Weltmarktführer Gewerkschaft will Kärcher-Betriebsrat absetzen

Walther Rosenberger, 06.12.2012 19:15 Uhr

Stuttgart/Winnenden - Beim Winnender Unternehmen Kärcher herrscht Unruhe in der Belegschaft. Die IG Metall sieht ihren Vertretungsanspruch verletzt und erwägt, den bisher tätigen Betriebsrat gerichtlich anfechten zu lassen – ein Kuriosum. - Für gewöhnlich ziehen Gewerkschaften und Mitarbeiter eines Unternehmens an einem Strang. Manchmal läuft es aber auch andersherum.

Einer dieser kuriosen Fälle spielt sich gerade im Maschinenbaugürtel um Stuttgart ab, im von Weltmarktführern reich gesegneten Rems-Murr-Kreis. Dort stemmt sich derzeit die Belegschaftsvertretung des Winnender Reinigungsmaschinenspezialisten Kärcher – immerhin ein Milliardenkonzern, der für sich den Status eines Weltmarktführers beansprucht – gegen die Gewerkschaft IG Metall. Diese versucht unter einem neuen Bezirkschef mehr Einfluss auf den bislang IG-Metall-freien Kärcher-Betriebsrat zu gewinnen.

„Wir wollen als Gewerkschaft lediglich unseren rechtlichen Vertretungsanspruch wahrnehmen können“, sagte der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Waiblingen, Matthias Fuchs, unserer Zeitung. Bei Kärcher gebe es „eine ganze Reihe“ von IG-Metall-Mitgliedern. Genaue Zahlen will er nicht nennen. Für diese und für den Rest der Belegschaft wolle man die Interessen wahrnehmen.

Entscheidung soll noch vor Weihnachten fallen

Das Problem bei der Sache: Die bisherige Mitarbeitervertretung ist bei ihrer Arbeit nicht wirklich scharf auf Schützenhilfe vonseiten klassischer Mitarbeiterorganisationen. Grundsätzlich habe er nichts gegen ­Gewerkschaften und deren Arbeit, sagt Hans-Jörg Ziegler, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei dem Reinigungsspezialisten mit Stammsitz in Winnenden. Die IG Metall versuche aber seit einiger Zeit offensiv, einen Fuß in den Betrieb zu bekommen. Man wolle offenbar „als dritte Kraft auftreten“. „Wir brauchen das nicht“, sagt Ziegler. Bei Kärcher laufe alles rund.

Pünktlich zur kuscheligen Vorweihnachtszeit droht das Thema nun zu eskalieren. Nachdem eine Einigung unter den Streithähnen offenbar nicht in Sicht ist, verschärft besonders die IG Metall die Gangart.

Nach Informationen unserer Zeitung will die Gewerkschaft die Mitarbeitervertretung von Kärcher durch gerichtliche Schritte entmachten. Wie IG-Metall-Chef Fuchs sagte, erwäge man vor dem zuständigen Arbeitsgericht „die Auflösung des Kärcher-Betriebsrats zu beantragen“. Eine endgültige Entscheidung solle „in den kommenden zwei Wochen“ fallen, also noch vor Weihnachten. Grund seien „grobe Pflichtverletzungen“ des Gremiums.

„Im Endeffekt fand die Veranstaltung statt, ich als Vertreter der IG Metall wurde aber ausgeladen“

Laut Betriebsverfassungsgesetz sei Kärcher verpflichtet, viermal im Jahr Betriebsversammlungen abzuhalten, sagte Fuchs. Tatsächlich gebe es bei Kärcher seit Jahren keine „ordentliche Betriebsversammlung mehr“. Die Betriebsräte hätten nur am Rande von Firmenfeierlichkeiten, etwa der Jahresendfeier, Zeit, ihre Punkte vorzubringen. Ein Zustand, der nach Fuchs’ Meinung nicht haltbar ist, zumal die Belegschaft des nicht tarifgebundenen Unternehmens über die anstehenden Themen nicht informiert werde. Ein Antrag der IG Metall auf Einberufung einer ordentlichen Versammlung Ende November sei zunächst bewilligt, dann aber wieder abgesagt worden. „Im Endeffekt fand die Veranstaltung statt, ich als Vertreter der IG Metall wurde aber ausgeladen“, sagte Fuchs.

Hans-Jörg Ziegler wies die Anschuldigungen zurück. Kärcher halte sehr wohl jährliche Belegschaftsversammlungen ab. Im Gesamtkonzern gebe es insgesamt 56 gewählte Betriebsräte, die die Interessen der Arbeitnehmer erfolgreich vertreten würden.

„Wir wollen eine eigenständige Mitarbeitervertretung bleiben“, sagte Ziegler. Die IG Metall brauche man nicht. In anonymen Mitarbeiterbefragungen schneide das Gremium immer sehr gut ab und habe in den vergangenen Jahre viel erreicht. Seit 2009 seien allein in Deutschland 600 neue Arbeitsplätze geschaffen worden, 180 Leiharbeiter hätten feste Verträge bekommen, und seit 2006 habe man alle Auszubildenden übernommen. Kurzarbeit in der Finanz- und Wirtschaftskrise habe es nicht gegeben. Mit zwei Prozent sei die Fluktuation in der Belegschaft sehr gering, sagt Ziegler, der seit 43 Jahren im Unternehmen ist.

Das in Familienbesitz befindliche Unternehmen wird in diesem Jahr mit rund 9100 Mitarbeitern einen Umsatz von fast zwei Milliarden Euro einfahren. Fast 85 Prozent seiner Umsätze macht man im Ausland.

 
 
Kommentare (4)
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DEZ
10
Auch wer, 07:02 Uhr

@Michael Kraus

Nun, die Vergleiche, die sie in ihrem Beitrag anbringen, sprechen Bände - allerdings gegen sie. Der Betriebsrat bei Kärcher ist frei gewählt von den Angestellten. Und die wollten keine IG Metall-Vertreter im Betriebsrat haben. Und es geht mitnichten um ein Zutrittsrecht. Die IG Metall will sich in den Betriebsrat klagen - obwohl sie bei Wahlen keine Chance hatte. Die Zusammensetzung des Betriebsrats also ohne Wahlen selbstherrlich bestimmen wollen - DAS erinnert allerdings tatsächlich an dunkle Zeiten.

DEZ
08
Michael Kraus, 20:43 Uhr

Demokratische Grundrechte im Betrieb

Es ist schon interessant, wenn ausgerechnet das demokratische Wirken der Gwerkschaften in den Betrieben - wegen denen es überhaupt Betriebsräte und demokratische betriebliche Mitbestimmung in Deutschland gibt - mit dem Naziregime verglichen wird. Das Gegenteil ist richtig: 1933 verboten die Nazis sehr schnell die freien Gewerkschaften. An ihre Stelle traten mit der DAF (Deutsche Arbeitsfront) willfährige Büttel des braunen Regimes, die sich scharf von Gewerkschaften abgrenzten - wie bei Kärcher der 'Betriebsrat'. Wie 'ehrlich' dieser argumentiert, sieht man schon an der Behauptung, es würden regelmäßig 'Belegschaftsversammlungen' stattfinden. Dies sind von der Firmenleitung durchgeführte Veranstaltungen, die mit Demokratie und Mitbestimmung nichts zu tun haben. Betriebsrat und Mitarbeiter müssen sich dabei anhören, was die Firmenleitung zu verkünden hat - ein Anklang an düstere Zeiten in Deutschland. Betriebsversammlungen hingegen veranstaltet der Betriebsrat, und hat dann auch das Hausrecht; ein Riesenunterschied. Im Betriebsverfassungsgesetz wurde - gerade mit Blick auf die deutsche Geschichte - ein betriebliches Zutrittsrecht der Gewerkschaften verankert; dies ist ein Menschenrecht (!), das auch kein Betriebsrat mit selbstherrlicher 'Herr im Haus'-Mentalität abschaffen kann.

DEZ
07
Gerold_W, 17:57 Uhr

Machtpolitik

Ich hab ja grundsätzlich nix gegen Gewerkschaften, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten bestimmt sehr viel Positives geleistet haben. Aber ich glaube, dass sich die IG Metall verrechnet, wenn sie glaubt, durch solch einen Versuch, den Machtbereich auszudehnen, zusätzliche Sympathien zu gewinnen. Mit dem Stören oder gar Zerstören von Strukturen, die auf Vertrauen basieren und viele Jahrzehnte bestens funktioniert haben, verschafft man sich keine neuen Mitglieder. Sondern man entlarvt sich eher selbst.

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