Wo heute das Verkehrsbauwerk namens Österreichischer Platz steht, befand sich 1942 das „Lindle“ mitsamt dem imposanten „Lindenhof“. Ein Blick zurück mit Text, Bildern und Karten.
Stuttgart - Wo ist eigentlich der Österreichische Platz? Das fragte das Projekt „Stadtlücken“. Sucht man den Ort auf dem Stadtplan von 1782, der im Digitalen Stadtlexikon des Stadtarchivs zu finden ist, liegt er zwischen den „Furth Wiesen“, „Kuchen Wiesen“ und „Immenhofen Wiesen“ – weit vor den Toren der Stadt. Erst im 19. Jahrhundert entsteht an der Stelle ein wahrnehmbarer Platz, der in den 1960er Jahren zu dem in dieser Zeit viel gepriesenen Symbol der „autogerechten Stadt“ wird. Doch der Reihe nach.
Seit den 1820er Jahren taucht für den Platz, am dem die Hauptstätter Straße die Paulinenstraße kreuzt, der Name „Lindle“ auf. Allerdings ist das nicht der offizielle Name, jedenfalls taucht das „Lindle“ im Adressbuch der Stadt nicht auf, die Nummerierung der Häuser folgt an dieser Stelle der Hauptstätter Straße. Offensichtlich hat sich der Begriff aufgrund der Bepflanzung mit Lindenbäumen eingebürgert. Andere Quellen weisen darauf hin, dass hier die „Ulrichs-Linde“ gestanden haben soll, die Herzog Ulrich von Württemberg (1487 – 1550) auf der Flucht aus Stuttgart 1519 angeblich gepflanzt hat.
Einst stand hier das Tübinger Tor
Jedenfalls entsteht 1822 da, wo die Hauptstätter Straße Richtung Heslach abknickt, das Tübinger Tor. Bereits 1864 wird es gemeinsam mit zwei klassizistischen Wachgebäuden wieder abgerissen, um für die Erweiterung der Stadt nach Süden Platz zu machen. Das „Lindle“ aber bleibt.
Die nun entstehende Bebauung am heutigen Österreichischen Platz dominiert das 1894 von dem Stuttgarter Architekten Karl Hengerer (1863 – 1943) erbaute Wohn- und Geschäftshaus. Das fünfgeschossige Gebäude im Neorenaissance- und Barockstil gilt damals als eines der repräsentativsten der Stadt und soll an historische Stadtpaläste erinnern.
Das Café und Restaurant „Lindenhof“ im Erdgeschoss gibt dem gesamten Komplex seinen Namen. Postkarten aus der Zeit werben mit dem Hinweis, dass es im Innenhof einen „Wirtschaftsgarten“ für 400 Personen gebe, samt Wasserfontäne und Palmen.
Damals ein großzügiger, städtischer Platz
Anfang der der 1920er Jahre wird das Restaurant umgebaut und für Büros und Geschäftsräume genutzt. Der Bildbestand unseres Projekts „Stuttgart 1942“ ermöglichen es, sich einen Eindruck von der Platzsituation am „Lindle“ zu verschaffen.
Trotz des Krieges stellt sich die Lage zumindest an diesem Teil der sogenannten Heimatfront noch friedlich dar, fast idyllisch: Zu sehen ist ein großzügiger, mit Bäumen bewachsener städtischer Platz, den im Vordergrund eine elegant gekleidete Frau und ein Jugendlicher überqueren. Im Mittelpunkt des Fotos befindet sich der massive Bau des „Lindenhofs“: Schön zu erkennen sind die zwei Ritterfiguren mit Hellebarde und Turnierlanze, die auf den Erkertürmchen thronen. Rechterhand biegt die Paulinenstraße in den Platz ein, wo ein parkendes Auto einsam am Straßenrand steht.
Nur gut ein Jahr, nachdem dieses Foto entsteht, ist der Krieg plötzlich ganz nah. Beim Luftangriff in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1943 gerät das Gebäude nach einem Treffer in Brand. Bei den Angriffen der Royal Air Force Ende Juli 1944 wird der „Lindenhof“ noch einmal schwer getroffen. Nach Kriegsende ist nicht viel mehr als die Fassade übrig, die einige Jahre später wird auch sie abgerissen. Nur das mit einem Dach versehene Erdgeschoss bleibt noch einige Jahre stehen: In dem amputierten, einst so repräsentativen Gebäude befindet sich zeitweise die Vergnügungsgaststätte „Maxim“.
Schon die Nazis planten den City-Ring
Die Planungen für einen City-Ring, in die das ehemalige „Lindle“ als Kreuzungspunkt wichtiger Fernstraßen einbezogen ist, gehen bereits auf die NS-Zeit zurück. Umgesetzt werden sie jedoch erst in der Planungseuphorie der Nachkriegszeit mit dem Bau des im Sommer 1961 eröffneten Verkehrsbauwerks namens Österreichischer Platz.
Die Paulinenhochstraße, ein riesiger Verteilerring aus Beton und der darunter kreuzungsfrei hindurchgeführte Verkehr der B 14 sollte nach dem Willen der Planer den ungebremsten Verkehrsfluss garantieren. Bekanntlich führte die rasch wachsende Automobilisierung bald zu Kapazitätsproblemen, denen selbst eine Anlage dieser beachtlichen Größe nicht mehr gewachsen ist – mit allen Folgen für diesen „Platz“, wie wir ihn heute kennen.