Stuttgart 21 Auf der Kippe

Konstantin Schwarz, 12.12.2012 19:23 Uhr

"Das Projekt Stuttgart 21 ist sehr gut vorbereitet, weshalb kaum mit Kostensteigerungen in Höhe von 50 Prozent zu rechnen ist.“ Der frühere CDU-Innenminister Heribert Rech hatte mit dieser Aussage am 20. Dezember 2006 eine Anfrage der Grünen im Landtag abgebügelt. Der neue Tiefbahnhof in der Stadt mit Strecken bis Feuerbach und Wendlingen sollte damals 3,8 Milliarden Euro kosten.

Am Mittwoch hat Bahn-Technikvorstand Volker Kefer gegenüber dem Aufsichtsrat des Schienenkonzerns die Katze aus dem Sack gelassen. Stuttgart 21 kostet bis zu 6,8 Milliarden Euro. Und damit 50 Prozent mehr, als bisher durch alle Baupartner finanziert ist. Ende 2009 waren­ die Baukosten des laut Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn bestens geplanten und berechneten Projekts schon einmal extrem in die Höhe geschnellt. Der Aufschlag von 3,1 auf 4,1 Milliarden Euro bedeutete eine Kostensteigerung um satte 32 Prozent.

Die Bahn beteuerte damals und beteuert heute, bei diesem Vorhaben wirklich alles ausgeleuchtet, bedacht und abgepuffert zu haben. Die Projektgegner wollten das nie glauben, und selbst unverdächtige Instanzen wie der Bundesrechnungshof äußerten Zweifel. Auf 5,3 Milliarden Euro taxierte die Bonner Behörde das Vorhaben 2008. „Unsere damalige Einschätzung hat sich ziemlich genau bestätigt“, sagt Rechnungshof-Sprecher Martin Winter heute.

"Der Offenbarungseid, den Kefer am Mittwoch geleistet hat, ist kaum zu fassen"

Mit der neuen Zahl gesteht Kefer ein, dass seine Planer das Vorhaben nie im Griff hatten. Denn sie haben wesentliche Dinge „vergessen“. Zum Beispiel Grundstückskosten. Anhand der jährlich aktualisierten Boden-Richtwertkarte der Landeshauptstadt könnten sie berechnet werden. Für das Heft muss man allerdings 35 Euro berappen. Die Bahn will im eng bebauten Talkessel zudem ein Loch von einem Kilometer Länge, 120 Meter Breite und 25 Meter Tiefe graben. Da gibt’s Rohre und Leitungen? Hat man in der vorhandenen Dichte schlicht unterschätzt.

Der Offenbarungseid, den Kefer am Mittwoch geleistet hat, ist kaum zu fassen. Der Schaden ist – über die reine Summe­ hinaus – groß: Der Konzern Bahn wird unglaubwürdig, und ein Vorstandsmitglied liefert dazu die Fakten. Er informiere „grundsätzlich erst dann, wenn ich genau weiß, worüber ich rede“, sagt Kefer. Er soll trotzdem bleiben, sagt der Aufsichtsrat, weil man nicht den vom Hof jage, der aufkläre. Die Frage aber ist, warum Kefer die Kalkulation nicht deutlich früher auf den Prüfstand gestellt hat.

Die Bahn hat am Mittwoch vorgegeben, generös zu sein und zusätzlich 1,1 Milliarden Euro für Stuttgart 21 zu geben. Damit aber sinkt die Rendite der Investition von 7,5 auf nur noch knapp über ein Prozent. Das sei „nicht trivial“, sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums – und dass der Konzern unter diesen Vorgaben eine Investition normalerweise nicht beginne.

Die Bahn hat die Verantwortung für Weiterbau oder Projektabbruch nun an Land und Stadt delegiert. Sie sollen für weitere bis zu 1,2 Milliarden Euro in Haftung gehen. Selbst wohlmeinenden Projektpartnern wie Stuttgarts scheidendem OB Wolfgang Schuster (CDU) geht das zu weit. Stuttgart 21 steht auf der Kippe.

 
 
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Kommentare (127)
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DEZ
19
DJ, 00:12 Uhr

Auf der Kippe

Auf der Kippe steht Stuttgart 21 nicht mal für die Grünen in der Regierung. Übertreibung ist die Würze der Medien, aber manchmal ist zu viel des Guten ungenießbar.

DEZ
16
Manager a.D., 14:07 Uhr

Fehlgeburt oder...

Totgeburt. S21 ist in jedem Fall eine Totgeburt. Das was die Bahn alles übersehen hat wäre jeder einfachen Hausfrau (ohne abzuwerten) aufgefallen. Ich versteh nicht was dort vorgeht, so dumm können die Verantwortlichen nicht sein denn dann wären sie mehr als Fehlbesetzt. Da sie nicht so dumm sind, muss es sich um einen Vorsatz handeln. Fragt sich was mit dem Geld der Steuerzahler passiert, in welche Hände es anschließend gelangt, welche Beziehungen die Bahn zu anderen Transportgrößen hat wenn sie auf Teufel komm raus ihr eigenes Unternehmen sabotiert. Die Bahn soll Menschen und Güter auf dem Landweg transportieren. Dies sicher und kostengünstig. Dieses Ziel gibt es anscheinend nicht mehr. Als sie staatlich war gab es fast in jeden Dorf eine Zuganbindung, und heute? Man muss zu den Bahnhöfen teuer anreisen, die Tickets sind teuer, die Verbindungen schlampig oder unzuverlässig. Das ist diese Bahn heute die sich Global Player schimpft. Eine Bank mit angegliedeter schlechter Transportlogistik. Jeder Manager sollte wissen das ein Unternehmen nur dann gut ist wenn es seine Kernziele verfolgt. Bisher sind alle daran gescheitert die diesen Weg verlassen haben. Das Ziel kann NIE vorrangig das GELD verdienen sein. Hier versenkt man Geld. Aber nur weil es nicht das eigene ist. Macht das was ihr am besten könnt. Leute von A nach B bringen. Einfach, sicher, kostengünstig und vielseitig.

DEZ
15
phil55 , 23:57 Uhr

'Alternativlos'

Vergleich zweier Varianten ('Alternativen'): 1.) der Kopfbahnhof ist real, leistungsfähig, zukunftsfähig - 2.) das Phantom S21 ist nicht fertig geplant, risikobehaftet, nicht abschließend finanziert, ein zukünftiges Nadelöhr welches Stuttgart vom Bahnverkehr abhängt. ______________________________________________________________________________ Ergo: nicht das Phantom S21, sondern der derzeitige Stuttgarter Bahnknoten ist alternativlos. Man sollte eben keine kaufmännischen Bahnlaien an einer funktionierenden Bahn-Infrastruktur herum-pfuschen lassen.

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