Mehr als nur Rennsportpartner von Mercedes: Der Automobilhersteller HWA möchte seine Eigenständigkeit jetzt sichtbar machen und bringt erstmals unter eigenem Namen ein Fahrzeug auf die Straße.
Wenn die Sonne tief über Affalterbach steht, dann lässt sich nichts dagegen machen. Dann steht der Automobilhersteller HWA zwangsläufig im Schatten des nur durch eine schmale Straße getrennten Nachbarn AMG. Diese Position nimmt HWA auch seit vielen Jahren in geschäftlicher Hinsicht ein. Doch weil es sich in diesem Fall nicht um ein weiteres Naturgesetz handelt, soll sich an jenen Affalterbacher Verhältnissen etwas ändern. Das ist jedenfalls das Ziel der vor vier Monaten berufenen Doppelspitze von HWA. Martin Marx als CEO und Gordian von Schöning als Entwicklungsvorstand arbeiten an einem eigenen HWA-Image.
Wenn überhaupt wurde das Unternehmen bisher als Geschäftspartner von Mercedes-AMG wahrgenommen, der für den Platzhirsch seit 1998 die Rennsportaktivitäten erledigt, samt Entwicklung und Bau der Autos. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit – was insgesamt elf Gesamtsiege in der Rennklasse DTM und weitere in den verschiedenen Fia-GT-Serien unterstreichen. Als zahlender Kunde bringt AMG die HWA-Rennwagen unter dem eigenen Label an den Start. Eine gute Werbung für die auf der Straße zugelassenen AMG-Hochleistungsfahrzeuge, für die die Mercedes-Tochter zuständig ist.
Hans Werner Aufrecht und seine Schlüsselrolle
„Nicht überall, wo HWA drin ist, steht auch HWA drauf“, sagt Technikchef Gordian von Schöning. Einen weiteren Beleg dafür ist die eigene Motorenabteilung, wo ganze Aggregate entstehen, die beispielsweise bei Luxussportwagen wie De Tomaso, Pagani oder Apollo Haube kommen. Ebenso wurde ein leistungsstarker Elektro-Antrieb für den Wohnmobil-Hersteller Knauss Tabbert entwickelt. Und den Härtetest haben die E-Erzeugnisse in der Formel E auch schon bestanden. Dort ging HWA in der Saison 2018/2019 unter den eigenen drei Buchstaben an den Start. Die Initialen von Firmengründer Hans Werner Aufrecht.
1967 beginnt die Unternehmerkarriere von Hans Werner Aufrecht, als er sich mit seinem Kompagnon Erhard Melcher in Großaspach zu einem Zweimann-Betrieb zusammen tut, der sich ganz dem Motorsport verschreibt. Unter dem Namen AMG (Aufrecht, Melcher, Großaspach) entwickelt sich die Schrauberwerkstatt zu einer Weltmarke. Von dieser übernimmt 1998 der damalige Daimler-Chrysler-Konzern 51 Prozent der Anteile. Gleichzeitig wird die Motorsportabteilung von Mercedes-AMG ausgliedert und in die von Aufrecht gegründete HWA GmbH überführt. Vor 25 Jahren, am 30. Oktober 1998, wird das Unternehmen, das mittlerweile eine AG ist, ins Handelsregister eingetragen.
Dieses Jubiläum nimmt der HWA-Vorstand zum Anlass, sich als eigenständiger Hersteller sichtbar zu positionieren. „Vorhang auf“, sagt Gordian von Schöning und verrät, was es dann zu sehen gibt. Eine Premiere. Denn zum ersten Mal soll ein HWA-Auto mit Straßenzulassung und unter eigenem Namen 2025 auf den Markt kommen. Als optisches Vorbild dient der zwischen 1990 und 1993 hergestellte Mercedes-AMG 190 E Evolution II. Den sogenannten „Evo II“ bezeichnet von Schöning als „ikonisch“.
HWA betont jetzt die Eigenständigkeit
Hinter diesem Plan steckt das Bedürfnis, die Eigenständigkeit der HWA AG deutlich hervorzuheben. Gleichzeitig ist darin auch eine Emanzipation vom großen Kundenpartner Mercedes-AMG zu erkennen – und die Loslösung vom mittlerweile hauptsächlich in Österreich lebenden Übervater Hans Werner Aufrecht, der noch rund 33 Prozent der HWA-Anteile hält.
Diese Neuorientierung hat aber auch etwas mit der Entwicklung des Automobilrennsports zu tun. Die Serien unterhalb der übermächtigen Formel 1 spielen für die deutschen Marken wie Mercedes, BMW, Audi oder Porsche mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Beispiel DTM. Früher steckten die Konzerne große Summen in die Deutschen Tourenwagen-Serie, unterhielten eigene Werksteams. Dieser Wettbewerb der Hersteller war als Liveübertragung viele Jahre eine feste Größe im Fernsehprogramm, bis die ARD 2018 aus dem Vertrag ausstieg. Auf ein abgespecktes Programm hat auch Mercedes-AMG mit den HWA-Wagen geschaltet und beliefert nur noch Privatteams und -Kunden mit Fahrzeugen. Damit wird nur noch indirekt ins DTM-Geschehen eingegriffen
Auch weil das HWA-Renngeschäft dadurch weniger finanziellen Wumms besitzt, will sich der Betrieb mit seinen 270 Beschäftigten nicht mehr nur als Dienstleister in Szene setzen, sondern nun auch als eigenständiger Hersteller. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums lautet das Motto bei HWA: lange genug im Verborgenen getüftelt.
HWA im Überblick
Gegenwart
Die HWA AG in Affalterbach (Landkreis Ludwigsburg) stellt als Dienstleister zurzeit jährlich etwa 100 Renn- und Sportwagen her, die für andere Marken produziert werden. Der Umsatz beträgt rund 100 Millionen Euro im Jahr. Die Firma, die auch Motoren entwickelt, hat 270 Beschäftige. Circa 220 von ihnen arbeiten als Ingenieure und Techniker, 50 in der Verwaltung.
Vergangenheit
HWA sind die Initialen von Hans Werner Aufrecht, der die Firma 1998 gründete, um die Motorsportabteilung von Mercedes-AMG in ein eigenständiges Unternehmen ausgliedern zu lassen. sto