Wahlkampf-Techniken Facebook und WhatsApp sind nicht genug

Von Chris Ignatzi und Ben Schieler 

Leon Hahn macht Wahlkampf mit Chatrobotern – stellt sich aber auch, wie auf dem Bild zu sehen, ganz konventionell den Wählern. Foto: Privat
Leon Hahn macht Wahlkampf mit Chatrobotern – stellt sich aber auch, wie auf dem Bild zu sehen, ganz konventionell den Wählern. Foto: Privat

Junge Kandidaten streben mit einigen frischen Ideen in den Bundestag. Sie machen auch ihren Wahlkampf anders als die Altvorderen – und das nicht nur digital.

Stuttgart - Menschen unter 30 für Politik zu begeistern ist nicht einfach. Niemand weiß das besser als junge Politiker wie Dennis Nusser (21, FDP) und Leon Hahn (26, SPD). Beide versuchen es trotzdem. Sie müssen es versuchen, denn sie kämpfen um den Einzug in den Bundestag – als jeweils jüngste Kandidaten ihrer Parteien in Baden-Württemberg. Ihre Wahlkampfstrategie: So viele persönliche Gespräche wie möglich führen – und digitale Möglichkeiten über Facebook und WhatsApp nutzen.

Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit Europa aus? Die Antwort im Chat mit Leon Hahn kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ich bin zutiefst überzeugter Europäer“, schreibt der Vorsitzende der Jusos im Land und Kandidat im Bodenseekreis. Nun ist die Europapolitik nicht das, worauf er sich spezialisiert hat. Der Chatroboter, den er auf seiner Facebook-Seite eingerichtet hat, gibt aber auch weitere Themen vor. Wohnungsmangel, Armut, Digitalisierung. Das ist es, was Hahn bewegt.

Hier antwortet der Chatroboter

Wer mit ihm ins Gespräch kommen will, kann das anders tun als bei vielen Politikerkollegen. „Die CSU nutzt den Chatroboter auch, hat aber nach uns damit angefangen“, sagt er mit dem Stolz des Vorreiters. Dabei geht er auch ohne den automatisierten Chat neue digitale Wege. „Denkzettel für Leon“, steht auf der Vorderseite eines quadratischen Zettels, der im Frühsommer in die Briefkästen des Wahlkreises flatterte. „Schreiben Sie mir auf den Denkzettel, was Sie bewegt!“, steht auf der Rückseite, samt Textfeld, der Handynummer des Politikers und der Bitte, das Statement abfotografiert per Kurznachrichtendienst WhatsApp zu schicken. 250 bis 300 Nachrichten habe er über diese Aktion schon bekommen. „Die Leute haben Bock auf Dialog“, sagt Hahn und kann sich einen Seitenhieb auf die Konkurrenz nicht verkneifen. „Alice Weidel, die hier für die AfD antritt, hat sich bis jetzt nicht mal mit uns anderen Kandidaten auf einem öffentlichen Podium gestellt.“

Der Erfolg der AfD in den Umfragen im Frühjahr war der Anstoß für die Aktion. Die etablierten Parteien fürchteten, viele Wähler würden ihnen einen Denkzettel verpassen wollen, indem sie die AfD unterstützen. „Ich habe also gesagt: Sollen die mir lieber vorher einen Denkzettel schicken und das Kreuz dafür bei der richtigen Partei machen.“

Der AfD-Mann hat „Spaß an der Provokation“

Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat oder WhatsApp, die Nachwuchspolitiker bewegen sich als sogenannte „Digitale Natives“ mühelos in diesen Welten. Tobias Bacherle, mit 21 Jahren jüngster Kandidat der Grünen im Land, hat sein Böblinger Wahlkampfbüro in ein Videostudio umgebaut und sendet die Videos live bei Facebook. Markus Frohnmaier (26, AfD) nutzt die Plattform für gezielte Angriffe auf den politischen Gegner. „Ich habe Spaß an der Provokation und möchte damit Debatten anstoßen“, sagt er.

Sich allein auf den Wahlkampf 2.0 konzentrieren, also den Wahlkampf im Netz, wollen die Jungpolitiker aber nicht. Dennis Nusser ist für die FDP in Heidelberg als Kandidat Nachfolger von Dirk Niebel. Der Ex-Generalsekretär und Entwicklungsminister verabschiedete sich nach der Wahlblamage 2013 aus der aktiven Politik. Nusser trat in die FDP ein, um für seine Vorstellung eines breiter angelegten Liberalismus zu kämpfen, innerparteilich und nach außen. Über Facebook, Twitter und Instagram gehe das zwar am schnellsten, aber nicht am nachhaltigsten, findet er. „Die beste Möglichkeit, mit den Leuten zu diskutieren, ist, mit ihnen persönlich zu reden.“

Wahlkampf-Gespräche im Wohnzimmer

Das Kernstück seines Wahlkampfs heißt Dennis@Home. Unterzeile: Politik zum Anfassen. Der Wähler kann Nusser buchen. Für eine Diskussion in kleiner Runde. In Wohnzimmern und Kneipen oder auf den Neckarwiesen. Mit fünf Wissenschaftlern um die 30 diskutierte er im Deutschen Krebsforschungszentrum eineinhalb Stunden lang bei Radler, Fassbrause und Pizza über den Politikbetrieb, Bürgerrechte, Bildung, Digitalisierung und die FDP-Forderung nach einer allgemeinen Impfplicht für alle Kinder bis 14 Jahre, für die er als einer der Antragsteller auf dem Parteitag im April erfolgreich geworben hat.

„Den Leuten scheint es sehr wichtig zu sein, einen direkten Kontakt zu haben“, sagt auch Leon Hahn. Er bietet ebenfalls Wohnzimmergespräche an – oder zieht, ganz klassisch, in den Haustürwahlkampf. Doch selbst das Klassische geht modern. Beim Titel seiner Reihe „Burger and Politics“ fehlen keineswegs die Pünktchen auf dem U. Hahn versucht, junge, potenzielle Wähler in einem Burger-Restaurant von sich zu überzeugen.

Die Wissenschaftler, die Dennis Nusser für sich einnehmen wollte, begegneten ihm anfangs teilweise noch mit Abwehrhaltung, mit verschränkten Armen oder hochgezogenen Augenbrauen. Am Ende versprach ihm einer der Forscher seine Erststimme. Es ist ein kleiner Triumph angesichts von rund 215.000 Wahlberechtigten, denen Nusser sich stellt. Aber er macht sich ohnehin keine Illusionen. Es wird für ihn nicht zum Einzug in den Bundestag reichen – zumindest 2017 noch nicht. Sein Ziel sind acht Prozent plus. Und noch wichtiger als Zahlen sind ihm Zeichen. „Die Jungen haben eine Stimme und ergreifen sie. Sie sind da.“

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