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Zulassung fehlt noch Die neuen S-Bahn-Züge kommen mit Verspätung

Von Alexander Ikrat 

Am 1. Juli 2013 beginnt eine neue Zeitrechnung in der S-Bahn-Region Stuttgart. Sind bis dahin nicht alle vereinbarten 83 neuen Züge am Start, muss die Bahn rund 20 Millionen Euro Strafe zahlen. Bisher ist kein einziger da.

Stuttgart - Es war ein Coup des Verbands Region Stuttgart: Als der zuständige Aufgabenträger der Stuttgarter S-Bahn im Frühjahr 2009 einen neuen Vertrag mit der Bahntochter DB Regio über den Betrieb der S-Bahn in den Jahren 2013 bis 2028 abschloss, waren 83 Züge einer neuen Baureihe enthalten. Der sogenannte ET 430 soll unter anderem mit Klimaanlage, Videokameras und Flachbildschirmen für aktuelle Anschlussinformationen ausgestattet sein, die erforderliche Investition von rund 450 Millionen Euro muss die DB Regio selbst schultern. Für 15 Jahre S-Bahn-Betrieb erhält sie rund 2,3 Milliarden Euro.

Als die Korken wegen des Vertragsabschlusses knallten, stellten die Beteiligten im Überschwang in Aussicht, dass die ersten Züge schon drei Jahre später auf Stuttgarter Gleise kämen. Als der Termin näher rückte, hieß es, statt Frühjahr könne es eher Ende 2012 werden.

Im Januar 2013 ist klar: Auf den Linien S 1, S 2 und S 3, auf denen die neuen ET 430 künftig im Einsatz sein werden, sind nach wie vor ausschließlich die längst vorhandenen Züge unterwegs. Der Grund: Die „meisten“ der 83 Züge sind laut Immo von Fallois vom Hersteller Bombardier in Berlin zwar „gebaut“ und stehen im Werk Aachen auch parat – allein es fehlt an der Zulassung für den öffentlichen Verkehr. Die wenigen ET 430, die im Herbst zu Testfahrten in der Region Stuttgart unterwegs waren, dürfen ebenso wenig Personen transportieren wie die beiden Exemplare, die zurzeit im S-Bahn-Werk in Plochingen als Anschauungsobjekte für Lokführer stehen.

„Wir müssen das ganze Zulassungsverfahren vereinfachen, wie es in allen europäischen Ländern der Fall ist“

Woran es genau hakt, sagt niemand. ­Firmensprecher von Fallois lässt lediglich durchblicken, dass der Zeitverzug an der „sehr strengen Zulassungsbehörde“ liege, die offenbar jedes Detail ausgiebig unter die Lupe nehme. Überhaupt, so von Fallois: „Wir müssen das ganze Zulassungsverfahren vereinfachen, wie es in allen europäischen Ländern der Fall ist.“

Um das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) in Bonn aber nicht zu sehr zu tadeln, betont er: „Wir sind in konstruktiven Gesprächen und setzen darauf, dass die Züge rechtzeitig ­zugelassen werden.“ Dass bestimmte Komponenten wie Bremsen und Türschließmechanismus in Internetforen als Ursache der Hängepartie genannt werden, will er nicht kommentieren. Und auch von einer angestrebten Teilauslieferung im Jahr 2012 weiß von Fallois angeblich nichts; die Höhe von Strafzahlungen an den Besteller DB Regio sei bis heute noch nicht einmal festgelegt.

Moritz Huckebrink vom Eisenbahn-Bundesamt spielt den Ball zurück zu dem kanadischen Unternehmen: „Am 23. Dezember wurden ziemlich viele Unterlagen eingereicht“, sagt der EBA-Sprecher, „und wir sind dabei, diese zu bewerten.“ Huckebrink ordnet den ET 430 als normalen Vorgang ein.

Als Zeitraum von der Bestellung bis zur Auslieferung eines neuen Zuges sehe das Bundesverkehrsministerium „drei bis vier Jahre“ vor. Bombardier habe den neuen Typ 2009 vorgestellt. Seitdem stehe man im regen Austausch. „Wenn die Unterlagen vollständig sind, haben wir maximal vier Monate für die Entscheidung Zeit“, sagt der EBA-Sprecher, „doch die schöpfen wir in der Regel nicht aus.“ Huckebrink will trotzdem keine Prognose darüber abgeben, wann mit einer Zulassung gerechnet werden kann. Klar ist, dass die Bahn für die Abnahme auch noch alle Züge bis ins Detail prüft.

Schon jetzt Strafzahlungen an Verband Region fällig

Wie bei Bombardier hängt man bei der Bahn das Versprechen, Ende 2012 die ersten Züge auszuliefern, ganz tief. „Vertraglich vereinbart ist der 1. Juli“, sagt ein Sprecher von DB Regio, der namentlich nicht genannt werden will, „und wir gehen davon aus, dass Bombardier in der Lage ist, die Fahrzeuge bis zur Betriebsaufnahme auszuliefern.“ Der Sprecher räumt aber ein, dass schon jetzt Strafzahlungen an den Verband Region fällig werden. Ob die Bahn diese wiederum vom Hersteller fordern kann, lässt er offen.

Von einem „gewissen Stimmungsumschwung“ spricht einzig Jürgen Wurmthaler. Der Direktor für Wirtschaft und Infrastruktur beim Verband war einer von denen, die neue Züge schon für das vergangene Jahr in Aussicht stellten. Selbstverständlich sei der 1. Juli das eigentliche Ziel, sagt auch Wurmthaler, jedoch: „Bei 83 Fahrzeugen braucht es einige Monate Vorlauf, bis alle da sind.“ Schließlich müssen alle Züge von Aachen nach Stuttgart gefahren werden. Deshalb keimt in Wurmthaler „eine gewisse Skepsis“, ob die Flotte zu Vertragsbeginn komplett sein kann.

Der Leitende Direktor betont aber, dass die Fahrgäste keine Nachteile haben werden. Die Bahn darf die alten ET 420 erst dann nach Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen abziehen, wenn die Nachfolger da sind. Zu Engpässen im Fuhrpark könne es also nicht kommen. Außerdem würden schon jetzt zu bestimmten Terminen Strafzahlungen der Bahn fällig. Wurmthaler: „Der Zähler läuft schon seit dem alten Jahr.“

Wenn nicht alle 83 Züge am 1. Juli da sind, werden etwa 20 Millionen Euro fällig. Oder, mit Wurmthalers Worten: „Dann können wir vier weitere Fahrzeuge weitgehend bezahlen.“ Der Verband hat 2011 vier ET 430 zu den 83 dazubestellt, um in den morgendlichen Stoßzeiten auf der S 1 und der S 2 für Entlastung sorgen zu können. Diese Züge kosten 23,2 Millionen Euro. Wurmthaler stellt aber auch klar, dass diese Art der ­Finanzierung nicht sein Ziel ist: „Ich erwarte schon, dass da jetzt was kommt.“ Die ersten von 83 brandneuen S-Bahn-Zügen.

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