WM 2014 Zwischen Kabine und Kirche

Von Andrea Wyrwoll 

In unserer WM-Serie stellen wir bis zum Anpfiff eine ganz besondere Elf vor. Heute: die Leitfigur. Dabei geht es um gläubige Fußballer - in unserer Bildergalerie haben wir die bekanntesten zusammengestellt.

In unserer WM-Serie stellen wir eine ganz besondere Elf vor. Heute: Die Leitfigur. Deren bereits vorgestellte Teamkollegen sind der Torwart, der Abwehr-Chef, der Sicherheits-Chef und die Außen-Verteidigerin.

Stuttgart - Wie ein riesiges Kruzifix thront die mächtige Christus-Statue über der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro. Sie ist ein weit sichtbares Symbol für die Liebe der Brasilianer zu Gott. Dass Sportler da keine Ausnahme sind, ist weithin bekannt – schließlich bekennen sie sich meist öffentlich zu ihrem Glauben. So wie Luiz Gustavo. Der Mittelfeldspieler vom VfL Wolfsburg veröffentlichte kürzlich ein Bild, auf dem er kniend Gott für seine Nominierung für die Fußball-WM in seiner Heimat dankt. Auch sein Landsmann, der langjährige Stuttgarter Profi Cacau, trägt seine Gläubigkeit gern zur Schau – unter anderem reckt der Stürmer nach einem erzielten Tor die Arme in die Höhe und dankt so seinem Schöpfer. Hierzulande wirken solche öffentliche Bekenntnisse für manchen befremdlich. Doch nicht für Bruder Augustinus Diekmann.

„Die Menschen in Brasilien sind von ihrem Wesen her gläubig. Jesus gehört zum Leben dazu“, sagt der Mönch vom Franziskanerorden, der fast 20 Jahre in Brasilien gearbeitet hat. Mittlerweile lebt er wieder in Dortmund. Das Leben der Menschen im brasilianischen Bundesstaat Maranhão hat den Geistlichen aber tief und nachhaltig beeindruckt. Der Glaube, sagt er, gehöre dort zum Alltag wie der Sonnenschein. Gott ist ihre Leitfigur.

Nach seiner Einschätzung ist die tiefe Verbundenheit der Menschen in Brasilien zu Gott ein Ergebnis der Geschichte. Die Gesellschaft sei multikulturell und von den indigenen Völkern und deren Traditionen geprägt. Die Natürlichkeit des Glaubens wurde auch durch die Sklaven aus Afrika verstärkt, meint der Geistliche. Die christlichen Traditionen stammen von den portugiesischen Kolonialherren sowie von den Siedlern aus Polen und Italien, die im 19. Jahrhundert in das südamerikanische Land ausgewandert sind. Diese Liebe zu Gott hat sich bis heute erhalten – und der Glaube ist nach wie vor Teil des alltäglichen Lebens.

„Im Gottesdienst wird besprochen, wer dem kranken Bauern auf dem Feld hilft“, nennt Ordensbruder Augustinus ein Beispiel dafür, wie in Brasilien gelebte Nächstenliebe aussehe. Die Ernte auf dem Feld sei Gottes Schöpfung – und somit ein Geschenk, das man nicht verkommen lassen könne.

Denn für die Menschen in Brasilien ist der Glaube etwas durchweg Positives. Er stiftet Sinn und gibt ihnen Kraft, Gott ist die Leitfigur, auch für die Fußballprofis. „Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Fußballer nach einem Sieg bekreuzigen“, sagt Bruder Augustinus. Sie schreiben ihren Erfolg Gott zu. Halt im Leben, gerade in den ärmeren Gegenden, gibt aber auch der Fußball.

„Die Kinder basteln einfach aus Bananenblättern einen Ball“, erzählt der Ordensbruder aus Dortmund. Im Spiel lernen sie Regeln einzuhalten und aufeinander zu achten. Die Spiritualität als Stütze der Gesellschaft kann, übertragen auf den Fußball, mit der Rolle des zentralen Mittelfeldspielers verglichen werden. Auch der ist Stabilisator und Taktgeber einer Mannschaft – vor allem in schwierigen Situationen.

Dem tiefen Glauben der Profis schreibt Robert Gugutzer noch eine andere Funktion zu. „Glaube und Familie sind die Anker für die Spieler“, sagt der Sportsoziologe und denkt an jene, die fern der Heimat und ohne Familienanschluss ihr Glück versuchen. Sportler, die sich bekreuzigen oder ein christliches Motiv auf dem Arm oder Bein tätowiert haben, sind für ihn daher keine Schauspieler auf der Suche nach Aufmerksamkeit. „Der Glaube ist keine Inszenierung, sondern echt“, sagt er. Cacau etwa hält mittlerweile viele Vorträge und berichtet über die Rolle Gottes in seinem Leben. „Die Männer haben keine Scheu ihre Religion zu zeigen. Brasilien ist weniger säkularisiert als Europa“, sagt Gugutzer.

Der Forscher sieht Parallelen zwischen Religion und Fußball. Es gebe keinen Unterschied, ob man an einer Wallfahrt teilnimmt oder ins Fußballstadion pilgert. „Beim Fußball und in der Religion gibt es Rituale, die ganz ähnlich sind“, sagt er. Im Stadion werden wie in einem Gottesdienst immer wieder die gleichen Lieder gesungen, und in beiden Fällen gibt es eine festgelegte Abfolge. Auch die Begeisterung, die man dem Sport oder der Religion entgegenbringt, kann ähnlich sein. Glaube und Fußball haben laut Gugutzer eines gemeinsam: „Sie geben dem Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Fast 90 Prozent der Einwohner Brasiliens fühlen sich dem christlichen Glauben zugehörig, Brasilien ist das größte katholische Land. In São Paulo steht die riesige Basilica de Nossa Senhora Aparecida. Die Kirche ist – nach dem Petersdom in Rom – die zweitgrößte katholische Kirche der Welt. Und so, wie die Menschen in die Kirchen gehen, pilgern sie in die Fußballkathedralen.

In Brasilien ist es nichts Außergewöhnliches, dass die Menschen auch zum Beten ins Fußballstadion pilgern. „Diese Gottesdienste werden aber von den Freikirchen veranstaltet“, sagt Bruder Augustinus. Er feierte mit den Gläubigen häufig unter freiem Himmel Gottesdienst. „Als Geistlicher muss man in Brasilien keine Klimmzüge machen. Familien, Kinder und junge Menschen kommen ganz selbstverständlich vorbei“, sagt er. Die Gottesdienste sind dem Ordensbruder als Feste in Erinnerung geblieben. Ähnlich wie die Siegesfeiern nach einem Fußballspiel. „Die Menschen tanzen und singen. Alle sind in Bewegung und danken Gott“, sagt er. Auf die Uhr schaut dabei niemand. Es ist selbstverständlich, dass ein Gottesdienst so lange wie ein Fußballspiel dauert, manchmal mit Verlängerung.

Auch am Fuße der Christus Statue werden in einer kleinen Kapelle Gottesdienste gefeiert. Bruder Augustinus hat miterlebt, wie der Priester aus der Kapelle herausgetreten ist und mit den Touristen am Fuße des Christus das Vater Unser gebetet hat. Und ein wenig schaute es aus, als schwöre ein Trainer seine Mannschaft ein.

 

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