktag am 3. Oktober etwas in die Jahre gekommen ist. Was halten Esslinger Vertreter von Kultur, Politik und Religion vom Nationalfeiertag?
Die meisten Deutschen feiern am 3. Oktober eher vereint Freizeit als wiedervereinigte Freiheit. Wende und Mauerfall scheinen in weiter historischer Ferne zu liegen, eine Kehrtwende scheint den Aufbruch von damals ins Gegenteil zu verkehren: in die Sorge vor unabsehbarer militärischer Eskalation des russischen Angriffskriegs, dem brutalsten Ausdruck einer erneuten Ost-West-Konfrontation. Zugleich sieht sich die Demokratie zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Wäre da nicht ein anderer Nationalfeiertag geboten, als stärkeres Zeichen für die Demokratie und nicht nur für die nationale Einheit? Sollte der 8. Mai als Tag der Kapitulation Nazideutschlands, also der Befreiung von einem völkermörderischen Regime, den 3. Oktober ablösen. Drei Esslinger Vertreter aus Politik, Kultur und Religion äußern sich zu dieser Frage.
Rathaus hebt Bedeutung hervor und lädt zu Feierlichkeiten im TV ein
„Auch im Jahr 2022 sind die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit noch sinnvoll und wichtig“, sagt der Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer. „An diesem Tag feiern wir bundesweit gemeinsam die deutsche Einheit und bestärken unser Gemeinschaftsgefühl.“ Klopfer betont zudem, dass der Feiertag den Menschen vor Augen führt, dass angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ein solidarisches Miteinander nicht immer selbstverständlich sei. „Nachdem der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow eine der Schlüsselfiguren auf dem Weg zur deutschen Einheit war, führt der heutige russische Präsident Wladimir Putin Krieg in Europa. Das macht den Tag der Deutschen Einheit umso bedeutsamer.“ Auf Nachfrage, warum der Feiertag trotz seiner aktuellen Bedeutung lokal nicht gefeiert werde, teilte das Büro des Bürgermeisters mit, dass alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind, die bundesweiten Feierlichkeiten per Livestream, im TV oder vor Ort zu verfolgen.
Friedrich Schirmer, der Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen, ist dafür, neben dem 3. Oktober auch den 8. Mai zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen. „Ich halte den 8. Mai für einen ungemein sinnvollen Feiertag – er markiert einen Wendepunkt, einen Meilenstein der Weltgeschichte. Den einen Feiertag durch einen anderen zu ersetzen, wäre jedoch albern.“ Es sei ein schwerwiegendes Versäumnis, dass die junge Bundesrepublik die Chance verpasst habe, diesen Tag im Grundgesetz als Gedenktag zu verankern. Schirmer betont die historische Relevanz beider Daten, deren jeweiliger Wert zu unterschiedlich ist, um sie gegeneinander aufwiegen zu können. Der Tag der Einheit erinnere an den eiligen und überstürzten Beitritt der neuen Bundesländer in die BRD – ausgelöst durch die Verlockungen der D-Mark.
„Die Wiedervereinigung war kein analytisch geplanter Schritt, sondern der Zusammenschluss war – wie Ex-Kanzler Kohl es sagen würde – ausgelöst durch den ‚Hauch der Geschichte‘. Es war in erster Linie ein übereilter wirtschaftlicher Schritt.“ Die Besinnung auf die Vergangenheit von Ost- und Westdeutschland ermögliche ein besseres Verständnis für die Gegenwart und die Zukunft. Während die Menschen im Westen mit der Gründung der Bundesrepublik ab dem 23. Mai 1949 lernten, in einer Demokratie zu leben, und langsam aber stetig Wohlstand er erwarben, sei der andere Teil Deutschlands von einer Diktatur in die nächste gerutscht. „Die Relevanz des 3. Oktobers als Tag der Reflexion wird sich noch bitter erweisen. Unser Land steht vor großen Zerreißproben zwischen Ost und West. Wir brauchen diesen 3. Oktober als Tag der Besinnung“, so Schirmer.
„Tag der Befreiung“?
Bernd Weißenborn, Dekan der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, sagt: „Mir persönlich ist der Tag der Deutschen Einheit wichtig.“ Für ihn sei es in erster Linie ein Tag zum Danken. „Dass die Einheit friedlich mit Kerzen und Gebeten vonstatten ging, ist ein riesiges Geschenk. Als Mensch des Glaubens sehe ich immer eine andere Hand wirken.“ Es sei ein Zeichen dafür, dass bei allen Problemen in der Welt es Dinge gebe, die richtig seien. Dass viele Menschen den freien Tag eher für private Zwecke nutzen und nicht dem historischen Moment gedenken, könne er ihnen nicht verübeln.
Bedenklich finde er jedoch, dass der 8. Mai im nationalen Gedenken weggerutscht sei. „Ich finde, dass der 8. Mai als ein ‚Tag der Befreiung‘ neu ins Bewusstsein vor allem auch einer jüngeren Generation gehört. Da wir es erneut mit erstarkenden rechtsradikalen Kräften zu tun haben und die Anschläge auf jüdische Einrichtungen leider eher zunehmen, braucht es Mahnung.“ Es gehe bei dieser Frage auch immer darum: „Wie viel Gewalt darf sein, um einen Krieg zu stoppen?“ Eine Frage die sich auch derzeit in der Ukraine stelle.
Geschichte der Nationalfeiertage
BRD
Zwischen den Jahren 1954 und 1990 fand der Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni statt. Gedacht wurde dabei dem Volksaufstand in der DDR im Jahr 1953. Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 war der 3. Oktober der Tag, an dem vertraglich die Wiedervereinigung beschlossen wurde.
DDR
Der Nationalfeiertag der Deutschen Demokratischen Republik war der 7. Oktober. Gefeiert wurde die Staatsgründung im Jahr 1949.