Der VfB Stuttgart freut sich über die erste Halbfinalteilnahme im DFB-Pokal seit zehn Jahren, will darüber aber keineswegs den Existenzkampf in der Fußball-Bundesliga vernachlässigen. Dabei könnte es am Saisonende zu einer besonderen Konstellation kommen.
Am Ende durfte natürlich auch der Klassiker nicht fehlen. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, schallte es aus der mit über 10 000 Fans gefüllten Gästekurve des Max-Morlock-Stadions. Die leidgeprüften Anhänger hatten nach dem 1:0-Erfolg im Viertelfinale des DFB-Pokals endlich wieder etwas zu feiern. Der letzte Auswärtssieg in der Bundesliga liegt zwar schon ein Jahr und vier Monate zurück. Im Pokal dafür läuft’s: 1:0 in Dresden, 6:0 gegen Bielefeld, 2:1 in Paderborn, 1:0 in Nürnberg. Vier Siege mit vier verschiedenen Trainern gegen allesamt nur unterklassige Gegner, aber im Sport zählt am Ende nun einmal das Ergebnis. Erstmals seit zehn Jahren steht der VfB Stuttgart wieder im Halbfinale des DFB-Pokals.
„Der Sieg tut uns sehr gut“, sagte der während der 90 Minuten weitgehend beschäftigungslose Torhüter Fabian Bredlow. „Im Pokal-Halbfinale zu stehen, ist extrem geil. Ich glaube, dort standen von uns noch nicht so viele Spieler.“ Zwei, um genau zu sein. Dan-Axel Zagadou mit Borussia Dortmund sowie Genki Haraguchi mit Union Berlin. Für alle anderen wird die Vorschlussrunde am 2. oder 3. Mai erstmals zur großen Bühne, nachdem sich ihr fußballerischer Alltag sonst fast ausschließlich um den Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga dreht.
Die Liga hat eindeutig Priorität
Dieser hat auch weiter höchste Priorität, wie Sportdirektor Fabian Wohlgemuth nach dem knappen Weiterkommen im Frankenland betonte. „Heute dürfen wir uns freuen. Aber die Bundesliga ist eindeutig wichtiger.“ Schon am Sonntag (17.30 Uhr) steht das erste von acht Abstiegsendspielen beim VfL Bochum an. Wohlgemuth vergaß nicht zu erwähnen, dass ein Abstieg den VfB deutlich teurer zu stehen kommen würde als die 3,35 Millionen an Einnahmen für das Erreichen des Pokal-Halbfinales.
So dürfte das Saisonende für das Tabellenschlusslicht zu einem schwierigen Spagat zwischen Pokal-Freude und Klassenkampf in der Liga werden. Trotz allem Fokus auf den Klassenverbleib soll der Pokal ernst genommen werden. Mit etwas Losglück und guter Tagesform erscheint das Finale in Berlin als nicht gänzlich aussichtsloses Szenario. Auch wenn die drei verbliebenen Gegner RB Leipzig, Eintracht Frankfurt und der SC Freiburg für den VfB im Normalfall eine Hürde zu hoch sind.
VfB will den Schwung aus dem Pokal mitnehmen
Doch was heißt das schon? In den jüngsten Aufeinandertreffen mit Frankfurt (1:1) und Freiburg (1:2) hielt der VfB gut mit. Und möglicherweise macht der neuerliche Trainerwechsel tatsächlich noch einmal die lahmen Stuttgarter Beine munter. Nach schwacher erster und ordentlicher zweiter Halbzeit in Nürnberg hofft Hoeneß nun, „den Schwung des Sieges in die restliche Woche mitzunehmen.“ Und möglichst auch darüber hinaus.
Sollte die Mannschaft im Halbfinale, das an diesem Sonntag (19 Uhr) im Rahmen der ARD-Sportschau mit Thomas Hitzlsperger als Ziehungsleiter ausgelost wird, tatsächlich über sich hinauswachsen und das Finale in Berlin erreichen, könnte es am Saisonende zu einer denkbar ungewöhnlichen und für den VfB auch ungünstigen Konstellation kommen. Das Endspiel ist für den 3. Juni terminiert und liegt damit genau zwischen den Terminen, die für die Bundesliga-Relegation angesetzt sind (1. und 5. Juni). Für die ja auch die Stuttgarter ein heißer Kandidat sind. In diesem Fall würde das Relegationshinspiel von Donnerstag auf Mittwoch vorverlegt, das Rückspiel fände zwei Tage später als geplant, ebenfalls mittwochs, statt, wie die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf Anfrage mitteilte. Das Finale am Samstag bliebe auf jeden Fall unangetastet.
Pokalfinale inmitten der Relegation
Schon das Halbfinale Anfang Mai wird den Abstiegskandidaten alles abverlangen. Liegt es doch inmitten zweier wichtiger Bundesligaspiele gegen Borussia Mönchengladbach und bei Hertha BSC. Am Ende dürfte auch der Kopf eine entscheidende Rolle spielen. Apropos Doppelbelastung: Eine Teilnahme am Europapokal wäre ausschließlich mit dem Pokalsieg verbunden. Die reine Finalteilnahme ermöglicht keinen Startplatz mehr, wie das früher der Fall war, wenn etwa der spätere Pokalsieger sich zugleich für die Champions League qualifizierte.
Alles Gedankenspiele, so auch dieses: Der VfB holt den Pokal und steigt ab. Ein spezielles Double, das es in dieser Form tatsächlich schon einmal gab: 1996 mit dem 1. FC Kaiserslautern.