4397 Tagen saß der Stuttgarter Andreas Kühn im Gefängnis. Was hat das mit ihm gemacht?
Der 25. Juli 2000 hat sich in Andreas Kühns Gedächtnis eingebrannt. Es ist der Tag, an dem in Paris das Verkehrsflugzeug Concorde zwei Minuten nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle abstürzt. Eine der schlimmsten Katastrophen der Luftfahrt, die mehr als 100 Menschen das Leben kostet und den Mythos des Überschalljets beendet. Für Andreas Kühn ist dieses symbolträchtige Datum eng mit seinem persönlichen Absturz verknüpft. Von da an ist für ihn nichts mehr, wie es war.
Ein völlig normales, zufriedenes Leben habe er zu jener Zeit geführt, sagt Kühn. Er arbeitet im Security-Bereich, leitet eine Sicherheitsfirma. Es ist nur wenige Wochen her, dass er mit seiner Garde-Tanzgruppe des Stuttgarter Karnevalvereins Zigeunerinsel zum vierten Mal die deutsche Meisterschaft gewinnt. Damals dreht sich sein Leben ums Tanzen, seine Leidenschaft. Bis an jenem Tag zwei Polizisten an seine Türe klopfen.
Kühn denkt, es handle sich um ein Missverständnis
„Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt Kühn. Im ersten Moment habe er gedacht, es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Er geht davon aus, dass sich die Angelegenheit schnell klärt, steckt sogar noch etwas Bargeld für den Rückweg ein. Doch es kommt anders.
Als er wenig später dem Haftrichter vorgeführt wird, verliert Kühn die Beherrschung. Elf Jahre Gefängnis prophezeit dieser ihm. Außer sich vor Wut brüllt er den Justizbeamten an und nimmt ihn in den Schwitzkasten. Ein Polizeibeamter schießt ihm in den Oberschenkel, wenig später findet sich Kühn in Untersuchungshaft wieder. Wegen vermeintlicher Fluchtgefahr.
Seine erste Nacht im Gefängnis kommt dem gelernten Maurer „völlig surreal“ vor, als befinde er sich in einem Albtraum. „Die erste Nacht hinter Gittern ist die schlimmste“, sagt Kühn heute. Er hält sich am Fenstergitter der Mehrmannzelle fest und blickt in den strömenden Regen.
Dreizehn Jahre wird er in verschiedenen Gefängnissen verbringen, erst in Bruchsal, dann in Heimsheim. Für Taten, die er bis heute bestreitet. In einem Indizienprozess wird er 2001 vom Stuttgarter Landgericht für schuldig befunden, in den Jahren 1995 und 1998 vier Banküberfälle begangen zu haben, bei denen insgesamt 50 000 D-Mark erbeutet wurden. Der Täter tritt mal als Clown, mal als Gorilla getarnt in Erscheinung, weshalb die Raubserie schnell als Gorillamasken-Bankräuber-Fall bekannt wird.
Durch einen Zufall gerät Kühn ins Visier der Polizei. Eine Ex-Freundin hatte ihn beschuldigt, in ihrem Hausflur aus Eifersucht gezündelt zu haben. Bei einer Durchsuchung findet die Polizei bei Kühn unter anderem Zeitungsartikel zu den Überfällen und einen Kalender, in dem für zwei Tattage jeweils ein „Ü“ eingetragen ist, was als Abkürzung für „Überfall“ gedeutet wird.
Bis zuletzt scheint der Ausgang des ungewöhnlichen Prozesses offen. Mehrere Zeugenaussagen und die Aufnahme, die am 2. August 1995 eine Überwachungskamera einer Bank am Killesberg gemacht hat, geben schließlich nach zehn Verhandlungstagen den Ausschlag. Der Sachverständige sagt aus, Kühns Ohr und das des Täters seien identisch. Kühn wird zu fünf Jahren Haft wegen der Überfälle und acht Jahren Haft wegen des Angriffs auf den Richter verurteilt.
Inzwischen lebt Kühn ein bürgerliches Leben in Stuttgart
Inzwischen lebt er ein bürgerliches Leben im Stuttgarter Norden, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Seine Geschichte erzählt er in seinem Hobbykeller. „Mit diesem Laster habe ich schon als Kind gespielt“, sagt er und schmunzelt, als er einen grünen Miniatur-Lkw aus der Vitrine an der Wand holt. Kühn, der heute sein Geld als Fahrer echter Lkw verdient, pflegt eine besondere Beziehung zu den Dingen. Vielleicht liegt es daran, dass er im Gefängnis nur wenige persönliche Gegenstände bei sich haben darf. Doch vor allem verbindet Kühn mit den Dingen, die er sammelt, positive Erinnerungen, die ihm die Haft erleichterten.
Auf Außenstehende mag der vollgestopfte Hobbyraum chaotisch wirken, Kühn findet jedoch immer auf Anhieb, was er sucht. Zielsicher schiebt sich kräftige Mann zwischen Tischkicker und Hantelbank hindurch und kramt einen verstaubten Pokal hervor, den er für seinen ersten Meistertitel 1996 in Hameln bekommen hat. An jenem Tag befindet sich Kühn auf dem Höhepunkt seines früheren Lebens. Während der Haft habe er oft den Moment Revue passieren lassen, als ihm und seiner Mannschaft im entscheidenden Moment die komplexe Schlusshebefigur gelingt.
Kühn ist ein kontaktfreudiger Mensch. Neben der Tanzgruppe spielt er bis zu seiner Festnahme im Spielmannszug Pauke. Freundschaften und ein enger Kontakt zur Familie sind ihm wichtig. All das zerbricht am 25. Juli 2000.
Kühn unterteilt sein Leben in drei Phasen: die Jahre vor der Haft, die Zeit in der Haft und schließlich sein Leben in Freiheit nach der Entlassung. Die Jahre in Haft sind wie ein Schwarzes Loch, das vieles von dem verschlingt, woran sein Herz hängt. Freunde wenden sich ab, Träume zerplatzen.
„Die erste Zeit in Haft war, als wäre ich lebendig begraben worden“, sagt Andreas Kühn. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Mitarbeiter der Vollzugsanstalten: Beamte und Sozialarbeiter versuchten, einen Keil zwischen die Häftlinge und ihre Familien zu treiben, Schikanen seien an der Tagesordnung.
Die schwerste Belastungsprobe besteht für Kühn jedoch darin, sich von einem Tag auf den anderen in einem völlig fremden Umfeld zurechtfinden zu müssen, umgeben von Mördern, Vergewaltigern, Drogenbossen, Dealern. Auch unter den Häftlingen gebe es Hierarchien, denen man sich beugen müsse.
Wie übersteht man 13 Jahre in Gefangenschaft?
Wie übersteht ein umtriebiger Mann wie Andreas Kühn 12 Jahre in Gefangenschaft? Am Anfang füllt er die Zeit mit dem akribischen Studium von Prozessakten und Gesetzestexten. Er will, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird, dass „Gerechtigkeit wieder hergestellt“ wird, wie er sagt. Ein ehemaliger Arbeitgeber, Rainer Glöckle, unterstützt ihn. Er glaubt daran, dass Kühn als Bauernopfer herhalten musste und zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Auch die zwei Schwestern von Kühn halten weiter zu ihm und besuchen ihn monatlich.
Die meisten Gefängnisinsassen seien gebrochene Menschen, sagt Kühn. Ihm hilft, dass er sich an positiven Erinnerungen festhalten kann, die er in seinem Leben vor der Haft sammeln konnte. Seine Erfolge als Tänzer, die Auftritte mit dem Spielmannszug, Konzertbesuche. Immer wieder denkt er an solche Ereignisse, um der Eintönigkeit des Häftlingslebens zu entfliehen. „Ich habe in einer imaginierten Parallelwelt gelebt.“
Durch seine Erfahrung als Security-Mann weiß Kühn, wie er brenzliche Situationen entschärft. Die Körpersprache und ein bestimmtes Auftreten seien entscheidend, wenn man bedroht werde. Im Gefängnis habe man manchmal jedoch keine andere Wahl, als sich mit Fäusten zu wehren. Kühn erinnert sich an eine besonders bedrohliche Situation, als er im Gewölbekeller der JVA in Bruchsal von drei Mithäftlingen angegriffen wird, die sich an ihm rächen wollen. Er hatte sich bei der Gefängnisleitung beschwert, weil die Männer das Rauchen während des gemeinsamen Unterrichts nicht einstellen wollten. Hilfe bekam er keine. „Im Gefängnis bist du ganz auf dich alleine gestellt.“
Den schwersten Moment erlebt Kühn, als seine Mutter stirbt und er nur mit Handschellen und strenger Bewachung das Grab besuchen darf. Trotz des Schicksalsschlags kämpft er weiter, versucht, sich seine Neugier zu bewahren. Er bildet sich weiter, arbeitet in der Gefängnisschlosserei, engagiert sich in der Insassenvertretung, gründet eine Band, spielt Theater, betreibt Kraftsport. Jeden Tag schreibt er in sein Tagebuch, um das Zeitgefühl nicht zu verlieren. Wenn abends um halb neun die Zellentür ins Schloss fällt, hört er mit einem Kassettenrekorder Lieder von Rammstein und Metallica. „Musik war mein Ventil.“
2008 kommt ein von Kühns Verteidiger in Auftrag gegebenes Gutachten des Anthropologen Friedrich Rösing zu dem Schluss, Kühn könne nicht der Mann auf den Aufnahmen der Überwachungskammer gewesen sein. Auch das Oberlandesgericht Stuttgart bestätigt, dass die Zweifel an der Richtigkeit der Verurteilung berechtigt seien. Allering sind die Hürden einer Wiederaufnahme des Verfahrens hoch, alle Versuche scheitern. Erst am 30. April 2012 wird Kühn nach 4397 Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Hätte er gestanden, wäre er früher freigekommen. Doch das kam für ihn nicht infrage: „Ich war immer auf der richtigen Seite.“
Kühn will nicht in Selbstmitleid versinken
Als Kühn 2012 endlich frei kommt, versucht er, die verlorenen Jahre aufzuholen. „Man weiß erst, was Freiheit bedeutet, wenn sie einem genommen wird“, sagt er. Einkaufen gehen, mit der Stadtbahn fahren, ausgehen, an all das musste er sich erst wieder gewöhnen. Menschenmassen lösen zunächst Angstgefühle bei ihm aus, immer wieder träumt er von der Haft. Doch er nimmt sich fest vor, nicht in Selbstmitleid zu versinken.
Bald schon geht es bergauf: Nur zwei Wochen nach seiner Entlassung lernt er auf dem Frühlingsfest die Liebe seines Lebens kennen, seine jetzige Frau. Er sucht sich einen Job, gründet eine Familie, engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr. Hass verspüre er keinen. Dennoch begleiten der Prozess und die Haft ihn in seinen Gedanken noch immer täglich. Um dieses düstere Kapitel seines Lebens endlich hinter sich zu lassen, wühlt er sich noch einmal durch die Akten und beginnt, seine Sicht auf die Ereignisse aufzuschreiben. „Es tut gut, sich die ganze Wut und Enttäuschung von der Seele zu schreiben“, sagt Kühn. Sich eines Tages wieder genauso leicht und schwerelos zu fühlen wie vor seiner jähen Bruchlandung vor 23 Jahren, das ist eine Hoffnung, die ihn nie verlassen hat.