VfB Stuttgart Demokratie kostet

Von Gregor Preiss 

In kleinen Gruppen diskutierten Mitglieder die Vereinsentwicklung des VfB. Foto: Baumann
In kleinen Gruppen diskutierten Mitglieder die Vereinsentwicklung des VfB.Foto: Baumann

Der VfB will sich modernisieren, die Mitglieder sind skeptisch. Welcher Eindruck bleibt nach der ersten VfB-Regionalversammlung zum Thema Vereinsentwicklung?

Stuttgart - Rolf Bauer rieb sich verwundert die Augen. Seit 67 Jahren ist Bauer beim VfB Mitglied, aber so etwas hatte der 76-Jährige noch nie gesehen: Vorstände, Ehrenräte, Mitglieder aller Couleur – vom Ultra bis zum Haupttribünenhocker –, sie alle steckten nach Ende der ersten Regionalversammlung die Köpfe zusammen und diskutierten die Zukunft ihres Vereins. Gemeinsam!

Für Bauer war dies fast zu viel der Basisdemokratie, er ist anderes gewohnt. Aber solange es der Sache dient. Und jedem kann man es eh nicht recht machen. Am Ende genüget ja die Stimme von drei Viertel der Mitglieder, um den Wunsch des Clubs nach einer Umwandlung in eine AG wahr werden zu lassen. Was natürlich eine hohe Hürde darstellt. Und die Mehrheit des Anhangs hat andere Vorstellungen als Rolf Bauer, der die Ausgliederung am liebsten ohne Rücksicht auf die Basis durchgezogen sähe.

"Wunsch nach mehr Mitnahme und Information"

„Der Wunsch nach mehr Mitnahme und Information ist groß“, sagte Ehrenspielführer Guido Buchwald, nachdem er sich in seinem Gesprächskreis über den Bereich Sport ausgetauscht hatte. Auch dort ging es um die Kernfrage: Ausgliederung – ja oder nein? Finanzvorstand Stefan Heim hat in den kleinen Runden, die vor allem als Input für die Vereinsbosse gedacht waren, eine grundsätzlich „offene Haltung“ ausgemacht. Was er daraus mitnimmt? Dass es für die meisten erst noch darum geht zu verstehen, was der Club überhaupt will. „Konkrete Vorschläge seitens der Mitglieder erwarte ich eher zu einem späteren Zeitpunkt, das war ja erst der Auftakt“, sagte Heim.

Aus den Fragen an die Vereinsführung lässt sich dennoch schon einiges ablesen. So schwingt bei vielen die Sorge mit, dass niemand eine sinnvolle Verwendung des Einmalkapitals – Wahler nannte eine Summe von 60 Millionen Euro – garantieren kann. Zudem herrscht große Skepsis gegenüber Investor Daimler, dem jetzt schon zu viel Einfluss vorgeworfen wird. Doch lässt sich in vielen Fragen kein goldener Mittelweg finden – es gibt nur ein Entweder-oder.

Wie immer der Prozess ausgehen wird: Stolz sind sie beim VfB auf ihre ungewöhnliche Form der Mitgliederbeteiligung schon jetzt. Auch wenn die 22 Regionalversammlungen und Zukunftswerkstätten – der Verein rechnet bei den ersten elf Versammlungen mit 3000 Teilnehmern – am Ende eine Summe im unteren sechsstelligen Bereich verursachen werden. „Demokratie kostet“, sagt Heim. Er ist überzeugt: Sollte die Strukturreform gelingen, ist sie für den VfB nicht mit Geld aufzuwiegen.

Motto „furchtlos und treu“ kommt nicht gut an

Hintergrund zu „furchtlos und treu“: Es sollte der große Wurf werden: Vor anderthalb Jahren verpasste sich der bis dahin mottolose VfB den Slogan „furchtlos und treu“.

Damit sollte der Bezug zu den Werten des VfB hergestellt werden (Tradition, Heimat, jung und wild). Außerdem erhoffte sich der Club dadurch eine höhere nationale Strahlkraft. Schließlich werden auch Bayern München (Mia san mia) oder Borussia Dortmund (Echte Liebe) mit ihren griffigen Slogans in Verbindung gebracht.

Doch der Schuss ging nach hinten los. ­Anhänger werteten den Slogan als völkisch und nationalistisch, was von Historikern allerdings widerlegt wurde.

Wie sich anhand der aktuellen Mitgliederbefragung zur Vereinsentwicklung ablesen lässt, geben auch die Anhänger der Roten nur wenig auf „furchtlos und treu“. Die Mehrheit findet das Motto nicht passend. Bei nur zehn Prozent der Befragten „löst es emotional etwas aus“.

VfB-Präsident Bernd Wahler zeigte sich überrascht, will den Schriftzug, der vom Mannschaftsbus bis zum Briefbogen optisch inzwischen den kompletten Verein erfasst hat, deswegen aber nicht einstampfen. „Die Übersetzung unserer Werte in ein Motto hat nicht funktioniert. Jetzt müssen wir sehen, wie wir nachbessern können.“

 

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