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Debatte - Feinstaubalarm Der OB geht zu Fuß zur Arbeit

Von Uwe Bogen 

Fritz Kuhn geht zu Fuß, doch der Stuttgarter Oberbürgermeister hat es auch nicht weit bis zum Rathaus. (Archivfoto) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Fritz Kuhn geht zu Fuß, doch der Stuttgarter Oberbürgermeister hat es auch nicht weit bis zum Rathaus. (Archivfoto)Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Diskutieren Sie mit: Als erste deutsche Stadt greift Stuttgart für bessere Luft durch: Freiwillig sollen Pendler aufs Auto verzichten. OB Fritz Kuhn geht mit gutem Beispiel voran. Umweltverbände glauben, dass Freiwilligkeit wenig bringt. Verbraucher vermissen verbilligte VVS-Fahrscheine.

Stuttgart - Nicht jeder wohnt so nah dran an seiner Arbeitsstelle wie OB Fritz Kuhn. Am Sonntag ist der 60-Jährige von seiner Wohnung am Rande des Stadtbezirks Mitte zu Fuß ins Rathaus gegangen, um ein Telefoninterview nach dem anderen zu geben. Journalisten aus allen Teilen der Republik ließen sich zum Start einer in Deutschland bisher einzigartigen Maßnahme für bessere Luft von dem Grünen die Stuttgarter Besonderheiten erklären. Keine andere deutsche Großstadt, sagte Kuhn immer wieder, verfüge über eine Kessellage wie Stuttgart, die zum Handeln zwinge. Dieses Handeln setzt zunächst auf freiwilliges Mitmachen.

An diesem Montag, 0 Uhr, beginnen mindestens „drei Tage der Freiwilligkeit“. Das Ende ist offen und hängt von der Wetterlage ab. Bis einschließlich Mittwoch gilt der Aufruf bisher jedenfalls. An den Alarmtagen sollen Pendler ihr Auto stehen lassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in das schadstoffgeplagte Stuttgart fahren. OB Kuhn appelliert an das „Verantwortungsbewusstsein“ der Bürgerinnen und Bürger: Jeder sollte zum „Schutz der Stuttgarter Luft und zum Schutz der eigenen Gesundheit“ in diesen wetterbedingt schwierigen Tagen etwas tun. Noch ist der Feinstaubalarm eine freiwillige Aktion. „Wenn bis Ende 2017 die Schadstoffwerte nicht nachhaltig sinken, wird es zu verbindlichen Maßnahmen wie Fahrverboten kommen“, sagte Kuhn.

Mit anderen Worten: Wer keine Zwangsmaßnahmen wünscht, hat es selbst in der Hand, diese zu verhindern, indem er auf die Öffentlichen oder auf E-Autos umsteigt.

Hier finden Sie unseren Kommentar zum Thema Feinstaubalarm

Kritik in den sozialen Netzwerken am Feinstaubalarm

Vor allem Menschen außerhalb von Stuttgart reagieren gereizt auf den Start des Feinstaubalarms, wie sich auf der Facebook-Seite der Stadt Stuttgart zeigt. „Sinnvoll wäre ein Fahrverbot für Stuttgarter Kennzeichen“, schreibt ein Pendler aus Reutlingen, „ich bin lange Zug gefahren, habe aber Verspätungen und überteuerte Tickets satt.“ Zudem sei er mit dem Auto schneller. „Würde ich in Stuttgart wohnen, würde ich Carsharing und S-Bahn nutzen.“

Zu ihrer Frühschicht könne sie ohne Auto nicht rechtzeitig bei der Arbeit sein, gibt eine Facebook-Kommentatorin aus der Region zu bedenken. Die Fahrzeit mit Bus und Bahn betrage bei ihr anderthalb Stunden. „Der erste Bus fährt bei uns erst kurz vor 6 Uhr“, schreibt sie, „ich muss aber um 6.30 Uhr anfangen.“ Die E-Fahrzeug-Flotte von Car2go ist in ihrem Dorf nicht vertreten. Sarkastisch fügt sie an: „Vielleicht hilft ja Redbull – das verleiht Flügel.“

Car2go kostet während des Alarms die Hälfte

Das Carsharing-Unternehmen Car2go hat prompt reagiert. Seine Elektrofahrzeuge sind von Montag an um 50 Prozent günstiger. „Während des Alarms kosten die Minuten-Mietpreise für die 500 Elektro-Carsharing-Fahrzeuge 14 Cent pro Minute – das ist die Hälfte als sonst“, teilte Sprecherin Eva Beringer mit. Auch die Daimler-Tochter Moovel wird während des Feinstaubalarms eine wichtige Rolle spielen. Über deren App sind VVS-Tickets erhältlich, die um 50 Prozent billiger sind als die regulären.

Der Verkehrs- und Tarifverbund gewährt keine Rabatte, was auf Kritik in den sozialen Netzwerken stößt. Es müsse ein Anreiz zum Umsteigen geschaffen werden, wird gefordert. Der VVS wird beim Alarm zusätzliche Bahnen einsetzen und ein vergünstigtes Jahresticket (zwölf Monate zum Preis von zehn) anbieten. Tagsüber wird es außerdem Langzüge der Linien S 1, S 2, S 3 und S 5 geben.

Weiterhin ungeklärt ist, ob man auf dem Cannstatter Wasen bei Feinstaub-Gefahr kostenlos parken kann, um von dort mit der Sonderlinie U 11 in die Stadt zu gelangen. „Die Parkmöglichkeiten auf dem Wasen sind beschränkt, da das Gelände an etwa 250 Tagen im Jahr bespielt wird“, gibt OB-Sprecher Andreas Scharf zu bedenken. Gleichwohl werde mit der SSB diskutiert, wie an den „freien Tagen“ das Parken dort möglich sein könne. Stadt und SSB würden an einer Lösung arbeiten, die man am Sonntag noch nicht vereinbart hatte. „Ziel ist es, dass die Autofahrer nicht doppelt für Park- und Fahrschein bezahlen müssen“, sagte Scharf.

Für seinen Chef Kuhn steht zum Start des Feinstaubalarms am Montag fest: Er wird zu Fuß ins Rathaus kommen. Für die Initiative Neckartor ist die Aktion eine „reine Scheinveranstaltung“. Solange man keine Konsequenzen für die Autofahrer vorgesehen habe, sei es im Grunde ein „absurdes Schauspiel“. Auch die Deutschen Umwelthilfe fordert verbindliche Fahrverbote.

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