Feinstaub-Streit in Stuttgart Taxibranche fürchtet Fahrverbote

Von Jürgen Bock 

Streik, Drohungen, Vorwürfe – so lässt sich seit einiger Zeit das Verhältnis zwischen Politik und vielen Stuttgarter Taxlern beschreiben. Jetzt folgt das nächste Kapitel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Streik, Drohungen, Vorwürfe – so lässt sich seit einiger Zeit das Verhältnis zwischen Politik und vielen Stuttgarter Taxlern beschreiben. Jetzt folgt das nächste Kapitel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Verhältnis zwischen Stadt und Taxigewerbe gilt seit Jahren als schwierig. Jetzt kommen erneut schwere Vorwürfe gegen die Politik auf – unter anderem, weil nicht klar ist, wie sich die geplanten Fahrverbote auswirken.

Stuttgart - Der Unternehmer ist verzweifelt. Vor gut drei Jahren hat er sich ein neues Taxi gekauft. Natürlich einen Diesel. 48 000 Euro hat er dafür investiert. „Das Auto ist noch lange nicht abbezahlt“, sagt er. Vielen Kollegen gehe es ähnlich. Deshalb hat die Nachricht, dass vom nächsten Januar an in Stuttgart an Feinstaubalarm-Tagen erstmals Fahrverbote für Dieselfahrzeuge unter der Abgasnorm Euro 6 gelten sollen, große Aufregung in der Branche ausgelöst. Und zusätzliche Wut auf die Politik.

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„Die Leute regen sich auf“, sagt Murat Arslan, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Taxi-Auto-Zentrale (Taz). Die Genossenschaft vertritt rund 700 Wagen und vermittelt die meisten Fahrten in der Stadt. Arslan schätzt, dass neben einzelnen Hybridfahrzeugen zu 99 Prozent Dieseltaxis unterwegs sind. „Vier Fünftel davon dürften Euro 6 nicht erfüllen. Viele der Autos sind teure Premiumfahrzeuge. Die kann man nicht einfach mal austauschen, zumindest nicht ohne massive Hilfe der Politik. Wir sind deshalb sehr gespannt, ob es für Taxiunternehmen Ausnahmen von den Fahrverboten geben wird“, sagt Arslan. Ein Austausch der gesamten Flotte gegen Elektrofahrzeuge würde um die 30 Millionen Euro kosten. Man werde von der Politik im Unklaren gelassen.

Taxiverband kritisiert Entscheidung

Tatsächlich steht noch nicht fest, welche Regelung es geben wird. „Taxis werden nicht automatisch ausgenommen“, sagt Edgar Neumann, Sprecher des Verkehrsministeriums. Im Moment sei das genaue Vorgehen noch nicht klar. Die Ausnahmen müsse das Regierungspräsidium im Luftreinhalteplan festschreiben. „Das Konzept ist noch nicht erstellt“, heißt es dort. Man brauche noch Zeit. Auch bei der Stadt rauchen seit dem Beschluss des Landes die Köpfe. Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagt zu Sondergenehmigungen, auch etwa für Handwerker: „Die Ausnahmeregelungen müssen rechtssicher und verlässlich sein. Und das braucht jetzt Sorgfalt und die nötige Zeit.“

Angesichts dieser Unklarheiten spricht der Taxiverband Deutschland von einer „unausgegorenen Entscheidung“. Trotzdem werde sie jetzt durchgezogen, sagt der Landesvorsitzende Thomas Laschuk. Er schätzt den Anteil der von möglichen Verboten bedrohten Taxis in Stuttgart auf 85 bis 90 Prozent. „Die können sich ja nicht alle neue Autos kaufen“, so Laschuk. Die Vorstellung, einen Großteil der Fahrzeuge auszuschließen, sei auch aus Kundensicht absurd. Für viele sei das Taxi die einzige Chance, direkt von A nach B zu kommen.

„Zum Diesel gibt es derzeit keine Alternative“, so Laschuk. Benziner würden die Fahrtkosten deutlich erhöhen, Elektrofahrzeuge seien aufgrund der Reichweiten, Ladezeiten und Anschaffungspreise noch keine Alternative. Er fordert deshalb Sonderregelungen für Taxis: „Es muss Ausnahmen geben oder Übergangsfristen.“ Man müsse fraglos etwas für die Luftqualität tun, aber wenn das Verbot auch die Taxibranche als Teil des öffentlichen Nahverkehrs treffe, werde „Widerstand kommen“.

Kuhn-Karikaturen im Taxi-Magazin

Die Debatte heizt das in Stuttgart ohnehin bereits angespannte Verhältnis zwischen Taxisbranche und Stadtverwaltung weiter auf. Genauso wie ein Artikel im aktuellen Taxi-Magazin, das die Taxi-Zentrale herausgibt und an rund 10 000 Empfänger verschickt. Auf zwei Karikaturen ist OB Kuhn zu sehen, im Text dazu heißt es „Halbzeitzeugnis: Versetzung gefährdet“. Der Inhalt: eine Abrechnung mit der grünen Verkehrspolitik in Stadt und Land aus Sicht des ­Taz-Vorstands. Darin werden wie bereits häufiger zuvor Untätigkeit gegen Staus, angeblicher Rückbau von Straßen für Fahrradwege und mangelnde Bereitschaft zur Kommunikation mit der Taxibranche kritisiert. Fazit nach der Hälfte von Kuhns Amtszeit: „Großen Worten folgten keine Taten, sondern das große Schweigen.“ Im Zuge der Feinstaubdiskussion ärgere man sich zudem darüber, so Arslan, „dass ständig auf Busse und Bahnen als Ausweichmöglichkeiten, aber nie auf Taxis hingewiesen wird“.

Im Rathaus ist der Artikel dem Vernehmen nach nicht gerade gut angekommen. Dort wundert man sich darüber, dass das ohnehin angespannte Verhältnis dadurch weiter belastet wird. Offiziell will die Stadtverwaltung den Vorgang nicht kommentieren. Dort liegt allerdings ein Schreiben des Stuttgarter Taxiverbands vor, der sich von den Aussagen im Taxi-Magazin ausdrücklich distanziert. Man bevorzuge den „konstruktiven Dialog“, die „absolute Mehrheit der Taxiunternehmer“ könne die Veröffentlichung „nicht gutheißen“. In dem Brief wird Teilen des Vorstands der Taz unterstellt, er strebe womöglich „eine politische Laufbahn bei der AfD“ an. Deren Fraktionsvorsitzender Bernd Klingler hatte – schon zu seinen FDP-Zeiten – enge Kontakte zur Taz geknüpft.

Arslan weist solche Vorwürfe als „absurd“ zurück – und spricht davon, der Artikel habe wie erwartet unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: „Manchen hat er gefallen, anderen nicht.“ In der Taxibranche ist also weiter vieles in Bewegung – nicht nur wegen des drohenden Fahrverbots.

Die wichtigesten Fakten zum Thema Feinstaub sehen Sie in unserem Video:

 

 

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