Seitdem sie 13 Jahre alt ist, engagiert sich Clara Schweizer in der Politik. Foto: Horst Rudel

Die 20-jährige Clara Schweizer hat einen Verein gegründet, der ein großes Projekt verfolgt: Nürtingen schnellstmöglich klimaneutral machen – und nicht nur Nürtingen.

Was in Nürtingen funktioniert, kann angepasst auch in Esslingen funktionieren, oder in Fellbach, Böblingen und Ludwigsburg, davon ist Clara Schweizer überzeugt. Die 20-Jährige ist Gründerin der Gruppe Klima-Taskforce Nürtingen. Nicht nur ihre Heimatstadt wollen die Mitglieder klimaneutral gestalten, langfristig soll ein Handbuch entwickelt werden, mit dem auch andere Kommunen den steinigen Weg zur Klimaneutralität bewältigen können. Noch steckt das Vorhaben in den Kinderschuhen. Die Ideen der Taskforce haben aber das Potenzial, vielerorts den Weg in eine klimafreundliche Zukunft zu bereiten.

 

Was Schweizer in ihren jungen Alter bereits geleistet hat, ist erstaunlich. Schwungvoll betritt sie die Future Box in der Hechinger Straße, unweit des Nürtinger Zentrums. Im Grunde kann man sich die Räumlichkeiten wie eine Art offenes Großraumbüro vorstellen: industrieller Stil, einfache, geradlinige Einrichtung, bequeme farbige Sitzgelegenheiten und viel Raum, um sich zu entfalten. Es ist der Ort, an dem die Ideen der Klima-Taskforce entstehen. „Hier haben wir bereits viel Grübelmasse in unsere Projekte gesteckt“, sagt die 20-Jährige. Am 18. Oktober im vergangenen Jahr war die Geburtsstunde der Klima-Taskforce Nürtingen, nach einer Auftaktveranstaltung ging es los. Der Impuls, etwas in ihrer Heimatstadt Nürtingen zu ändern, kam aber viel früher.

„Es muss doch mehr möglich sein“

Seitdem sie 13 Jahre alt ist, engagiert sich Schweizer politisch: Erst in der SMV ihrer Schule, später dann im Jugendgemeinderat Nürtingens. Noch immer ist sie Parteimitglied der Grünen und bringt sich bei Fridays for Future ein. An der Universität Tübingen studiert sie derzeit Politikwissenschaften und öffentliches Recht. Kurzum: Die junge Frau will mitgestalten. Im März vergangenen Jahres bekam sie dann die Möglichkeit, eine Zeit lang nach Gambia in Westafrika zu reisen. Und was sie dort zu Gesicht bekam, löste etwas in ihr aus.

Sie arbeitete vor Ort mit verschiedenen Klima-Organisationen zusammen, erzählt die Nürtingerin. „Zum Beispiel war ich einmal mit einem einheimischen Klimaaktivisten auf seinem vertrockneten Reisfeld. Es war die Lebensgrundlage für ihn und seine Familie“, erzählt Schweizer. Diese sei wegen der Klimakrise weggebrochen. „Das hat mich total bewegt. Und ich habe mir vorgenommen: Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, dann muss doch mehr möglich sein.“

50 000 Euro für die Taskforce

Nach ihrer Rückkehr beschäftigte sie sich ausgiebig mit der Frage, wie sie den Klimaschutz in ihrer Stadt aktiv anpacken kann. Dabei fiel ihr auf: „Die verschiedenen kommunalen Akteure arbeiten viel zu wenig zusammen.“ Damit meint sie zum Beispiel die Stadtverwaltung, örtliche Unternehmen und auch die Zivilgesellschaft. Diese Akteure wollte sie an einen Tisch zusammenbringen, um gemeinsam zu handeln. Diese Plattform war die Grundidee der Klima-Taskforce.

Ein Bekannter überzeugte sie dann, sich für das Programm des Berliner Start-ups „JoinPolitics“ zu bewerben. Sie setzte sich in einem Feld von 138 Bewerbern durch, neben ihrem wurden acht weitere Projekte ausgewählt. Sage und schreibe 50 000 Euro für ein halbes Jahr bekam das Projekt zur Verfügung gestellt, zudem hat die Gruppe über „JoinPolitics“ den Zugang zu einem großen Netzwerk an Experten. Der Gründung stand also nichts mehr im Wege.

Die Hoffnung treibt sie an

Mehr als vier Monate später sitzt die 20-Jährige in der Future Box an dem Tisch, an dem alles seinen Anfang genommen hat. Während die junge Frau von ihrem Team erzählt, von ihren Wünschen, Träumen und Vorstellungen, spürt man deutlich, mit welcher Überzeugung sie bei der Sache ist. Für Schweizer ist klar, dass die kommunale Ebene für einen schlagkräftigen Klimaschutz die beste ist. „Das Tolle an Kommunalpolitik ist, dass man direkt die Veränderungen sieht, dass es greifbar ist, wenn vor Ort etwas passiert“, meint sie. Und das, was die Gruppe in Nürtingen erarbeitet, lässt sich so ähnlich auch auf andere Städte und Gemeinden übertragen. Deshalb auch die Idee des Handbuchs, Schweizer spricht auch gerne vom „Baukasten“. Weil in jeder Kommune andere Bedingungen herrschen, sollte man sich die Klimaschutz-Werkzeuge rauspicken können, die am besten passen. Dies passt zum Credo der Taskforce: „Global denken und lokal handeln“, sagt Schweizer.

Mittlerweile hat sich einiges getan. Das 15-köpfige Stammteam der Taskforce ist bunt, Menschen jeden Alters bringen sich ein. Darüber hinaus engagieren sich rund 50 weitere Personen in sogenannten Arbeitsgruppen für ein klimaneutrales Nürtingen. „Wir sind ein hoch motiviertes Team. Es macht einfach nur Spaß, zusammenzuarbeiten“, erklärt Schweizer. Dass sie und ihre Mitstreiter sich viel vorgenommen haben, ist der 20-Jährigen bewusst. Denn so viele Gründe es für den menschengemachten Klimawandel gibt, so viele Ansatzpunkte gibt es auch, um ihm entgegen zu treten. Aber: „Der Klimaaktivist in Gambia hat zu mir gesagt: Es ist keine Zeit mehr für kleine Ideen. Wir müssen jetzt in großen Projekten denken, und die dann ausprobieren“, sagt Schweizer.

Es ist eine schwierige Zeit. Auch sie habe immer wieder Tage, an denen sie zweifele, sagt sie 20-Jährige. „Auf der anderen Seite habe ich aber auch ganz viel Hoffnung – auch durch die Klima-Taskforce.“

Clara Schweizer und die Klima-Taskforce Nürtingen

JoinPolitics
 Das Berliner Start-up „JoinPolitics“ will engagierte Persönlichkeiten befähigen, Lösungen für die „Fragen unserer Zeit zu entwickeln“, heißt es auf der Webseite. Bei der Bewerbung für das Programm wurde Clara Schweizer unter 139 Einsendungen ausgesucht. Sie bekam 50 000 Euro zur Verfügung gestellt – und Zugang zu einem Expertennetzwerk.

Klima-Taskforce
 Seit der Gründung im Oktober 2022 hat der Nürtinger Verein auch schon  konkrete Vorhaben angepackt. So organisierte die Arbeitsgruppe Energie und Wärme im Stadtteil Roßdorf zusammen mit den Stadtwerken eine Veranstaltung, bei der sie die Menschen zum Thema Fotovoltaikanlagen berieten. Momentan läuft eine Sammelbestellung für diese Anlagen.