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Zukunft der Stadt Rückeroberung der Städte

Von Frank Rothfuss 

Nach dem Erdbeben:  In Christchurch wird die Stadt ganz neu gestaltet Foto: dpa
Nach dem Erdbeben: In Christchurch wird die Stadt ganz neu gestaltetFoto: dpa

Weltweit erfinden sich Städte neu, erobern Menschen den öffentlichen Raum zurück. Stuttgart hinkt hinterher und täte gut daran sich Orte wie New York, Melbourne, Kopenhagen oder Utrecht als Vorbild zu nehmen, findet Redakteur Frank Rothfuß

Stuttgart - Der Radweg ist des Teufels. Keinesfalls darf der gebaut werden, der tötet den Handel, man kommt nicht mehr voran – und wo bitte soll man sein Auto parken? Stuttgart im Jahre 2016? Nein, Kopenhagen im Jahre 1962. Vor sage und schreibe 54 Jahren führte man dort diese Debatte, längst ist sie entschieden zugunsten der Fußgänger und Radler. Wovon im Übrigen die Händler profitieren, deren Läden brummen – auch in Zeiten des Internets.

 

Wem gehört der öffentliche Raum? Dieser Konflikt tobt in Stuttgart noch, doch man schlägt hier die Schlachten der Vergangenheit. Anderswo ist er längst entschieden. Überall auf der Welt bauen Architekten, Stadtplaner und Politiker ihre Städte um. New York, Melbourne, Kopenhagen, Moskau, San Francisco, Rom, Christchurch, Mailand, London, Curitiba, Pittsburgh, Peking, Schanghai, Oslo, Göteborg, Seattle, die Liste ist endlos, die Zahl der Instrumente ebenso: Radwege, Fußgängerzonen, City-Maut, Sperrung von Innenstädten, günstiger, gar kostenloser Nahverkehr, Flusspromenaden, künstliche Strände, Parks, Gärten. Menschengerecht statt autogerecht.

 

Warum die das machen? Weil es die Städte attraktiv macht, sowohl für Touristen wie für gut ausgebildete Menschen, um welche die Wirtschaft weltweit rangelt. Aber vor allem weil die Bürger das wollen. Weil sie es lieben, auf ehemaligen Parkplätzen Gemüse anzupflanzen, weil sie es lieben, über ehemalige Straßen zu flanieren, weil sie es lieben, dass sie auf einer ehemaligen Verkehrsinsel Blumen kaufen und Kaffee trinken können. Weil Menschen gerne unter Menschen sind. Oder wie der Stadtplaner Jan Gehl sagt: Eine Stadt sei dann lebenswert, wenn sich auf ihren Gassen und Plätzen Menschen begegnen können. Ist das hier anders? Lieben die Stuttgarter ihren Cityring? Jonglieren sie gerne ihre Kinderwagen zwischen Autos hindurch? Schauen Sie lieber auf Parkplätze statt auf Straßencafés? Vermutlich nicht. Man schaue nur zum Marienplatz. Eine große autofreie Fläche, die sich die Menschen angeeignet haben. Drum herum blüht das Quartier auf, siedeln sich Läden und Cafés an. Was noch mehr Menschen anlockt.

 

Es funktioniert also. Und doch ist der Umbau schwieriger als anderswo. Der Topografie wegen. Der Ursünde wegen, dass man die Autobahnen durch die Stadt führte statt drum herum. Und der Liebe zum Auto wegen. Es ist ein heilix Blechle, es sichert den Wohlstand. Was dem Ami seine Knarre, ist dem Deutschen seine Karre. Wehe, da will einer den Zündschlüssel ziehen. Aber man mag vor allem das eigene Auto. Das der anderen geht einem auf die Nerven. Den Verkehr und den Stau machen immer die anderen.

 

Zudem ist diese kleine Stadt mit ihren 600 000 Einwohnern Zentrum einer bevölkerten, umtriebigen Region. Zwischen Heilbronn und Balingen, Calw und Heidenheim leben 5,2 Millionen Menschen. Die fahren nach Stuttgart, um zu arbeiten, um einzukaufen, um auszugehen, um sich zu amüsieren. Sie wollen möglichst schnell vorankommen, gerne mehrspurig. Der Anwohner hingegen, der in der Innenstadt wohnt und dessen Kind Feinstaub und Stickoxide schluckt, würde die B 14 gerne zum Radweg machen. Das Nutzen des öffentlichen Raums ist ein ständiges Abwägen von Interessen. Nicht nur innerhalb der Stadt, sondern auch in der Region.

 

Das ist mühsam. Es dauert. Es werden Trippelschritte sein, den einen zu klein, den anderen zu groß. Parkraummanagement, Shared Space, Überwege über die B 14, ein Radweg entlang der Weinsteige, Vorfahrt für Räder in der Tübinger Straße, etliches ist angestoßen. Doch mehr wäre möglich. Ja, es ist schwierig, den Österreichischen Platz zu entflechten oder die Paulinenbrücke abzureißen. Doch warum wird man nicht endlich die Parkplätze darunter los? Warum nutzt man nicht Konzepte wie in Hamburg, stellt Container in Stadtviertel, von wo aus Pakete mit Elektrorädern verteilt werden? Gehwege verbreitern, Parkplätze nach und nach reduzieren, Bäume pflanzen, den Bürgern öffentlichen Raum zum Gärtnern überlassen, das alles kostet nicht viel Geld. Es erfordert Mut. So wie man ihn in Kopenhagen 1962 hatte. 54 Jahre später nutzen dort fast alle das Rad, in Stuttgart hingegen tobt der Feinstaub-Alarm.

f.rothfuss@stn.zgs.de

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