Radsport – Hans-Michael Holczer „So ein Unfall lässt einen nie mehr los“

Von Jochen Klingovsky 

Die Angst vor Autos fährt bei Radprofis immer mit: Auch der frühere Trainer und Teamchef Hans-Michael Holczer hat schon schlimmer Erfahrungen gemacht. Foto: dpa
Die Angst vor Autos fährt bei Radprofis immer mit: Auch der frühere Trainer und Teamchef Hans-Michael Holczer hat schon schlimmer Erfahrungen gemacht.Foto: dpa

Nach dem schlimmen Unglück auf Mallorca, wo ein Auto sechs Fahrer des deutschen Teams Giant-Alpecin erfasst und schwer verletzt hat: Radsport-Experte Hans-Michael Holczer im Interview über die Gefahren von Trainingsfahrten und den Umgang mit schlimmen Erlebnissen.

Stuttgart - Herr Holczer, sechs Radprofis des deutschen Teams Giant-Alpecin sind auf Mallorca von einem Auto erfasst und teilweise schwer verletzt worden, unter ihnen John Degenkolb. Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Unfall gehört haben?
An zwei Daten – den 28. Januar 1989 und den 12. Dezember 2015.
Warum?
Vor 27 Jahren kam einer meiner Radrennfahrer vom RSV Öschelbronn bei einem Unfall ums Leben. Und vor einem Monat bin ich selbst bei einer Radausfahrt voll von einem Auto erfasst worden.
Was ist passiert?
Ich habe alleine trainiert, bin ganz vorsichtig mit deutlich weniger als 15 Stundenkilometern in Rottenburg-Hailfingen in eine Kreuzung hineingerollt – und eine Autofahrerin hat mich im Gegenlicht komplett übersehen. Ich hatte riesengroßes Glück, denn ich habe den Unfall völlig unverletzt überstanden.
1989 waren die Folgen umso dramatischer.
Es war ein Samstag, ich bin damals Sportlicher Leiter der Bundesliga-Mannschaft des RSV Öschelbronn gewesen. Eine Trainingsgruppe mit mehr als 20 Fahrern ist nachmittags bei mir zu Hause in Herrenberg losgeradelt, in einer Reihe, zu zweit nebeneinander. Ich habe noch einen Anruf erhalten, bin mit dem Auto zwei, drei Minuten später gestartet. Als ich auf der B14 in Richtung Nufringen unterwegs war, habe ich schon gesehen, dass ein Stück weiter vorne meine Fahrer wild durcheinandergelaufen sind und total geschockt waren.
Was war geschehen?
Einer meiner Fahrer ist am Hinterrad seines Kollegen vor ihm hängen geblieben und auf die Straße gestürzt. Er wurde von einer Autofahrerin, die trotz Verbots überholt hatte, voll erfasst. Die Bilder von damals bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf, so ein Unfall lässt einen nie mehr los. Ich fahre jedes Jahr mehr als 100-mal an dieser Stelle vorbei – und das Unglück von damals ist immer präsent.
Was ist die größte Angst eines Radfahrers?
Von einem Auto übersehen und erwischt zu werden. Denn sobald bei einem Unfall die Masse eines Autos mitspielt, endet es immer wie auf einem Schlachtfeld.
Sind Trainingseinheiten gefährlicher als Radrennen?
Im Training begleitete die Radfahrer die Angst vor Autofahrern permanent, im Rennen ist das nicht der Fall. Ich habe zwar dort auch schon viele spektakuläre, gefährliche Stürze erlebt, aber solange es Fahrrad gegen Fahrrad geht, stecken die Profis das meistens einigermaßen gut weg.
Was raten Sie John Degenkolb und seinen Teamkollegen, die den Unfall ja auch psychisch verarbeiten müssen?
Zunächst mal werden sie sich selbst ein Trostpflaster verabreichen, indem sie sich sagen: Wir leben alle noch, und keiner von uns hat einen irreparablen Schaden davongetragen. Dann werden alle versuchen, möglichst schnell wieder fit zu werden, schließlich hat John Degenkolb für diese Saison sportlich große Ambitionen. Und falls es doch Leute mit Blockaden geben sollte, die künftig Angst vor Stürzen oder Abfahrten haben und deshalb früher bremsen, kann auch ein Sportpsychologe helfen.
Nehmen viele Radprofis eine derartige Hilfe in Anspruch?
Letztlich ist es so wie überall: Auch Motorradfahrer, die einen Kumpel verloren haben, geben danach wieder Gas. Auch nach der Beerdigung eines Angehörigen geht man irgendwann wieder zur Tagesordnung über. Am Anfang fahren Radprofis vielleicht einen Tick vernünftiger – aber das verliert sich relativ schnell wieder. Am Ende gibt es nur volle Pulle.
Was raten Sie Radsportlern für das Training im öffentlichen Straßenverkehr?
Leider sind Radwege keine wirklich geeignete Alternative. Zum einen ist das Radwegenetz in Deutschland nicht gut genug ausgebaut, zum anderen würde es dann auf den schmalen Radwegen zu hochgefährlichen Situationen kommen. Wenn zwei Radfahrer in hoher Geschwindigkeit zusammenstoßen, kann auch dies ganz schlimm ausgehen.
Es gibt also keine Tipps?
Doch. Ich nutze, wann immer es geht, geteerte landwirtschaftliche Wege oder verkehrsarme Regionen. Und man muss einfach so vorsichtig wie irgend möglich fahren.
Kann man nicht auf der Rolle trainieren?
Bei Eis und Schnee geht es nicht anders. Aber die notwendige Ausdauerkomponente zu trainieren, das ist nur bei langen Fahrten auf der Straße möglich. Das kann man auch nicht nur mit dem Mountainbike im Gelände kompensieren.
Ist es besser, alleine oder in der Gruppe zu trainieren?
Das ist nicht so einfach zu beantworten: In der Gruppe werden Radfahrer eher gesehen. Aber wenn ein Autofahrer eine Gruppe von Radfahrern übersieht, dann wird es immer gleich brachial.
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