Wohnungsnot in der Stadt Arbeitslose Frau mit Hund verzweifelt bei Wohnungssuche

Von Andrea Jenewein 

Auf Wohnungssuche: Stefanie Kaiser mit ihrem Hund Inaki Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Auf Wohnungssuche: Stefanie Kaiser mit ihrem Hund Inaki Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stefanie Kaiser und ihr Hund Inaki suchen seit Monaten einer Unterkunft. Doch Wohnungslose mit einem Hund haben es auf dem Stuttgarter Wohnungsmarkt sehr schwer – zumal sich durch die Wohnungsnot die Zahl aller Wohnungs- und Obdachlosen erhöht hat.

Stuttgart - Inaki zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. „Ach, wie süß“, sagt die Frau, die im Café am Nebentisch sitzt, und krault den kleinen Rüden mit dem hellen Fell zwischen den Ohren. Inakis Frauchen Stefanie Kaiser lächelt freundlich. Sie kennt diese Reaktion: Fast alle, so sagt sie, finden ihren Hund überaus knuffig. „Wenn die Menschen so auch denken würden, wenn es darum geht, an Hundebesitzer eine Wohnung zu vermieten, dann wäre ich vielleicht nicht wohnungslos“, sagt die 39 Jahre Stuttgarterin. Inaki scheint den Gram seines Frauchens zu spüren. Vielleicht ist es aber auch die Erschöpfung, die ihn dazu veranlasst, sich zu Füßen von Stefanie Kaiser niederzulassen und zusammenzurollen. Den ganzen Tag sind die beiden unterwegs, bei Wind und Wetter; seit einigen Wochen ist Kaiser wohnungslos.

Nach einer Krebserkrankung und einem tätlichen Übergriff auf sie, habe sie im September 2016 einen Neuanfang versucht. Die Altenpflegerin nahm in Bayern einen neuen Job an, kündigte ihre Wohnung in Stuttgart und bezog im Freistaat ein kleines Zimmer zur Untermiete. Doch dieses sei ihr nach nur einer Woche gekündigt worden; kurz darauf verlor sie auch ihren Job. Stefanie Kaiser ging zurück nach Stuttgart, da sie dort vorübergehend bis Ende Dezember bei einer Bekannten unterkommen konnte. Und machte sich auf die Suche nach einer Unterkunft – bisher allerdings ohne Erfolg.

Denn ohne einen Job ist es schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Momentan darf sie bei einer Frau in Reutlingen schlafen. „Sie hat auf eine verzweifelte Anzeige von mir reagiert und mir einen Unterschlupf angeboten“, sagt Stefanie Kaiser. Gemeldet ist sie dort nicht; wenn sie Geld übrig hat, zahlt sie ein wenig Miete. Wenn nicht, darf sie dennoch die Nacht dort verbringen. Ebenso wie Inaki. Und das, sagt Kaiser, sei das eigentliche Wunder. Denn der Teufelskreis aus Wohnungs- und Arbeitslosigkeit sei mit Hund noch schwerer zu durchbrechen. „Niemand will jemanden mit Hund“, sagt sie.

„Niemand will jemanden mit Hund“

Sozialbürgermeister Werner Wölfle weiß „um die Problematik, dass die Nähe zu den eigenen Hunden Menschen in Wohnungsnot davon abhält, in Wohnangebote zu ziehen, in denen eine Haltung von Hunden nicht möglich ist und dass das Halten von Hunden die Wohnungssuche extrem erschwert.“ Indes sei es nur sehr selten erlaubt, Hunde zu halten.

Kaiser hat sich nun an die Caritas gewandt. Deren Frauenpension I zieht am 15. März in die neusanierte Immobilie in Bad Cannstatt zurück. Dann gibt es 50 Plätze, davon drei für Frauen mit Hund. Die Frauenpension II mit 24 Plätzen bietet nach Absprache ebenfalls drei Plätze für Frau mit Hund. Indessen sind allle Plätze besetzt.

Man habe ihr bedeutet, dass sie ohne Hund wesentlich größere Chancen auf eine Unterkunft habe. „Aber ich kann Inaki nach den 16 Jahren, in denen er bei mir ist, nicht hergeben. Er ist mein bester Freund – und gut für meine Psyche“, sagt Stefanie Kaiser. Stefanie Uphoff von der Frauenberatung Stuttgart, über die die Plätze in den Frauenpensionen zentral vergeben werden, bestätigt den Eindruck der Wohnungssuchenden: Zwar gebe es auch für Frauen zurzeit eine Warteliste zum 31. Januar mit 25 Namen: 22 mit und drei ohne Hund. „Das Problem ist aber, dass besonders die Hundehalterinnen keine Anschlusswohnung finden und die Plätze für Frauen mit Hund somit nur sehr selten frei werden“, sagt Stefanie Uphoff.

So ist Stefanie Kaiser mit ihrem Inaki weiter auf der Suche nach einer Bleibe. „Keiner fühlt sich verantwortlich für mich“, sagt sie. „Ich passe nicht ins Klischee des Wohnungslosen“. Auch Äußerlich nicht. Stefanie Kaiser ist gepflegt und sorgsam geschminkt. Darauf legt sie großen Wert. „Viele Obdachlose lassen sich nicht gehen, sondern waschen sich etwa in Schwimmbädern“, sagt sie. Aus Scham sprächen viele nicht über ihre Obdachlosigkeit. Mit diesem Tabu will Stefanie Kaiser brechen. „Ich gehe an die Öffentlichkeit, um auf ein Problem aufmerksam zu machen, das viele betrifft – auch viele Frauen“, sagt sie.

Momentaner Engpass an Angeboten für Menschen in Wohnungsnot

Die Stadt geht davon aus, dass aktuell rund 4000 Personen in Stuttgart leben, die keine Wohnung mit einem eigenen Mietvertrag haben; bei etwa 20 Prozent der Menschen in Wohnungsnot handelt es sich um Frauen. Für diese Frauen gibt es laut Wölfle ein „differenziertes Hilfesystem mit frauenspezifischen Angebot“. Doch das Problem ist, dass es zu wenige Wohnungen gibt. Wölfle: „Die Menschen finden viel seltener als früher selbst günstige Wohnungen auf dem Wohnungsmarkt.“Gleichzeitig seien die Anfragen bei der Wohnungsnotfallhilfe seit dem Jahr 2010 um fast 20 Prozent gestiegen, in den Unterkünften, die akute Obdachlosigkeit verhindern, sogar von 2014 auf 2016 um rund 20 Prozent.

„Ich lasse nicht locker“

Kaiser hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Bis hin zum unverschämten Angebot eines Vermieters, gegen zweimal Sex die Woche eine Wohnung zu bekommen, habe sie alles erlebt. Momentan sei sie dabei, beim Amt für Liegenschaften und Wohnen einen Wohnberechtigungsschein zu beantragen, mit dem sie sich um eine Sozialwohnung bemühen kann. Bisher sei ihr das nicht möglich gewesen. Denn ohne Leistungsbescheid, also eine Leistungsbewilligung vom Jobcenter – etwa über Arbeitslosengeld – gehe das nicht. Doch den habe sie von der Agentur für Arbeit nun endlich bekommen. „Ich lasse eben nicht locker“, sagt sie. Deshalb habe sie auch an OB Fritz Kuhn (Grüne) und an die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles (SPD), geschrieben, ihre Situation geschildert und die Frage aufgeworfen, ob sie „erst auf der Straße leben und schlafen muss, damit sich jemand zuständig fühlt“. Eine Antwort habe sie nie erhalten.

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