Zum Tod von Roger Cicero Er wollte gute Unterhaltung neu erfinden

Von Björn Springorum 

Sein künstlerisches Merkmal war die Verbindung von Soul, Jazz und Pop – der Hut aber wurde das Markenzeichen von Roger Cicero. Foto: dpa
Sein künstlerisches Merkmal war die Verbindung von Soul, Jazz und Pop – der Hut aber wurde das Markenzeichen von Roger Cicero.Foto: dpa

Jüngst erst gab er den „Stuttgarter Nachrichten“ noch ein Interview, nichts deutete auf den Schicksalsschlag hin. Roger Cicero ist an den Folgen eines Hirninfarktes gestorben.

Stuttgart - „Was kommt am Ende der Straße – auf der ich grad’ rase?“, fragte sich Roger Cicero 2014 auf seinem Album „Was immer auch kommt“. Am 24. März ist der Sänger im ­Alter von 45 Jahren an den Folgen eines Hirnschlags gestorben. Er hat die Straße des Lebens völlig unerwartet verlassen – und hinterlässt ein tiefes Schockgefühl bei allen, die ihn kannten und bewunderten.

„Wir sind fassungslos und unendlich traurig. Unser Mitgefühl gilt in erster Linie seiner Familie“, teilte sein Management am Dienstag mit. „Einen Tag nach seinem letzten Live-Auftritt im Bayerischen Fernsehen traten plötzlich akute neurologische Symptome infolge eines Hirninfarktes auf“, so das offizielle Statement weiter. „Im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand rapide. Cicero starb im Kreise seiner Lieben, ­ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu ­haben.“

Stuttgart-Konzert war für 18. April geplant

Erst letzten November musste der Sänger alle Termine des restlichen Jahres absagen. Akutes Erschöpfungssyndrom mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung, hieß es von offizieller Seite. Jetzt sollten die abgesagten Termine nachgeholt werden – und es sah ­alles gut aus. Noch vor wenigen Tagen wirkte Cicero wohlauf, machte fleißig Werbung für seine anstehende Tournee „Cicero sings Sinatra“. Am 18. April wäre er in Stuttgart aufgetreten. Auch mit unserer Zeitung sprach er noch darüber, wirkte voller Elan und Tatendrang, freute sich sichtlich auf die anstehenden Konzerte und seine favorisierte Rolle als Jazz-Sänger und Sinatra-Interpret. „In erster Linie bin ich leidenschaft­licher Sänger“, erwiderte er auf unsere ­Frage, in welcher Rolle er sich denn am ­besten gefiele. „Wenn das noch mit Publikum vor mir und Band hinter mir geschieht, ist das natürlich umso besser.“

Dafür hatte er in seinem viel zu kurzen ­Leben reichlich Gelegenheit. Geboren am 6. Juli 1970 als Roger Marcel Cicero Ciceu in Berlin, wuchs er als Sohn des Jazzpianisten Eugen Cicero und der Tänzerin Lili Cziczeo auf, stand mit elf das erste Mal auf der Bühne und mit 16 das erste Mal vor einer Fernsehkamera. Der Rest ist ein bemerkenswertes Stück deutsche Musikgeschichte: Nach ­seiner Ausbildung am Trossinger Hohner-Konservatorium spielte er im Ensemble ­seines Vaters, war ein Teil des Bundes­jugendjazzorchesters und hing mit Anfang 20 gleich noch ein Jazzgesang-Studium in Hilversum dran. „Jazz ist das Gegenteil von einem Korsett. Es geht einzig um die Freiheit der Musik“, sagte er uns vor wenigen Tagen.

Alles schien geebnet für eine große ­Karriere im Jazz, doch Roger Cicero war nie jemand gewesen, der es bei einem Weg beließ, der sich früh festlegte und immer nur das tat, was man von ihm erwartete. Sicher, der Jazz war bis zu seinem überraschenden Tod seine große Leidenschaft, das bewies er zuletzt einmal mehr durch das Roger Cicero Jazz Ensemble, dessen selbstbetiteltes Album sogar für den Klassik-Echo nominiert wurde. Es wäre ihm jedoch immer zu wenig gewesen, sich einzig und allein darauf zu konzentrieren.

Vielfältige Talente

Nach einigen Jahren als Kopf seines ­Roger-Cicero-Quartetts erschien 2006 sein erstes Soloalbum. Darauf gab es, sicher, eine Menge Jazz zu hören. „Männersachen“ schmeckte aber eben auch nach Soul, nach Pop, nach Swing trug der anderen Leidenschaft Ciceros Rechnung: Große Gefühle, musikalisch eingängig verpackt – und ­versehen mit augenzwinkernden Texten. Das bescherte ihm zahlreiche Goldene Schallplatten, Musikpreise und weit über eine Million verkaufte Tonträger.

Dass sich Pophits und jazzige Eskapaden nicht ausschließen, bewies er in den Folgejahren immer wieder. Mal gab es, wie 2007 für den Eurovision Song Contest, mit „Frauen regier’n die Welt“ einen radiotauglichen Gassenhauer, mal interpretierte er für das Benefizprojekt „Giraffenaffen“ bekannte Kinderlieder neu und modern, mal kehrte er zu seinen Jazz-Wurzeln zurück. Nimmt man zusätzlich noch Moderator, Schauspieler und Synchronsprecher in die Liste seiner Aktivitäten auf, bekommt man langsam ein ungefähres Bild von seinem Arbeitsethos: Erlaubt ist, was gefällt – solange man es mit Hingabe und Herzblut tut.

Wunderbare Leichtigkeit der Songs

Pläne hatte Roger Cicero immer viele. Zahlreiche Konzerte mit seinem Jazz-Ensemble waren anberaumt, die „Cicero sings Sinatra“-Tournee stand unmittelbar vor ihrem Start. Sinatra starb an einem Herzinfarkt, Cicero an einem Hirnschlag. Beide verstanden sich als Vollblutentertainer, ­beide liebten die Musik, ihre Hörer und die Bühne über alles. Beide hinterlassen ein ­großes Loch, das nur entsteht, wenn ein Künstler ganz und gar unnachahmlich war.

Wer ihn bei seinem letzten Stuttgart-Gastspiel im Oktober 2014 in der Liederhalle ­erleben konnte, sah wie so viele Male davor einen Künstler auf der Bühne, dessen stimmliches Talent erhaben, dessen ­Ausstrahlung fein austariert war zwischen charmant, glamourös und frech – und dessen Songs von wunderbarer Leichtfüßigkeit ­waren. Daran wird man sich noch lange ­erinnern.

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