Drei Oktaven Stimmumfang, Swing wie eine Schaukel und viel Lust an guten Songs: Ella Fitzgerald war die größte aller Jazzsängerinnen. Foto: AFP

Drei Oktaven Stimmumfang, Swing wie eine Schaukel und viel Lust an guten Songs: Ella Fitzgerald war die größte aller Jazzsängerinnen. Vor 100 Jahren ist sie geboren worden.

Stuttgart - Eines Tages würden einem Flügel wachsen, verspricht ein altes Spiritual, ein geistliches Lied der schwarzen USA, und dann schwinge man sich in die Lüfte, hinauf bis an den Himmel. Je nachdem, wer das singt, fühlt man sich beim Zuhören tatsächlich ein wenig leichter, fast schon fähig, die Erde hinter sich zu lassen. Aber gemeint ist in „I’ll fly away“ der Tod, der endgültige Abschied von allem Irdischen. Für alle, die sich von dieser radikalen Flugerfahrung doch eher eingeschüchtert fühlen, gibt es die Musik von Ella Fitzgerald, einen Gesang, der die Schwerkraft ebenfalls von den ersten Tönen an hinwegzaubert, aber dabei diesseitig, lebenszugewandt, ganz und gar frei von morbider Todessehnsucht wirkt.

Unfassbare Leichtigkeit

Ella Jane Fitzgerald, die am 25. April vor 100 Jahren in Newport News, Virginia, geboren wurde, ist wohl die größte aller Jazzsängerinnen. So stand es zu ihren Lebzeiten in vielen Büchern und Kritiken, und in all den Jahren seit ihrem Tod am 15. Juni 1996 hat sich an dieser Einschätzung nicht viel geändert. Die einladende Klarheit ihrer Stimme, deren stets mit unfassbarer Leichtigkeit durchmessener Umfang von drei Oktaven, ihr vitaler Swing, ihr immer auch humoriger Einfallsreichtum beim Improvisieren von nicht im Wörterbuch stehenden Lautfolgen, beim Scatten also – man könnte eine ganze Menge technischer, handwerklicher, ja, teils durchaus objektiv messbarer Kriterien nennen, um die hohe Wertschätzung Ella Fitzgeralds zu begründen. Aber die anhaltende Bedeutung und der außerordentliche Vergnügenswert ihres Schaffens wären damit keinesfalls schon ganz erfasst.

Dabei wurde Ella als junges Mädchen nur durch Zufall Sängerin, nicht durch eine früh gespürte, gar tyrannische Berufung. Tänzerin hatte die Siebzehnjährige eigentlich werden wollen, darauf hatte sie hingeübt. Aber als sie dann im November 1934 im ­legendären Apollo Theater in New York, der für die Gnadenlosigkeit ihres Publikums ­gefürchteten und geliebten Kulturauslesearena des schwarzen Amerikas, das Niveau der Konkurrentinnen sah, traute sie sich nicht mehr auf die Bühne. Und beschloss, es vielleicht doch lieber mit Singen zu versuchen. Wer zwar ihre späteren Plattenaufnahmen, aber noch nicht diese Anekdote kennt, dem muss die vorkommen wie die Flunkerei, Albert Einstein habe sich erst im letzten Moment gegen eine Karriere im Boxring und für die theoretische Physik entschieden.

Kein Clubluder, kein Kanarienvogel

Als Ella Fitzgerald sich vor Jazzbands stellte, gab es dort die Starsängerin im heutigen Sinn noch gar nicht. Bei den großen Swingbands hießen die Sängerinnen „canaries“, Kanarienvögelchen also, und hatten fast den Status von Pausenclowns. Bei den kleineren Bands, vor allem bei den fest im deftigen Blues verwurzelten Gruppen, hatten die von Fleischeslust und Liebesfrust röhrenden Damen immer auch eine Bühnenfunktion, die man ganz ungehässig als „Clubluder“ beschreiben könnte. Die Sängerin hatte mit ihrem Charisma zu bezeugen, wovon sie sang.

In beide Rollen passte die Newcomerin Ella kein bisschen. Schon eine ihrer frühesten Aufnahmen mit dem Orchester des Drummers Chick Webb trug programmatisch den Titel „I’ll chase the Blues away“, also: ich jag’ den Blues davon. Und ihr erster Hit, „A-Tisket, A-Tasket“ war eigentlich ein Kinderlied, das hier so auf die Swingschaukel genommen wurde, dass es nicht mehr kindlich, aber eben auch nicht zweideutig sexualisiert wirkte. Von Anfang an machte Ella Fitzgerald klar, dass sie mit dem Lust- und Leidenssumpf, von dem andere erzählten, mit der musikalischen Konzentration auf selbstzerstörerische Beziehungen, die dann etwa das Werk von Billie Holiday so schaurig anrührend machen sollte, partout nichts anfangen konnte.

Her mit dem weißen Leben

Dass sie zu Beginn ihrer Karriere heitere, gelegentlich auch nichtige Tagesschlager sang, hat Kritiker zur Fehleinschätzung verführt, man könne diese Phase als fast schon peinliche Aufwärmzeit vernachlässigen. Aber Ellas oft mitreißend lebendige Varianten schlichter Lieder sind gerade als Verweigerung interessant, als konsequentes Heiterbleiben da, wo theatralische Kummersimulation nahegelegen hätte.

Eine andere Weltsicht

Es war der Produzent Norman Granz, der erkannte, welches Material für diese Ella Fitzgerald ideal war: das Great American Songbook, das Repertoire aus den großen Broadway-Musicals also. Aber nicht einfach ein eingestreutes Liedchen hie und da, sondern eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Werken von Cole Porter, Irving Berlin, George Gershwin und anderen. 1956 begann die Maßstäbe setzende Reihe der „Songbook“-Alben, und wie Ella sich da Wortwitz und Perspektivfinessen, Ironie und Zuversicht, Sarkasmus und Eleganz einer raffinierten weißen und urbanen Weltsicht aneignete, wie sie die zu neuen Höhen führte, das war auch ein politischer Akt: Eine Afroamerikanerin ließ alle Klischees hinter sich und eroberte ein weißes bürgerliches Leben, besetzte souverän weiße Gefühls– und Gedankenräume.

Ellas Platten für Verve sind eine Schule des Herzens und der Gewitztheit, und natürlich wunderbare Rundflüge durch die Sphäre purer Freude am Moment. Man darf das Urteil also noch eine Weile stehen lassen: Sie war die größte aller Jazzsängerinnen.

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