Die nagelneuen Euro-Münzen Foto: Stefanie Schlecht/Stefanie Schlecht

Hans-Jürgen Sostmann war einer der ersten, die sich Euro-Münzen sicherten. Die „Starter-Kits“ besitzt der leidenschaftliche Sammler aus Böblingen noch heute, genauso wie Erinnerungen an teure Rostbraten und währungstechnische Parallelwelten.

Böblingen - Hans-Jürgen Sostmann war einer der ersten in Böblingen, die vor 20 Jahren die neue Finanzwelt fühlen wollten. Als der damals 62-Jährige hörte, dass es Euromünzen gibt, machte er sich umgehend auf und reihte sich in die Schlange am Schalter der Böblinger Volksbank ein. Eine Weile Wartezeit später verlies Sostmann das Kreditinstitut mit drei Plastiksäckchen in der Tasche: sogenannte Euro-Starter-Kits, für die er jeweils 20 D-Mark über den Tresen schieben musste.

 

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An die Gründe, die ihn zum raschen Erstkontakt mit der neuen Währung bewegten, kann Hans-Jürgen Sostmann sich noch gut erinnern. „Man wollte doch schauen, wie die Münzen aussehen“, erzählt er. Heute sind die runden Metallteile längst altbekannte Bewohner unserer Geldbörsen. Hans-Jürgen Sostmann hat seine Startermünzen nie ausgegeben, er hat sie noch immer.

„Man wollte doch schauen, wie die Münzen aussehen“

Dass noch mehr Menschen damals an diesem 17. Dezember 2001 – die Starter-Kits gab es nämlich schon zwei Wochen vor der offiziellen Einführung – auf die Idee kamen, sich den Euro prägefrisch in der Plastiktüte abzuholen, überraschte Hans-Jürgen Sostmann. „Ich habe mich gewundert, dass ich nicht der einzige war“, erzählt er. Das Interesse am neuen Geld war auch in Böblingen groß, obwohl es dafür noch nichts zu kaufen gab: Ein Dutzend Gleichgesinnte, erinnert er sich, standen am Ausgabeschalter. Für 20 Mark gab es 20 verschiedene Euro Münzen – vom 1-Cent- bis zum 2-Euro-Stück. „Der Gesamtwert war 10,23 Euro“, weiß Sostmann noch genau.

Mit Euro kaufen und in D-Mark rechnen

Bei Hans-Jürgen Sostmann war es nicht nur der Wille, möglichst schnell das neue Zahlungsmittel zu greifen, der ihn so eilig in die Volksbank marschieren ließ. „Ich habe damals noch Münzen gesammelt. Da hatte man gelernt, zeitig auf die Bank zu gehen, wenn neue Editionen herauskamen“, erzählt er.

Sammler von Berufs wegen

Und noch etwas hat den Böblinger zum schnellen Gang in die Kassenhalle bewegt. „Ich war schon immer ein Sammler“, berichtet Hans-Jürgen Sostmann. Auch von Berufs wegen. Damals hatte er gerade zwei Jahre lang seine professionelle Sammlerlaufbahn hinter sich: Als Mitarbeiter des Böblinger Stadtarchivs gehörte es zu seinem täglichen Job, in Archiven und Akten zu wühlen. Eine Profession, die Sostmann seit seinem Abschied aus dem Rathaus nie abgelegt hat. Noch heute besitzt er viele Dokumente der Böblinger Vergangenheit. Verdient gemacht hat er sich vor allem um die Aufarbeitung der Geschichte des Böblinger Flughafens, der er sich seit vielen Jahren zusammen mit zwei Freunden widmet.

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Was heute längst Normalität in den Geldbeuteln eines ganzen Kontinents ist, war damals auch für Hans-Jürgen Sostmann keine Selbstverständlichkeit: Plötzlich war die Mark Euro und der Preis der Waren nur noch halb so hoch. Für Sostmann begann wie für viele andere auch das Zeitalter der währungstechnischen Parallelwelt: mit Euro kaufen und in Mark rechnen. „Damals wurde immer erst mit dem D-Mark-Preis verglichen, bevor man etwas gekauft hat“, sagt Sostmann. Das alte Geld ließ sich nicht so schnell aus den bundesdeutschen Konsumentenköpfen verdrängen. Auch bei Hans-Jürgen Sostmann nicht. „Irgendwann hat man sich dann geärgert, dass die Preise tatsächlich das D-Mark-Niveau erreicht haben“, berichtet er. „Am Anfang“, erinnert er sich, „bin ich nicht ins Lokal gegangen, weil der Rostbraten schnell mal 40 Mark gekostet hat.“ Da habe man sich schon ab und an überlegt, ob das nun sein müsse.

Eurohilfe von den Enkeln

Die Euro-Integrationshilfe gab’s für Hans-Jürgen Sostmann schließlich von den Enkeln. „Oh, Opa“, hätten die ihm irgendwann offenbart, „wir haben jetzt den Euro. Das ist halt so.“ Eine Haltung, die Sostmann überzeugt hat. Mittlerweile überkommt den 82-Jährigen der Rückfall in alte Umrechenzeiten nur noch selten. „Höchstens, wenn ich mir mal ein Buch kaufe“, verrät er.

Heute erinnern nur noch ein paar alte D-Mark-Sondermünzen im Hause Sostmann an das alte Zahlungsmittel – und eben die Päckchen mit der Nachfolgewährung. Die befinden sich längst in einem Schrank der Großeltern – zusammen mit vielen anderen Erinnerungen. Zwei Euro-Säckchen sind noch original verpackt. Das dritte hat die Neugierde der Enkel nicht überlebt.

Euro-Start mit einer Milliarde Münzen im Plastikbeutel

Neue Währung
Am 1.1.2002 wurde der Euro in damals zwölf EU-Staaten als offizielle Währung eingeführt.

Starter-Kits
Um die Menschen an die Währung zu gewöhnen und das neue Münzgeld schnell in Umlauf zu bringen, gaben die Notenbanken zwei Wochen vor der Währungsumstellung so genannte „Starter-Kits“ heraus - eine Auswahl an Münzen verpackt in Plastiktüten.

Massenprodukt
In Deutschland wurden 53,54 Millionen Starter-Kits in Umlauf gebracht – mit fünf verschiedenen Buchstaben, die auf die Herkunft aus den Prägeanstalten verwies. In den Plastikbeuteln befand sich ein Sortiment aus 20 verschiedenen Münzen im Wert von 10,23 Euro. Das Starter-Set gab es für 20 Mark, der tatsächliche Wert war 20,01 Mark.

Wertzuwachs Für Sammler war das deutsche Starter-Kit keine lohnende Geldanlage. Die Auflage war hierfür zu hoch. Heute gibt es dieses für rund 15 Euro bei den Münzhändlern zu kaufen. Anders sieht es bei den kleinen Euro-Staaten aus. Für ein Original-Euro-Säckchen aus dem Vatikan oder aus Monaco müssen über 500 Euro auf den Tisch gelegt werden.

Scheine aus Leonberg Das Gesicht der aktuellen Euroscheine stammt aus dem Landkreis: Der Leonberger Reinhold Gerstetter hat diese designt. mis