Kampf um Mossul Das Leben nach der Apokalypse

Von Jürgen Becker 

Der Krieg gegen die Terrormiliz Islamischer Staat in der nordirakischen Metropole Mossul ist noch lange nicht gewonnen. Im Westteil wird weiter gekämpft, im Ostteil kehrt etwas Normalität ein. Doch die Herausforderungen sind enorm.

Mossul - Das Staccato eines Maschinengewehrs zerreißt die Stille. Vor dem Eingang der Kirche Umm al-Ma’una (Unsere Mutter der ewigen Barmherzigkeit) liegen fünf tote Milizionäre, ihre Körper seltsam verdreht und aufgedunsen. Ein penetrant süßlicher Dunst wabert durch die Luft. Seit annähernd vier Wochen liegen die Leichen schon hier. „Gutes Futter für die Vögel“, sagt Alaa al-Qureisch, Presseoffizier der irakischen Streitkräfte in Mossul, zynisch und lacht.

Vermutlich wurden die fünf Dschihadisten durch Luftangriffe getötet. Unweit der Leichname klafft ein Krater im Boden. Sie gehörten wohl der „Hisba“ an, die immer noch so mächtig ist, dass sich die in West-Mossul eingeschlossenen 300 000 bis 400 000 Einwohner den Überzeugungen der Extremisten unterwerfen. Ein Schriftzug an der Außenfassade des Gebäudes weist zumindest darauf hin, dass sich diese berüchtigte religiöse Geheimpolizei der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) dort, nur rund 200 Meter Luftlinie von der derzeitigen Front entfernt, im Al-Dawasa-Distrikt einquartiert hatte.

Die Marmorsäulen im Inneren der Kirche sind mit Koranversen bedeckt. Ein „Stadtdokument“ listet die 14 Lebensregeln unter dem Regime dieser sunnitischen Islamisten auf: „Der Handel und der Konsum von Alkohol, Drogen und Zigaretten ist verboten.“ Frauen sollten züchtige Kleidung tragen und nur in der Öffentlichkeit erscheinen, „wenn es nötig ist“. Eine Broschüre auf dem Schuttboden klärt über die Strafen für Diebstahl, Alkoholkonsum, Ehebruch und Homosexualität auf. Milizionäre haben ihre Kampfnamen an die Wände gekritzelt, nicht ein einziges Kruzifix, keine einzige christliche Statue hat ihr Wüten überstanden. In einem der kleinen Seitenräume der Kirche umranken Girlanden aus künstlichen Blumen die Bedienungsanleitung für eine Kalaschnikow. Neben dem grauen Altar liegt eine noch nicht abgefeuerte Granate.

Die Rückeroberung Mossuls stockt derzeit

Ein Knall hallt durch die Straßen. „Das sind Scharfschützen des IS, die alles aufs Korn nehmen, was sich bewegt“, sagt Alaa al-Qureisch. Die Schüsse – offenbar in unmittelbarer Nähe abgefeuert – klingen wie metallenes Bellen. Seit Oktober läuft die Offensive zur Rückeroberung Mossuls, das mehr als zwei Jahre vom IS kontrolliert wurde. Daran beteiligt sind auch von der Bundeswehr ausgebildete und mit Waffen ausgerüstete kurdische Peschmerga-Einheiten. Weite Gebiete in und um Mossul sind inzwischen vom IS befreit. Doch derzeit stockt die Rückeroberung der größten Bastion der Dschihadisten. Die Straßen sind eng. Spezialeinheiten der irakischen Armee durchkämmen deshalb zu Fuß Haus für Haus, Straße für Straße. „Überall lauern Sprengfallen“, sagt Alaa al-Qureisch. Der Blutzoll, den die irakische Armee zahlen muss, ist deshalb hoch. Angaben zu den Verlusten auf der eigenen Seite macht sie aber nicht. Es sollen Tausende sein. Auch Einblicke in ihre Frontlazarette gewähren die Streitkräfte zurzeit nicht.

Aus südwestlicher Richtung wälzt sich eine Militärkolonne bis in die Altstadt vor. Im Industriegebiet westlich vom Flugplatz passieren die leicht gepanzerten Fahrzeuge ehemals riesige Gebäudekomplexe, deren Stahlträger, Wände und Decken wie bei Mikado-Stäben auseinandergefallen sind.

Auch in den Distrikten al-Dawas und al-Nabi Sheet reiht sich bis nahezu an die Frontlinie Betonskelett an Betonskelett. An fast jedem Abzweig von der Hauptstraße versperren verkohlte und völlig verbogene Lastwagen- und Pkw-Karosserien, die der IS hatte auftürmen lassen, den Weg. Blechjalousien wehen zerfetzt im Wind, die meisten Fensterscheiben sind zerborsten, kaum ein Laden, kaum eine Wohnung, in denen nicht alles wild durcheinander auf dem Boden liegt, als hätte ein Tornado getobt. Und in all dem Schutt, zwischen Metallteilen, Glassplittern, Socken, Nummernschildern, Ölflaschen, Gebetsketten und Patronenhülsen taucht plötzlich ein Kind auf, das sein Fahrrad um einen Bombentrichter herumträgt. Eine Straße weiter schlendern Frauen und Männer durchs Geröll. Die Scharfschützen des IS scheinen sie nicht mehr zu beeindrucken.

Kein Gefühl der Sicherheit

Colonel Nazzar Ghanim hat mit seiner Einheit und rund einem Dutzend Mörsern gleich um die Ecke Stellung bezogen. In den Munitionskisten liegen Geschosse, Kaliber 120. „Heute ist es ruhig“, sagt der Colonel. „Wir schießen nur auf Anforderung. Unsere Ziele sind Waffenlager und Bomben-Bastelwerkstätten des IS.“

Vor der Al-Nabi-Moschee ein paar Meter weiter dampft es aus Kochtöpfen. Schiitische Hilfsorganisationen verteilen Reis mit Hühnchen. Das sunnitische Gotteshaus ist mit Bannern geschmückt, auf denen sie für Imam Hussein werben – ein Enkel des Propheten Mohammed und eine zentrale Figur im schiitischen Glauben. Zu normalen Zeiten hätte das zu Aufruhr im rein sunnitischen Mossul geführt. Heute essen alle nur.

Ein paar Kilometer entfernt weinen Kinder, ducken sich verängstigt auf der Ladefläche eines Lastwagens weg, obwohl sie jetzt in Sicherheit sind. Andere balgen sich um Süßigkeiten, die verteilt werden. In der prallen Sonne sitzen Familien im Kreis, die eine einfache Mahlzeit hinunterschlingen. Ein Mann trägt seine kleine Tochter auf dem Arm. „Milch, wir brauchen unbedingt Milch“, sagt er. Auch Nafiz Walida ist gerade erst in diesem Sicherheitszentrum angekommen, in das alle Flüchtlinge und Bewohner der vom IS zurückeroberten Stadtteile zunächst gebracht werden. „Ich bin raus aus meinem Viertel, als es ruhiger wurde“, sagt Walida.

Seine Frau und vier Kinder hat der 45-Jährige in al-Nabi Sheet zurückgelassen. „Es gibt dort kaum noch etwas zu essen und zu trinken“, sagt er. „Der IS sagte aber, ihr bekommt alles, wenn ihr mit uns zusammenarbeitet.“ Er nickt, als andere erzählen, dass die Dschihadisten die Bewohner als menschliche Schutzschilde missbraucht haben. Er sagt, dass die Islamisten oben auf dem Dach die Granaten Richtung Osten abgefeuert hätten, während im Gebäude Zivilisten gefangen gehalten worden seien.

Warum sie nicht schon früher geflohen sind? Walida schüttelt den Kopf. „Sobald wir das Haus verlassen wollten, haben die Dschihadisten auf uns geschossen. Ein achtjähriges Mädchen haben sie vor meinen Augen umgebracht“, erzählt er. „Ich musste auch mit ansehen, wie 25 Menschen, die hatten fliehen wollen, öffentlich hingerichtet wurden – als Exempel.“

Lesen Sie jetzt