Familiendramen Männer töten aus Rache, Frauen aus Sorge

Von Simon Rilling 

In Berlin entdeckt die Polizei am Mittwoch vier Leichen in einem Mehrfamilienhaus. Foto: dapd
In Berlin entdeckt die Polizei am Mittwoch vier Leichen in einem Mehrfamilienhaus.Foto: dapd

Die Häufung von Familientragödien ist nach Meinung der meisten Experten reiner Zufall.

Berlin/Freiburg - Erwürgt, erschossen, erschlagen: Die Serie von Familientragödien nimmt scheinbar kein Ende. Am Tag nach der Bluttat in Neuss mit drei Toten entdeckt die Polizei in Berlin vier Leichen in einem Mehrfamilienhaus. Die Ermittler gehen davon aus, dass der 69-jährige Familienvater aus Verzweiflung über hohe Schulden seine 28-jährige Ehefrau, seine zwei kleinen Söhne und anschließend sich selbst tötete. Nur die kleine Tochter der Familie überlebte, weil der Vater das Baby am Sonntagabend in eine Babyklappe gebracht hatte.

Allein im August kamen in Deutschland bisher 19 Menschen bei Familientragödien ums Leben. Dass es gerade im August zu einer Häufung kam, ist nach Meinung von Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen kein Zufall: „Im Sommer hocken die Familien wegen der Schulferien dichter aufeinander als im Rest des Jahres. Die Kinder quengeln, es ist heiß. Und wenn man dann kein Geld hat, kann man ihnen auch nichts zur Zerstreuung bieten, und die Konflikte kulminieren.“ Zu Weihnachten gebe es oft ähnliche Probleme. Eine Sicht, die nicht unumstritten ist. „Wir haben es hier mit einer zufälligen zeitlichen Häufung zu tun“, sagt Jörg Kinzig, Leiter des kriminologischen Instituts der Universität Tübingen. Einen statistisch belastbaren Zusammenhang zwischen den Fällen und den Ferien sieht auch der Bochumer Kriminologe Andreas Ruch nicht: „Gewalt ist in der Regel ein Beziehungsdelikt. Es ist wahrscheinlicher, innerhalb der Familie Gewalt zu erleiden, als das Opfer eines Unbekannten auf der Straße zu werden.“ Dass es sich um durch die Berichterstattung der Medien animierte Nachahmer handelt, sei unwahrscheinlich, meint Dietrich Oberwittler, Soziologe am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, der an einer Studie über erweiterten Suizid arbeitet: „Die Häufung von erweiterten Suiziden – also Fällen, in denen sich der Täter nach der Tat umbringt – ist nicht nachvollziehbar. Eine Nachahmung ähnlicher Vorfälle – angeregt durch die Berichterstattung – ist unwahrscheinlich, da die Entscheidung für eine solche Tat nicht spontan erfolgt, sondern lange in einem Menschen reift.“ Eine Ausnahme bilde der Selbstmord eines Prominenten – wie im Falle des Nationaltorhüters Robert Enke.

„Frauen, die ihre Kinder töten, leiden oft an Depressionen, fühlen sich eins mit dem Kind und wollen es nicht in der bösen Welt zurücklassen“

Familientragödien hinterlassen meist mehr Fragen als Antworten, räumt Oberwittler ein. „Die Probleme der Betroffenen sind privater Natur. Das spielt sich alles im Verborgenen ab. Nach der Tragödie sind die Beteiligten tot, daher ist es schwierig, etwas über die genauen Umstände der Tat herauszufinden.“ Zwar werde in der Regel das Umfeld der Toten befragt, meist seien Verwandte und Freunde aber nicht minder überrascht, denn oft lebten die Familien in guten Vierteln und vermittelten den Eindruck, dass alles in Ordnung sei.

Doch was sind die Motive? Männern töteten ihre Familien meist , weil sie unter Trennungsängsten litten, sagt Oberwittler. Die Tat stelle einen Akt der Rache und Bestrafung der Frau dar. Bei Frauen geschehe dies extrem selten: „Frauen, die ihre Kinder töten, leiden oft an Depressionen, fühlen sich eins mit dem Kind und wollen es nicht in der bösen Welt zurücklassen.“ Die Tötung diene also dem „Schutz“ des Kindes. Dennoch seien die möglichen Motive – Trennung, Schulden, Depressionen, Rache oder Schutz – nicht auf jeden Fall anwendbar. „Unseren Forschungen sind enge Grenzen gesetzt, weil man nicht in die Leute reinschauen kann.“ Auffallend ist laut Oberwittler jedoch, dass solche Taten öfter in Kleinstädten vorkämen. Das könne ein Hinweis darauf sein, dass Familienwerte eine Rolle spielten. Die Tat erfolge nach dem Motto: Lieber tot als geschieden. Nur eines sei bewiesen: „Waffen spielen eine große Rolle, denn dass sich der Täter nach einer Partnertötung umbringt, ist achtmal wahrscheinlicher, wenn eine Schusswaffe im Haus ist.“

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