Griechenland Die Schule des einfachen Lebens

Von Andrea Erne aus Kalamos 

Neue Energie tanken mit Qigong-Übungen beim Wandern mit Seminarleiterin Lina. Foto: Andrea Erne
Neue Energie tanken mit Qigong-Übungen beim Wandern mit Seminarleiterin Lina.Foto: Andrea Erne

Entspannungsübungen und Meditationen, Tanzen, Wandern und Baden - so kann ein Yoga-Urlaub auf dem griechischen Pilion aussehen.

Der Wind fährt in die zerzausten Kronen der alten Bäume und bringt die silbrig-grünen Blätter zum Rascheln. Er zupft an trockenen Schilfwedeln und bläst mit fröhlichem Knattern in die Stoffbespannung des Sonnendachs. Darunter sitzen neun Frauen und zwei Männer kerzengerade auf ihren Matten und versuchen, Störungen auszublenden: der heiser bellende Hund, das tuckernde Moped, das Megafon des Gemüsehändlers. Dreimal am Tage kommen sie auf der Holzplattform im Olivenhain zusammen, der nur wenige Minuten vom griechischen Fischerdörfchen Kalamos entfernt direkt am Weg ins hügelige Hinterland liegt. Am frühen Morgen, am Vormittag und gegen Abend wandern kleine Grüppchen zu ihren Kursen unter freiem Himmel. Die einen biegen links ab zum Yoga mit Basu, die anderen treffen rechts Jorgos zum Qigong. Jorgos und Lina Pappas sind die Gründer von Iliohoos, der „Schule des einfachen Lebens“, in der von Mai bis Oktober ein ganzheitliches Urlaubserlebnis angeboten wird. Wer zwei Wochen lang die Entspannungsübungen und Meditationen mitmacht, auf Wanderungen mit Lina die Natur des Pilion und seiner freundlichen Bewohner erlebt und viel Zeit am Strand oder in der Hängematte verbringt, der ist wieder offen für den Duft von wildem Fenchel und für das Schauspiel der eilends vorbeiziehenden Wolkenbilder am Himmel. Seit 20 Jahren leben die Pappas auf der Halbinsel zwischen Pagasitischem Golf und Ägäischem Meer.

Ruhe ist wichtig für die Entspannung

Etwa vier bis fünf Stunden dauert die Reise mit dem Bus nach Thessaloniki, Volos ist eineinhalb Stunden entfernt. Doch gerade dieser abgelegene Teil Griechenlands trägt viel zur Entspannung bei. Keine Bettenburgen, kein Radau, auf dem Südpilion machen vor allem Griechen Urlaub. Das familiäre Hotel, das Lina und Jorgos für ihre Seminare angemietet haben, liegt am Rand des Dorfes, direkt am Meer. Vom Bett aus hören die Gäste das Rauschen der Brandung und während der Mahlzeiten sitzen sie am Strand oder auf der Terrasse der offenen Taverne. Morgens um halb acht ist die Stimmung auf der Yoga-Plattform noch ein wenig verschlafen. Basu wartet schweigend im Lotussitz. Die anderen füllen noch ihre Flaschen an der Quelle, schlüpfen aus den Schuhen und bauen sich dann ein Nest aus Matten, Kissen und Decken. Dann ertönt das Glöckchen zur Meditation. Mit eindringlichem Singsang führt Basu auf die Reise nach innen: „Bring deine Aufmerksamkeit in deinen Körper! Bring deine Aufmerksamkeit zu deinem freien Atem!“

Beim Sonnengruß werden die meisten munter, der Rest spätestens nach einer Einheit Lach-Yoga. Dann eilen alle zum Frühstücksbüfett in die Taverne, wo Basus „Hausaufgaben“, die neue Umgebung bewusst zu riechen und zu schmecken, in die Tat umgesetzt werden. Auch die Wanderungen werden zur Schule für die Sinne. Zweimal pro Woche zieht Lina mit Badesachen im Rucksack los und nimmt ihre Gäste mit auf einen kurzweiligen Streifzug durch die Botanik. Der Pilion ist für seine unzähligen Kräuter berühmt, von denen die quirlige Griechin viele als Hausmittel nutzt: intensiv duftender Lorbeer für die Küche, Zistrose gegen Entzündungen, Eicheln als Köder für Holzwürmer, gekaute Salbeiblätter gegen Halsschmerzen. So geht das munter bis zum einsamen Strand, wo sich alle zum Qigong aufstellen, um neue Energie zu tanken. Für die nächsten Kilometer ist Schweigen angesagt.

Viele wurden mit dem "Yoga-Virus" infiziert

In der Badebucht einer schmucken Villa, erzählt Lina, dass in Griechenland der Zugang zum Meer überall frei und gratis sein muss. Nirgends „Baden verboten“- oder „Privat“-Schilder, sondern freundliche Bewohner, die noch winken, als es weitergeht zum Mittagessen nach Argalasti. An der langen Tafel unter Platanen werden Biografien ausgetauscht. Mehrere Krankenschwestern sind in der Gruppe, wie Monika, die schon einige Yoga- und Qigong-Reisen mitgemacht hat und auch zu Hause dem Stress mit Entspannungsmethoden begegnet. Ein Architektenpaar macht auf einer Griechenlandreise bei Iliohoos Station und findet es so schön, dass sie eine Woche verlängern. Auch Lina erzählt von sich. Eigentlich ist die sportliche Endfünfzigerin Ingenieurin und Lehrerin, aber wie ihr Mann Jorgos, ein promovierter Mathematiker, hat sie ihre akademische Laufbahn aufgegeben, um sich in Qigong, Tai-Chi und Yoga auszubilden.

Als die beiden vor 20 Jahren mit ihren Rucksäcken hier ankamen, wurden sie von der Polizei überprüft, weil man sie für Mitglieder einer Sekte hielt. Heute kennt und schätzt man sie in der Gegend, und auch Yoga ist bei den Griechen angekommen. Selbst Yogis wie Basu gehören in Kalamos längst dazu. Der gebürtige Däne, mit langen Haaren, Ketten und weißer Schlabberkleidung, schlendert gerne durchs Dorf. Seinen bürgerlichen Namen gibt er nicht preis, nur, dass er beim Urlaub in Griechenland mit dem Yoga-Virus infiziert wurde und vor 15 Jahren den lukrativen Job als Software-Ingenieur an den Nagel hängte. Nach Lehr- und Wanderjahren in Indien und Thailand bekam er von seinem Meister den Namen „Basu“ und die Erlaubnis, Yoga zu unterrichten. Für ihn ist Yoga eine Lebensweise und keine Gymnastikstunde: „Ins Bewusstsein wollen wir vordringen, wo es nur uns gibt.“

Während Basu und seine Gruppe am Nachmittag Asanas üben, verschiedene Yoga-Formen kennenlernen und Mantras singen, kommt Jorgos als Letzter entspannt zu seiner Qigong-Gruppe, die er zuvor auf einen meditativen Spaziergang geschickt hatte. Er setzt sich auf einen alten Stuhl, lächelt milde und begrüßt die Runde: „Kalispera“. Als Mathematiker lernte er an deutschen Universitäten die Sprache seiner Gäste und gibt seine Qigong-Kurse auf Deutsch. Bei Selbstmassagen und Meditationen geht es auch in seinen Kursen um heilsame Pausen und darum, „nicht zu denken, nur zu tun“. Das klappt ganz vorzüglich an diesem schönen Ort und vielleicht auch ein wenig nach der Rückkehr zu Hause. Nach dem Abendessen bittet Lina zum Tanzen an den Strand. Fast alle reihen sich ein, auch die Küchenfrauen und Gäste aus der Taverne gesellen sich dazu. Aus einem alten Gerät scheppern melancholische Melodien. Das Meer rauscht im Takt - ein fröhliches Hüpfen, Wiegen und Wogen. Es braucht nicht viel, um das Leben zu genießen.

  Alle Reisereportagen sind in Sonntag Aktuell erschienen

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