Der frühere Foto: Sigerist

Vor 100 Tagen hat Gabriele Zull ihr Amt als Fellbacher Oberbürgermeisterin angetreten. Im Gespräch verrät die 49-Jährige, dass sie sich inzwischen in der Stadt wie zuhause fühlt. Sie sieht noch Baustellen im Einzelhandel und beim Verkehr.

Fellbach - Die 46,8 Kilometer zwischen Göppingen und Fellbach kennt Gabriele Zull mittlerweile wie im Schlaf. Schon im Wahlkampf hat die mit einer überraschend deutlichen Mehrheit zur Nachfolgerin von Christoph Palm gewählte Rathauschefin die Strecke oft genug hinter sich gebracht, mit dem Dienstantritt Anfang November wurde das Pendeln zum Alltag. Ein Gespräch mit der 49-jährigen Verwaltungschefin über die ersten Monate im neuen Amt.

Guten Tag, Frau Zull, wie geht es Ihnen im Fellbacher Rathaus? Und: Haben Sie sich schon an die Amtsbezeichnung „Oberbürgermeisterin“ gewöhnt?
Danke der Nachfrage, mir geht es ausgesprochen gut. Und ich habe zweifellos die richtige Entscheidung getroffen, als ich mich entschlossen habe, mich hier als Oberbürgermeisterin zu bewerben. Ehrlich gesagt fühle ich mich in Fellbach schon wie zuhause.
Heimisch sind Sie streng genommen ja noch nicht – oder war die Suche nach einer Wohnung für Sie und Ihre Familie mittlerweile erfolgreich?
Nein, wir haben leider noch nichts Passendes entdeckt. Wir wollen schließlich keine kurzfristige Übergangslösung, sondern etwas Dauerhaftes finden. Und das ist in Fellbach bekanntermaßen gar nicht so einfach.
Die Suche nach den eigenen vier Wänden bringt uns mitten ins Thema: Sie hatten sich im Wahlkampf ja auf die Fahnen geschrieben, sich verstärkt um die Schaffung von Wohnraum bemühen zu wollen…
.... und das – gemeinsam mit dem Blick auf die städtischen Finanzen – auch zum zentralen Thema der Klausurtagung mit dem Gemeinderat im März gemacht. Wir werden mit dem Gemeinderat über eine aktive Wohnungspolitik und eine Wohnbauoffensive sprechen. Außerdem haben wir in der Verwaltung inzwischen einen Blick auf das gesamte Stadtgebiet geworfen, wo es möglicherweise auch kurzfristig die Chance auf eine Innenentwicklung für Wohnbau geben könnte.
Was hat der Standort-Suchlauf ergeben?
Es gibt einige Grundstücke und Flächen im Innenbereich, die wir noch in die Entwicklung nehmen können und die wir dem Gemeinderat im März auch unter diesem Aspekt vorstellen werden. Zu den Flächen altes Freibad-Areal, Hallenbad sowie Kühegärten, die ja schon lange zur Entwicklung anstehen, findet im März die Bürgerbeteiligung statt und dann gehen wir ins Verfahren. Wir brauchen dringend mehr Wohnbauentwicklung – und zwar meines Erachtens sowohl quantitativ, also mehr als die 100 Wohnungen, die bisher als jährlicher Zuwachs vorgesehen waren als auch qualitativ mit unterschiedlichen Wohnformen.
Beklagt wird in Fellbach ja gern, dass sich die Verwaltung mit einer Vielzahl von parallel angepackten Projekten eher verzettelt.
Auch das wird bei der Klausurtagung ein Thema sein. Denn klar ist: Wenn ich Schwerpunkte setzen und ein Thema fokussiert angehen will, muss ich auch für die nötige Personalausstattung sorgen.
Heißt übersetzt, dass Sie dem Gemeinderat zusätzliche Stellen abringen wollen. Ist die Personaldecke in Fellbach dünner als an Ihrer früheren Göppinger Wirkungsstätte?
Fellbach befindet sich durch die Nähe zu Stuttgart in vielen Punkten schon in einer ganz speziellen Situation und ist nicht einfach mit Göppingen vergleichbar. Die Zukunft des Einzelhandels oder die Frage nach dem Verkehr sind hier neben dem Thema Wohnungsbau große Herausforderungen. Göppingen ist in der Verwaltung tatsächlich bei manchen Themen üppiger besetzt. Vor allem der Planungsbereich ist personell besser ausgestattet – wobei man auch dort mit der Schwerpunktsetzung Wohnbau- und Stadtentwicklung die Ressourcen entsprechend erhöht hat. Aber: Wir brauchen auch eine Bestandsaufnahme, wo wir finanziell stehen und was wir – von den Grünanlagen bis zum Substanzerhalt städtischer Gebäude – in den nächsten Jahren investieren müssen. Bestandssicherung und Schwerpunktbildung sind meines Erachtens wichtige Eckpfeiler.
Die Frage nach den Finanzen hängt in Fellbach ja entscheidend mit dem Ausbau von Bildung und Betreuung zusammen...
Richtig, im Bereich der Kinderbetreuung werden wir auch zukünftig quantitativ und qualitativ investieren. Und beim Maicklerschulzentrum steht ja eine Summe von 80 Millionen Euro im Raum. Da ist die Frage, wie wir eine pädagogisch sinnvolle Lösung finden, die wir finanziell auch schultern können. Ich glaube aber, dass wir das auch in einer günstigeren Variante hinbekommen, ohne auf die nötige Qualität zu verzichten.
Spekuliert wurde nach Ihrem Erfolg bei der OB-Wahl, ob sich die neue Rathauschefin auch Gedanken über den Zuschnitt der Dezernate macht – und möglicherweise die Verantwortung für den Schulbereich oder Sozialthemen ins eigene Ressort holt.
Nein, ich hätte gar nicht die Kapazität dazu – und sehe das außerdem beim Kollegen Günter Geyer sehr gut aufgehoben. Ich will und muss mich um meine Themen kümmern.
Was haben Sie sich denn – abgesehen von Wohnentwicklung – konkret vorgenommen?
Wirtschaftsförderung, Gewerbeflächen, Einzelhandelskonzept – das sind alles wichtige Themen in der Stadtentwicklung. Wir wollen uns schon noch mal bemühen, ob sich durch attraktive Ankermieter für die Innenstadt auch der Einzelhandel stärken lässt. Unsere Wirtschaftsförderung hat den Auftrag von mir erhalten, auf die Handelsfirmen zuzugehen, um auszuloten, ob es Interesse an einer Ansiedlung gibt. Und das Thema Stadtmarketing ist zwar durch den Stadtmarketing Verein gut aufgestellt, mir aber in der Stadtverwaltung zu wenig verankert. Auch die Verkehrsentwicklung und das Thema kommunaler Ordnungsdienst stehen auf der Agenda. Und wir haben mit der Integration der Flüchtlinge neben der reinen Unterbringung von der Sprachförderung bis zur Arbeitsmarktintegration eine große Aufgabe vor uns.
Wie packen Sie das an?
Zunächst mal wollen wir einen Runden Tisch ins Leben rufen, um die Abstimmung zu erleichtern und Integrationsfragen zu klären. Die Zusammenarbeit zwischen ­ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Kräften muss sich entspannen – und da ist es erst mal das wichtigste, dass alle Beteiligten wissen, wer für was zuständig ist. Synergien müssen genutzt werden und alle sollen an einem Strang ziehen. Dafür findet auch am Wochenende ein kommunaler Flüchtlingsdialog mit vielen Menschen statt, die sich in diesem Bereich engagieren.
Ihre erste Bewährungsprobe als Krisenmanagerin haben Sie mit der Insolvenz beim Gewa-Tower ja absolviert. Was hat sich als Rathauschefin noch verändert?
Mit der neuen Rolle verbunden ist ein großer Zuwachs an Verantwortung. Ich muss jetzt an die ganze Stadt denken, der Blick aufs eigene Ressort genügt nicht mehr. Und die Diskussion um den Gewa-Tower war – obwohl wir als Stadt ja gar nicht direkt beteiligt sind – kurz nach dem Dienstantritt tatsächlich unerwartet: Plötzlich wollte jeder von mir wissen, wie es mit dem Projekt weitergeht. Da der Insolvenzverwalter jetzt Herr des Verfahrens ist, konnte ich aber auch als Rathauschefin nur darauf setzen, dass er das Projekt zu einem guten Abschluss bringen wird. Und darauf setze ich auch weiter, weil die Fertigstellung für die Stadt Fellbach und alle Beteiligten natürlich absolut wichtig ist.
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