Doping im Freizeitsport Kaum Kontrollen bei Sport-Events

Von Sven Hahn 

Dopingmittel scheinen im Hobbysport weiter verbreitet zu sein, als bislang angenommen. Foto: dpa
Dopingmittel scheinen im Hobbysport weiter verbreitet zu sein, als bislang angenommen. Foto: dpa

Weitere Experten und Wissenschaftler bestätigen Recherchen unserer Zeitung: Das Doping-Problem im Freizeitsport ist größer als das im Spitzensport. Kontrollen oder gar Sanktionen müssen dopende Hobbysportler jedoch nicht fürchten.

Stuttgart - „Im Hobbysport wird mehr ­gedopt als im Profibereich. Davon geht eine massive Gesundheitsgefahr aus.“ Mit diesen Aussagen untermauert der Mediziner und Anti-Doping-Experte Martin Hörning die Recherchen unserer Zeitung. Wie berichtet gehen Wissenschaftler und Insider aus der ­Fitness-Szene einhellig davon aus, dass im Breitensport ein massives Dopingproblem besteht. Doch bei Veranstaltungen wie etwa dem Stuttgart-Lauf müssen die Teilnehmer keine Kontrollen fürchten. Unter der Hand berichten ­Insider aus der Marathon-Szene jedoch davon, dass bei Volksläufen bis zu 50 Prozent der Läufer auf den vorderen Plätzen illegale Dopingsubstanzen einnehmen.

„99,9 Prozent der Doppingmittel werden im Breitensport eingenommen.“ Und: „Die Konsumenten werden immer jünger.“ Das sind Aussagen renommierter Anti-Doping-Experten wie etwa des Sportmediziners Perikles Simon. Martin Hörning, der an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen unter anderem auf dem Gebiet Sozialmedizin lehrt, sieht ein weiteres Problem: „Im Leistungssport läuft Doping meist unter medizinisch überwachten Bedingungen ab.“ Im Hobbybereich werde hingegen unkontrolliert gedopt. Die gesundheitlichen Risiken seien entsprechend größer. Hörning erklärt, dass die meisten Substanzen entgegen der Meinung, die häufig in Fitness-Studios transportiert werde, ernsthaft gefährlich sind. „Wir beobachten Herz- und Organprobleme sowie Impotenz“, so der Mediziner. „Die Spätfolgen interessieren keinen.“

Doch den Sportverbänden scheinen die Hände gebunden. Jürgen Lessau, der Geschäftsführer des Württembergischen Radsportverbands, sagt: „Wir haben gar nicht die finanziellen Mittel, um bei Radmarathons oder ähnlichen Veranstaltungen Kontrollen durchführen zu lassen.“ Lessau glaubt, dass im Hobbysport Medikamentenmissbrauch weiter verbreitet ist als gezieltes Doping. „Trotzdem halte ich das Thema für wichtig“, ergänzt er.

Keine Dopingkontrollen beim Stuttgart-Lauf

Auch Jürgen Scholz, der Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbands (WLV) erklärt: „Im Rahmen des diesjährigen Stuttgart-Laufs sind keine Dopingkontrollen vorgesehen.“ Juristische sowie organisatorische Gründe sprächen gegen Kontrollen, erklärt Scholz. „Persönlich kann ich mir aber schon vorstellen, dass leistungssteigernde Mittel auch im Freizeit- und Breitensport eingesetzt werden“, sagt Scholz. Der WLV-Präsident fügt aber hinzu, die Läuferszene sei in dieser Hinsicht nicht mit der Bodybilderszene zu vergleichen.

Der Mediziner Martin Hörning findet allerdings noch eine andere Erklärung, weshalb bei Breitensport-Events nicht auf die Einnahme von Dopingmitteln getestet wird. „Das macht die Veranstaltungen unattraktiv für eine Vielzahl von Teilnehmern.“ Eine ähnliche Haltung beobachtet der Mediziner, der selbst aktiver Kraftsportler ist, bei den Betreibern großer Fitness-Studio-Ketten. „Dort hat niemand ein Interesse daran, etwas gegen Doping zu unternehmen“, sagt er. Eine klare Haltung gegen Doping sei nicht im geschäftlichen Interesse der Studios.

„Ja, uns ist das Problem bewusst, und wir nehmen es sehr ernst“, erklärt der TV-Moderator Pierre Geisensetter, der inzwischen als Unternehmenssprecher für die Studio-Kette McFit arbeitet – einen der bundesweit größten Studio-Betreiber. „Studien zeigen, dass auch Freizeitsportler zu verbotenen Substanzen greifen, um Leistungen zu steigern oder sich körperlich zu optimieren“, so Geisensetter. Und: „Das betrifft bei Weitem nicht nur den Fitnesssport, sondern den Breitensport im Allgemeinen.“ Mit mehr als 1,4 Millionen Mitgliedern trage das Unternehmen eine soziale Verantwortung, erklärt Geisensetter weiter. Er verweist auf die „Null-Toleranz-Politik in Bezug auf illegale Mittel“, die in den Verträgen der Mitglieder verankert sei.

In Dänemarkt geht der Staat gegen Doping im Fitness-Studio vor

Doch auch die Macht der Studio-Betreiber scheint begrenzt. „Wir können nicht in die Taschen unserer Mitglieder schauen“, sagt der Unternehmenssprecher. Auch ein erhobener Zeigefinger sei fehl am Platz. Viel effektiver sei es, den Sportlern die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren und Aufklärung zu leisten. „Wir bereiten derzeit einen ersten gemeinsamen Workshop mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur für unsere Mitglieder vor, der sich mit den Themen Dopingaufklärung und sauberes Training beschäftigt“, berichtet Geisensetter.

Beim Blick ins Ausland zeigt sich jedoch, dass auch im Hobbysport mehr getan werden kann, als Aufklärung zu leisten. „In Dänemark führt die öffentliche Hand Kontrollen in Fitness-Studios durch“, berichtet der Mediziner Martin Hörning. Nur wo ausschließlich saubere Athleten trainieren, werden die Studios dann mit einem entsprechenden Zeichen zertifiziert.

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