Auf gut Schwäbisch Wieso geht man auf Stuttgart?

Von Roland Groner 

Oberboihingen liegt höher als Stuttgart, und statt nach Stuttgart geht man auf Stuttgart. Foto: StN
Oberboihingen liegt höher als Stuttgart, und statt nach Stuttgart geht man auf Stuttgart.Foto: StN

„Wieso heißt es: Am Sonndich gemm’r uff Schdurgert nah? Wir gehen also auf Stuttgart runter.“ Darüber wundert sich Ralf Gneiting aus Oberboihingen.

Stuttgart - „Wieso heißt es: Am Sonndich gemm’r uff Schdurgert nah? Wir gehen also auf Stuttgart runter.“ Darüber wundert sich Ralf Gneiting aus Oberboihingen. – Es ist schon kurios, was unser Leser hier aufgreift. Oberboihingen liegt höher als Stuttgart, und statt nach Stuttgart geht man auf Stuttgart.

Das Wort „auf“, mhd. uf – daher im Schwäbischen „uff“ –, ist einerseits ein Adverb: Bischt schãõ uff?, im Sinne von „aufgestanden“, andererseits eine Präposition: „Gòhsch mit uff då Bärg?“, im Sinne von „auf den Berg hinauf“. In der Aussage „I gang etz uff då Bãhof“ ist jedoch nicht ein „aufwärts“ gemeint, sondern das Ziel des Weges. Und hierher trifft eine Erklärung aus Fischers Wörterbuch zu, und die lautet: Bei Namen von Wohnorten stets „auf“ oder „ge(n)“, nie „nach“. Was bedeutet das? In der schwäbischen Sprache heißt es entweder „ge“ oder „uff Schduågårt fahrå“, gleichgültig ob hinab oder hinauf, die Höhenlage ist nicht entscheidend.

Der folgende Beitrag befasst sich mit der sprachlichen Entwicklung des kleinen Wortes „zu“ – angeregt wird die Untersuchung von Kerstin Kühnle aus Weinstadt. Ihre Frage lautet nämlich: Was bedeutet das „zus“ bei „nuffzus, naazus . . .“? Eines steht von vorneherein fest: Mit dieser Fragestellung gelangen wir zu reizvollen Eigentümlichkeiten in unserer schwäbischen Sprache. Schauen wir also in die Vergangenheit und den gegenwärtigen Gebrauch von „zu“.

Zunächst ist zu erwähnen, dass „zu“ (ahd. zuo, zi, ze, za, mhd. zuo, ze) grammatikalisch gesehen sowohl als Adverb wie als Präposition verwendet wird. Die folgenden Darstellungen lehnen sich vorwiegend an Fischers Schwäbisches Handwörterbuch an. Dabei werden die Leser feststellen, dass dieses kleine Wort eine kaum zu erwartende, beträchtliche sprachliche Bandbreite aufweist.

Hier einige Beispiele als Adverb: 1) Beblengå zuå hòt-s hãêt khaglåt. Dr Alb zuå schiddåt-s, was no ra will. Hier wird „zu“ im Sinne von „in Richtung auf“ verwendet. 2) ab ond zuå (bisweilen), nãõ zuå (nur zu), enn õêm zuå (fortwährend); 3) Maul uff ond Aogå zuå! Dr Ladå isch zuå! („zu“ im Sinne von „geschlossen“). Aus diesem „zuå“ entstand sogar das deklinierbare Adjektiv „zuå“: å zuåne Dier, å zuå(nå)s Fêãschdr. Das hier gebrauchte schwäbische „zuå“ entspricht, wie leicht zu erkennen ist, dem althochdeutschen „zuo“, wobei das „o“ dem nicht betonten kurz gesprochenen Indifferenzlaut, hier mit å wiedergegeben, entspricht. 4) Verstärkend vor Adverbien und Adjektiven in der verkürzten Form „z“: Komm-mr bloß net z’nòh! Däår isch z’bled. Du bisch veil z’guåt . . .

Jetzt einige Sprachmuster mit der Präposition „zu“: 1) als Frage nach dem „wohin“: Gòhsch z’Märkt? Gòhsch z’Aggr fahrå? (woraus ein „zaggårå“ wurde). 2) Zweck und Bestimmung ausdrückend: Dò kãsch-de halbå z’grãk lachå. Däår isch z’faul zomm Schaffå. 3) Bei Ortsnamen auf die Frage „wo“: z’Wòeblengå, z’Nirdeng . . . 4) auf die Frage wann: z’Nächt, mòån z’Òbåd . . .

Nun aber zum „nuffzuås“: Dieses „zuås“ geht auf „zuoza, zuoze“ (ahd.), „zuoz“ (mhd.) zurück. In diesem Wort trat das Adverb „zuo“ (= zuå) vor die Präposition „za/ze“ und verschmolz zu einer neuen Präposition (Grimm). Dieses „zuås“ hat sich im Schwäbischen an verschiedene richtungweisende Adverbien angehängt, die selbst schon ihre Vorsilben „hin-“ und „her-“ verloren haben, so dass Wörter wie „nauszuås ond rãêzuås, rommzuås ond nommzuås, niebrzuås ond riebrzuås . . .“ entstanden. Ond amm End zuås gòht-s hõêmzuås. Der schwäbische Spruch des Tages kommt von Christa Dietz aus Ötisheim; es handelt sich um eine weitere Version eines Gute-Nacht-Verses: „Wenn ich an meinen Opa denke, fällt mir dieses Gute-Nacht-Sprüchle ein :

,Achde ens Bett – mach de.

Neine ens Bett – eine.

Zehn ens Bett – Ehne.‘Bei ,Ehne‘ meinte er sich wohl selbst.“

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Auf gut Schwäbisch Gschdompet ist kein Stümper

Von 21. November 2014 - 16:17 Uhr

Leserin Ulrike Walter sucht die Herkunft des Wortes „gschdompet“, das für „untersetzt“ gebraucht wird.