VfB Stuttgart Am Anfang war das Stauchspiel

Von Frank Rothfuss 

Vor 100 Jahren fusionierten der FV Stuttgart und der Kronen-Club zum VfB. Jetzt gibt’s eine Ausstellung.

Stuttgart - Wenige Meter entfernt voneinander haben sie das Kicken gelernt. Hansi Müller auf einem Bolzplatz in Rot, Fredi Bobic auf dem Plätzle im Hallschlag. Zwei Stuttgarter, zwei Profifußballer, zwei Nationalspieler, zwei Wandervögel und zwei VfB-Legenden. Ihre Karrieren führten sie in die Fremde, doch nun tragen sie Verantwortung bei ihrem Club. Fredi Bobic als Manager, Hansi Müller als Mitglied des Aufsichtsrats. Kein Zufall, dass Präsident Gerd Mäuser das Duo mitbrachte, als er am Montag in der BW-Bank-Filiale an der Kronprinzstraße die Ausstellung „Mythos VfB – 100 Jahre Fusion“ eröffnete.

Für jemand, der Geschichte nur auf rissigem Papyrus oder in ausgebuddelten Tonscherben findet, mag das lächerlich klingen. Aber Bobic und Müller sind Teil der Geschichte, der Vereinsgeschichte, der Stadtgeschichte. Weil über sie Geschichten erzählt werden. Über Müller und seine Kollegen Förster, Elmer, Hadewicz und Hoeneß, die mit ihrem Wundermann-Trainer Sundermann aus der zweiten Liga in die erste stürmten. Und vielen Schülern war der olle Grieche Pythagoras wurscht, ein magische Dreieck berechnet sich nach Bobic, Elber, Balakov.

Doch da finden sich noch viele Zeitzeugen. Von jenem 2. April 1912 als sich die Mitglieder des Kronen-Klub Cannstatt und des FV Cannstatt im Hotel Concordia trafen, um sich zum VfB zu vereinen, kann keiner mehr berichten. Einen Zeugen fand der VfB aber doch noch. Auf der Auktionsplattform E-Bay bot ein Händler das Blechschild jenes Hotels an. Für 500 Euro kaufte es der VfB, für weitere 1500 Euro peppte man es auf. Nun ist es das Entreé für die Ausstellung.

VfB präsentiert seine Geschichte

Doch bevor wir eintreten, müssen wir noch eines klären. 100 Jahre VfB? Wurde der nicht 1893 gegründet? Das war der Vorgängerverein FV Stuttgart, der am 9. September 1893 in Stuttgarter Gasthaus Zum Becher gegründet wurde. Bei jenem FV Stuttgart lehrte Philipp Heineken die Schüler das Fußballspielen. Der Pionier auf dem Wasen, der sogar überzeugt davon war, dass dort in Bad Cannstatt gegen 1860 erstmal in Deutschland überhaupt Fußball gespielt wurde.

Aus jenen Anfangsjahren findet sich eine Schmähschrift von Karl Planck wider die „Fusslümmelei“ und das „Stauchspiel“. Doch alle Polemik nutzt nichts. Die Jugend kickte lieber als zu turnen. Und der VfB etablierte sich. Zunächst in Württemberg. 1935 wurde man zum zweiten Male Landesmeister. Und erreichte das Finale um die Deutsche Meisterschaft. In Köln verlor der VfB mit 4:6 gegen die Schalker, bei denen Fritz Szepan und Ernst Kuzorra kreiselten. In der Ausstellung finden sich Seiten aus der Fußballzeitschrift „Kicker“, die vom Finale berichtet.

1950 und 1952 wurde der VfB dann aber Deutscher Meister. Selbstverständlich sind die Wimpel zu sehen. Wie jene für die Pokalsiege 1954 und 1958. Immer dabei war Rolf Blessing. Dessen Lederkoffer kann man auch bewundern. In den packte der Linksaußen immer seine Fußballschuhe, wenn er sich mit dem Zug auf dem Weg zum Training machte.

Warten aufs Museum

Die Meisterschaften 1984, 1992 und 2007 werden auf Tafeln gewürdigt. Und die Kutte, eine Jeansjacke mit allen möglichen Aufnähern, symbolisiert die Fankultur. Doch dieses Thema wird wie viele andere nur angerissen. der Platz fehlt. Dabei haben Harald Jordan, der Chef-Historiker, des VfB und seine Kollegen vieles mehr zusammen getragen. Allein, es fehlt der Platz, es zu zeigen.

Im Bauch der Mercedes-Benz-Arena hat man bereits einen Raum für ein Museum vorgesehen. Doch man hat kein Geld, um es auszugestalten. Besser gesagt, man will es anders ausgeben. „Wir wünschen uns ein Museum“, sagt Präsident Mäuser, „aber andere Infrastrukturprojekt sind uns derzeit wichtiger.“ So brauche man dringend ein neues VfB-Jugendzentrum, „dem haben wir den Vorrang gegeben“. Zukunft statt Vergangenheit sozusagen.

Doch weil auch Mäuser weiß, dass gerade die Geschichten, die Legenden, die Mythen den Mittelständler VfB von einem normalen Unternehmen und Fußballfirmen wie Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen unterscheiden, möchte man eine Dauerausstellung im Neckarpark einrichten. Wo allerdings, wisse man noch nicht. „Da suchen wir gerade“, sagt Mäuser.

Geschichte und Geschichten

Zur Eröffnung kommt dann bestimmt Hansi Müller wieder. Und kann erzählen wie er als Zwölfjähriger in Weilimdorf mit der SV Rot gegen den VfB auf einem Ascheplatz mit 1:0 gewann und so Bezirksmeister wurde. Das Tor erzählte natürlich Hansi Müller. Und hinterher sagte er zu seinem Vater: „Ich kann da mithalten. Ich will zum VfB!“ Mit dem stieg er 1977 wieder in die erste Liga auf. Und stürmte auf Platz vier. 54 000 Zuschauer im Schnitt pilgerten damals in das Neckarstadion. Ein Bundesliga-Rekord, der lange Gültigkeit haben sollte. „Wir wurden damals leistungsbezogen bezahlt“, erinnert sich Müller. „Kamen mehr als 27 000 Zuschauer im Schnitt, gab’s was extra.“ Nämlich je 100 Zuschauer 3000 Mark. Also 81.000 Euro je Stammspieler. „Davon habe ich mir ein Grundstück in Feuerbach gekauft, darauf stehen heute zwei Häusle.“ Fußball, das ist eben Geschichte, Geschichten – und Geschäft.

Die Ausstellung in der Filiale der BW-Bank an der Kronprinzstraße 8 ist geöffnet von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr.

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