Von Sillenbuch zur Uhlandshöhe zum Kräherwald: der Jubiläumsstab hat gestern in Stuttgart Station gemacht. Foto: David Mairle

Rudolf Steiner und Emil Molt haben im September 1919 im Stuttgarter Osten die erste Waldorfschule weltweit gegründet. Das Jubiläum wird mit Staffelläufen zu allen Schulen und einem Festakt im Herbst in der Liederhalle gefeiert.

S-Ost - Natürlich wird das Thema in der Schule sehr breit getreten“, sagt die 15-jährige Rahel, „aber ich verstehe das. Dieses Ereignis gibt es schließlich nur einmal im Leben.“ Rahel besucht die Freie Waldorfschule auf der Uhlandshöhe. Das Ereignis, von dem sie spricht, wird es in der Form tatsächlich nicht wieder geben. Die Waldorfschule wird nämlich 100 Jahre alt. Im September 1919 eröffnete der Unternehmer Emil Molt zusammen mit Rudolf Steiner die erste Waldorfschule – eben diese auf der Uhlandshöhe, in der Rahel die neunte Klasse besucht. Anlässlich dieses Jubiläums hat sich der Dachverband der Freien Waldorfschulen eine ganz besondere Aktion einfallen lassen: Einen Staffellauf durch ganz Deutschland.

Aus Sillenbuch zur Uhlandshöhe

Bereits im vergangenen Juni fiel in Flensburg der Startschuss. Seitdem werden drei Staffelhölzer auf unterschiedlichen Routen von Waldorfschule zu Waldorfschule getragen. Wie die Schüler die Strecke zurücklegen ist ihnen überlassen. Am gestrigen Donnerstag war es an den Schülern der Waldorfschule Silberwald, den Staffelstab von Sillenbuch bis zur Mutterschule auf der Uhlandshöhe zu bringen. Von dort trugen ihn Schüler aus der elften und neunten Klasse weiter auf den Kräherwald. Die Fortbewegungsart ist der Kreativität der Schüler und ihrer Sportlehrer überlassen. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf dem Pferd, alles ist erlaubt, solange man sich nicht motorisiert fortbewegt. Im Vordergrund steht die Idee, sich gemeinsam zu bewegen, das Ziel aus eigener Kraft zu erreichen.

Dieser Aspekt gefällt auch Linus, der zusammen mit Rahel die neunte Klasse auf der Uhlandshöhe besucht. „Ich finde es cool, dass wir das gemeinsam machen.“ Seine Klasse wird für den Lauf zur Waldorfschule auf dem Kräherwald freigestellt. „Ich würde da aber auch so mitlaufen“, sagt der 15-Jährige. Auch Rahel ist motiviert. „Ich bin zwar ein bisschen krank“, sagt sie , „aber zumindest solange ich durchhalte will ich mitlaufen. So weit ist die Strecke ja auch nicht.“ Auf dem Marktplatz legen die Schüler eine kurze Pause ein. Nicht etwa um sich zu erholen, sondern für eine Einheit Bothmer-Gymnastik, die von Rudolf Steiner mitentwickelt wurde.

Bildung für die Kinder der Mitarbeiter

Zuvor muss aber zunächst der Staffelstab von den Schülern der Silberwaldschule in Empfang genommen. Da wird es kurz nochmal ein bisschen chaotisch – die Gruppe ist nämlich eine halbe Stunde früher da als erwartet. Nur 75 Minuten haben die 38 Schüler und fünf Lehrer gebraucht. „Wir dachten, das dauert länger. Aber die Schüler waren einfach hoch motiviert“, sagt Angela Spitta, die als Lehrerin an der Waldorfschule Silberwald unterrichtet und an dem Lauf teilgenommen hat. „Dabei bin ich nicht einmal Sportlehrerin.“ Gleich zwei Klassenstufen, die 11. und 12. Klasse, sind mit ihr zur Uhlandshöhe gejoggt. Sogar zwei Versorgungsstationen gab es auf dem Weg, organisiert von Klassenkameraden.

Als die Sillenbucher früher als erwartet ankommen, spielen einige von ihnen spontan eine Partie Basketball in der Sporthalle der Schule, einige von ihnen springen schnell unter die Dusche. Ein Schüler hat sich bei dem Lauf am Bein verletzt und wird zur Schulkrankenschwester gebracht. Danach geht es zur Staffelübergabe in der Sporthalle. Marilucia Fernandez, Sportlehrerin an der Uhlandshöhe, rekapituliert kurz die Geschichte der Waldorfschule. Wie der Unternehmer Emil Molt eine gute Bildung für die Kinder der Mitarbeiter in seiner Zigarettenfabrik eine gute Bildung ermöglichen wollte und daher mit Rudolf Steiner die erste Waldorfschule gründete. Und wie 100 Jahre später die ehemalige Waldorfschülerin und Leichtathletin Josefina Elsler die Idee zu diesem Jubiläumslauflauf hatte.

Danach wird der Stab übergeben und der Name der Uhlandshöhe eingraviert, bevor es wieder auf die Reise geht. Enden wird der Lauf im September in Berlin. Am 7. September, dem Geburtstag der Waldorfschule, ist außerdem ein Festakt in der Liederhalle geplant. An all diesen Feierlichkeiten werden auch Linus und Rahel teilnehmen, sie sind nämlich Teil des Schulzirkus, der dort auftreten soll. „Es wird also ein stressiger September“, sagen die beiden.

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