Chanel No. 5 feiert seinen 100. Geburtstag. Kreiert wurde der wohl erfolgreichste Duft der Welt vom Hof-Parfümeur des letzten Zaren, der damit die Essenz moderner Weiblichkeit schuf – und Coco Chanel zu einer Legende machte.
Paris - Catherine Deneuve, Jackie Kennedy, Marilyn Monroe, Nicole Kidman, sie alle trugen Chanel No. 5. Vor 100 Jahren, am 5. Mai 1921, kam das Parfüm auf den Markt und bedeutete damals nicht weniger als eine Revolution für die Sinne. Davor hatten brave Frauen nach Blumen gerochen, die nicht so braven nach Moschus.
Doch Chanel No. 5 entzog sich jeder Kategorisierung, wurde zur Essenz moderner Weiblichkeit, stand für Sinnlichkeit wie für Stärke. Denn Gabrielle „Coco“ Chanel begehrte auf gegen die damaligen Rollenklischees, was sich nicht nur in ihren auf jegliche Verzierung verzichtenden Kleidern niederschlug, sondern auch in ihrem Parfüm.
Eine Romanze mit Großfürst Dmitri ändert alles
Dabei hatte die legendäre Mode-Designerin anfangs mit Parfüms herzlich wenig am Hut. „Frauen parfümieren sich nur, wenn sie schlechte Gerüche zu verbergen haben“, soll Coco Chanel erklärt haben. Ihre Meinung änderte sich praktisch über Nacht, als sie eine Romanze mit Großfürst Dmitri Pawlowitsch Romanow begann – einem Cousin des von den Bolschewisten ermordeten letzten russischen Zaren Nikolaus II. Durch Dmitri lernte Coco Chanel den Hof-Parfümeur des Zaren kennen. Ernest Beaux galt damals als „Napoleon der Düfte“ und „Nase aller Nasen“.
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Als Weihnachtsgeschenk für 100 Kundinnen bat sie Beaux, ein Parfüm für Frauen zu entwickeln, „das wie eine Frau riecht“. Beaux präsentierte ihr eine Auswahl von zehn Düften, Chanel entschied sich spontan für die Nummer fünf. „Ausgerechnet“ entfuhr es Beaux, der ihr erklärte, dass Jasmin – eine der 80 Komponenten des Parfüms – furchtbar teuer sei. Worauf Chanel ihn drängte, noch mehr Jasmin zu verwenden.
Chanel stellt die Modewelt auf den Kopf
Denn die Frau, die sich anschickte, die Modewelt auf den Kopf zu stellen, wollte nicht irgendeinen Duft, sondern „das teuerste Parfüm der Welt“. Als er sie fragte, wie sie die Kreation nennen wolle, entgegnete sie: „Ich lanciere meine Kollektion immer am fünften Tag des fünften Monats. Die Fünf scheint mir Glück zu bringen – daher will ich es No. 5 taufen.“
Gesagt, getan – und als die begeisterten Kundinnen vehement Nachschub verlangten, brachte Chanel den Duft im Mai 1921 auf den Markt. Der Erfolg war überwältigend. Weitere Düfte folgten, doch keiner kam an die No. 5 heran, erst recht nicht, nachdem Marilyn Monroe 1952 erklärt hatte: „Im Bett trage ich nichts außer ein paar Tropfen Chanel No. 5.“ Für Chanel ein Glücksfall – und dazu noch gratis. Chanel No. 5 wurde für Düfte das, was Coca-Cola für Limonaden ist – das Nonplusultra.
Neben Chanel No. 5 wirkte alles andere altbacken
Bestanden Parfüms bis dahin aus rein natürlichen Inhaltsstoffen, mischte Beaux als einer der Ersten auch künstliche Aromen bei, sogenannte Aldehyde. Seine Kreation wurde zum Duft der Zukunft, zu einer raffinierten Komposition, die nach mehr riecht als nach einer einzelnen Blume. Ein Bouquet aus Rosen, Jasmin, Maiglöckchen, Ylang-Ylang, Neroli, Bergamotte und Vanille, mit einer frischen Kopfnote, gefolgt von einer blumigen Herznote. Kurz: Neben Chanel No. 5 wirkte alles andere grässlich altbacken.
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Zur ganzen Wahrheit gehört, dass der Duft, der die Welt eroberte, nur eine Variation eines bereits bestehenden Parfüms war. Zum 300-jährigen Bestehen der Romanow-Dynastie, die seit 1613 die Zaren stellte, hatte Beaux in Erinnerung an Katharina die Große das „Bouquet de Catherine“ entwickelt.
An das Original kommt keine Variation ran
Der Erfolg hielt sich freilich in Grenzen, denn ein Jahr später brach der Erste Weltkrieg aus. Alles Deutsche war nun verpönt, was auch für die deutschstämmige Katharina galt. Die Umbenennung in „Rallet No. 1“ änderte daran nichts, denn während der Wirren der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs stand den wenigsten Russinnen der Sinn nach Parfüm.
Erst im minimalistischen Flakon samt achteckigem Deckel – der an die Place Vendôme in Paris erinnern soll, an der das Hotel Ritz steht, in dem die Designerin residierte – begann der Siegeszug. Noch heute wird weltweit angeblich alle 30 Sekunden ein Flakon von Chanel No. 5 verkauft. Ganz zu schweigen von den Variationen, die folgten, zuletzt 2016 mit Blick auf jüngere Kundinnen, denen der Sinn nach weniger Opulenz steht, das etwas leichtere Chanel No. 5 L’Eau.
Ein Duft wie ein Schlag
Wie ein Parfüm riechen sollte, beschrieb Coco Chanel einst folgendermaßen: „Ein Parfüm sollte einem einen Schlag versetzen. Ich schnüffele doch nicht drei Tage herum, um dahinterzukommen, wonach es riecht.“ Auch darüber, wo es aufgetragen werden sollte, hatte sie klare Vorstellungen: „Überall, wo man geküsst werden will.“
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