10 Jahre Überlingen „Es regnet Leichen“, heißt es über Funk

Von Frank Krause 

Auch zehn Jahre nach der Flugzeug-Katastrophe von Überlingen sind längst nicht alle Wunden verheilt.

Überlingen - Es ist ein lauer Sommerabend, die Uhr zeigt 23.35 Uhr. Die Sicht über dem Bodensee ist gut. Eine Frau erinnert sich, wie sie damals auf der Terrasse saß und in die Nacht träumte: „Plötzlich habe ich einen Feuerball am Himmel gesehen.“ Was sie nicht ahnt: Die glutrote Wolke ist eine der schlimmsten Flugzeug-Katastrophen, die Deutschland jemals erlebt hat. Es ist die Nacht vom 1. auf 2. Juli 2002, und gerade eben sind in fast 11 000 Meter Höhe über Überlingen eine russische Tupolew und eine DHL-Frachtmaschine zusammengestoßen.

Sekunden später rasen die Trümmer wie Geschosse der Erde entgegen. Die Tupolew, die auf dem Weg von der baschkirischen Hauptstadt Ufa nach Barcelona ist, zerbricht in mehrere Teile und schlägt oberhalb von Überlingen auf. Ein Flügel steckt in einem Acker, der Rumpf mit noch angeschnallten Passagieren bohrt sich in eine Apfelbaumplantage. Die Frachtmaschine, die vom italienischen Bergamo nach Brüssel unterwegs war, zerschellt einige Kilometer weiter bei Owingen. Kurz darauf sind die ersten Helfer an den Unglücksstellen. Hans-Peter Walser, damals Polizeichef in Friedrichshafen und Einsatzleiter, erinnert sich an einen Satz, der sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt hat. „Jemand sagte über Funk: Es regnet Leichen vom Himmel.“

Den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr, aber auch vielen freiwilligen Helfern bietet sich ein Bild des Grauens: Die Trümmerteile sind über Kilometer hinweg verstreut, dazwischen liegen menschliche Überreste. Längst ist Großalarm ausgelöst worden. Ministerpräsident Erwin Teufel wird informiert. Er eilt noch in der Nacht an die Unglücksstelle und gibt am frühen Morgen eine erste Pressekonferenz. Als er über die Tragödie spricht, fließen Tränen.

Überlingen ist einer Katastrophe knapp entgangen

Niemand ahnt zu jenem Zeitpunkt, welches Ausmaß sich hinter dem Unglück verbirgt. Die Rekonstruktion der Kollision wird später zeigen, dass die Stadt Überlingen wie durch ein Wunder einer noch größeren Katastrophe entgangen ist. Erstens schlagen alle Trümmerteile auf freiem Feld auf, zweitens wird am Boden niemand verletzt. Die Bilanz ist dennoch fürchterlich. An Bord der Tupolew sterben 69 Menschen, darunter 41 Schulkinder, die auf dem Weg in die Ferien nach Spanien waren. In der DHL-Maschine wiederum kommen der britische Pilot und sein kanadischer Co-Pilot ums Leben.

Die juristische Aufarbeitung in den folgenden Jahren steckt voller Pannen. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wer für die Tragödie haftet. Im Mittelpunkt steht die Schweizer Flugsicherung Skyguide, die im Auftrag Deutschlands von Zürich aus auch den süddeutschen Luftraum überwacht. Einen rechtlich bindenden Vertrag dafür gibt und gab es aber nie. Also verklagte seinerzeit die Bashkirian Airlines, Betreiberin der Tupolew, die Bundesrepublik Deutschland. In erster Instanz entschied das Landgericht Konstanz, der Bund müsse für die rechtliche Schlamperei und damit auch für das Unglück haften. Doch die Bundesregierung legte Revision ein. Wann das Verfahren endlich entschieden wird? „Wir können ­keinen Zeitrahmen nennen“, sagt eine Sprecherin des Oberlandesgerichts Karlsruhe.

Allein, so viel steht seit zehn Jahren ohnehin fest: Skyguide trägt die Hauptschuld für die Tragödie. Denn die Untersuchungen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig bringen schon kurz nach der Kollision katastrophale Erkenntnisse. Denn der Lotse, der in jener Nacht im Kontrollzentrum in Zürich sitzt, arbeitet alleine. Sein Kollege darf Pause machen. Der Ein-Mann-Betrieb, damals noch Normalität bei Skyguide, hat verheerende Konsequenzen. Einerseits muss der Lotse eine verspätete Maschine beaufsichtigen, die in Friedrichshafen landet. Andererseits soll er an einem anderen Schirm die Tupolew und die Frachtmaschine im Blick haben. Was er nicht weiß: Seine technischen Sicherheitssysteme und Telefone sind zu Wartungsarbeiten abgeschaltet. So nimmt das Unglück seinen Lauf. Als sich die beiden Maschinen immer näher kommen, wird in den Cockpits das automatische Kollisionswarnsystem ausgelöst. Die Tupolew soll steigen, die Frachtmaschine soll sinken. Doch der Lotse weist die Russen an, in den Sinkflug zu gehen. Die Tupolew-Besatzung folgt der Anweisung – nicht ahnend, dass die Piloten in der Frachtmaschine ihrer Bordtechnik folgen. Sekunden später kommt es zum Zusammenstoß.

Skyguide änderte die internen Abläufe

Skyguide ändert in der Folgezeit zwar ­interne Abläufe, lehnt eine Entschuldigung jedoch ab und kämpft mit den Anwälten der Hinterbliebenen um Schadenersatzzahlungen. So kommt es zur zweiten Tragödie: Am 24. Februar 2004 wird der Lotse der Unglücksnacht auf der Terrasse seines Hauses in Zürich-Kloten von Witali Kalojew niedergestochen. Der Ossete hatte bei dem Unglück seine Frau und beide Kinder verloren. Dass er später in Zürich zu einer gut fünfjährigen Haftstrafe verurteilt wird, dann aber vorzeitig nach Hause darf, dort als Held für seine Blutrache gefeiert wird und nun in Nordossetien als stellvertretender Bau­minister arbeitet, ist gleichfalls Teil dieses Dramas. Er selbst bereut seine Tat nicht. „Jeder Mensch in einer ähnlichen Situation ist berechtigt, die Gerechtigkeit in seine eigenen Hände zu nehmen“, hat der Fluglotsenmörder zum Jahrestag der Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“ gesagt. Er habe zur Gedenkfeier nach Überlingen reisen wollen, erzählt Kalojew, besitze jedoch kein Visum. In Überlingen wird man darüber nicht traurig sein. Die Wunden der Katastrophe vom 1. Juli 2002 sind auch so noch tief genug. Der beste Beleg: Eine Delegation von Skyguide wird bei der offiziellen Trauerfeier am Sonntagabend nicht dabei sein – auf Wunsch der Hinterbliebenen.

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