Verunglückte Choreografin Liedtke „Sie konfrontiert uns mit Fragen“

Von Andrea Kachelriess 

„Life in A Motion“: Tanja Liedtke Foto: Promo
„Life in A Motion“: Tanja LiedtkeFoto: Promo

„Life in Movement“ heißt der Film über Tanja Liedtke, der an diesem Samstag vor dem Mercedes-Benz-Museum zu sehen ist. Bewegung war viel im Leben der in Stuttgart geborenen Choreografin, die 2007 in Sydney verunglückte. Paul White, Weggefährte Liedtkes, stellt ihr Werk in Stuttgart vor.

„Life in Movement“ heißt der Film über Tanja Liedtke, der an diesem Samstag vor dem Mercedes-Benz-Museum zu sehen ist. Bewegung war viel im Leben der in Stuttgart geborenen Choreografin, die 2007 in Sydney verunglückte. Paul White, Weggefährte Liedtkes, stellt ihr Werk in Stuttgart vor.
 
Stuttgart - Mister White, Sie haben viele Jahre lang mit Tanja Liedtke zusammengearbeitet und kennen sie als Tänzerin und Choreografin. Was war das Besondere an Liedtkes Stil?
Als Tänzerin war sie eine auffallend athletische und starke Persönlichkeit, die viel Yoga machte und diese Konzentration auch in ihre Auftritte packte. Sie war jemand, der an die Kraft des Tanzes glaubte. Auch als Choreografin war ihr die Bewegung an sich wichtiger als eine Idee oder ein Konzept. Ich würde nicht sagen, dass sie einen besonderen Stil hatte, der hing eher vom Thema eines Stückes ab. Sie hatte in Stuttgart, Spanien, London und Sydney gelebt: Die Frage, was es bedeutet, diesem Mix aus Kulturen ausgesetzt zu sein, war wohl das Besondere an ihrer Arbeit.
Wie haben Sie Tanja Liedtke kennengelernt?
Wir waren eineinhalb Jahre lang Kompaniekollegen beim Australian Dance Theatre, bis sie zum DV 8 Physical Theatre nach London ging. Als ich später ebenfalls zu dieser Kompanie kam, waren wir viel gemeinsam auf Tournee, und ich habe auch in ihren Produktionen getanzt. Als sie zur Leiterin der Sydney Dance Company ernannt wurde, war klar, dass ich zur Kompanie stoßen würde. Nach Tanja Liedtkes Tod war ich dann zwei Jahre lang mit ihrem Stück „Twelfth Floor“ auf Tournee.
In Stuttgart tanzen Sie vor der Filmvorführung mit Ihrer Partnerin Fanni Varga einen Auszug aus Tanja Liedtkes letztem Stück „Construct“. Worum geht es?
Es geht um Gebäude und ums Bauen. Das Stück benutzt die Strukturen der Architektur als Metapher dafür, wie man Beziehungen aufbaut. Das Modell für ein Haus wird zum Sinnbild für den Aufbau einer Familie oder eines Lebens mit all seinen Kämpfen. „Construct“ benutzt zur Veranschaulichung dieser Baustellen ganz einfache Dinge wie ein Stück Holz oder ein Elektrokabel. Wir reisen also nicht mit vielen Requisiten an.
Mit dabei haben Sie den Dokumentarfilm „Tanja – Life in Movement“ über Tanja Liedtke. Er zeichnet das Porträt einer starken Persönlichkeit, die aber immer wieder von Zweifeln geplagt wurde. War ihr Tod wirklich ein Unfall?
Das eigene Tun zu hinterfragen ist ein wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses. Tanja Liedtke stieß als Künstlerin in immer neue Bereiche vor, klar ist das mit Zweifeln verbunden – und trotzdem ging sie immer weiter. Wie der Unfall am 17. August 2007 passiert ist, bringt einen aber doch zum Nachdenken: morgens, die Straßen fast leer, nur dieses Müllauto, das sie anfährt. So wie Tanja Liedtke gelebt und gearbeitet hat, ist sie auch gestorben: Sie konfrontiert uns mit Fragen.
Seit knapp zwei Jahren tanzen Sie nun in Deutschland – von Down Under nach Wuppertal: keine ganz gewöhnliche Tänzerkarriere . . .
Ich hatte in den acht Jahren davor, in denen ich als freier Tänzer in Australien, London und mit Tanja Liedtke gearbeitet habe, eine tolle Zeit und viel Anerkennung erfahren. Nach ihrem Tod und nachdem ich zwei Jahre lang mit ihrem Stück „Twelfth Floor“ unterwegs war, wollte ich Abstand gewinnen und suchte nach einer neuen Herausforderung. Eine Auszeit für ein Jahr in Berlin, ein neuer kultureller Hintergrund, das war mein Plan. Ich habe ihn umgesetzt, bis mir jemand die Einladung zum Vortanzen in Wuppertal schickte. Die Atmosphäre dort hat mir so gut gefallen, dass ich mir sagte: Wenn ich den Job kriege, mache ich das.
Sie haben den Job – und nun eine Auszeichnung dazu: Internationale Kritiker haben Sie zum Tänzer des Jahres ernannt. Hat Sie das überrascht? Bei Pina Bausch steht ja das Virtuose nicht so sehr im Vordergrund . . .
Alle Tänzer brauchen, egal wo sie tanzen, eine starke Technik als Basis. Natürlich sind beim Tanztheater Wuppertal Persönlichkeiten wichtiger als Schritte; Pina Bausch wollte Menschen auf der Bühne zeigen. Ihr Arbeitsprozess mit den Tänzern hatte das Ziel, dass jeder er selbst ist in einem Stück von Pina Bausch. Ich bin niemand, der hinter Preisen herjagt. Gefreut habe ich mich über die Auszeichnung vor allem deshalb, weil sie die Arbeit des Tanztheaters Wuppertal zu einem Zeitpunkt anerkennt, an dem junge Tänzer wie ich nach dem Tod von Pina Bausch deren Ideen in die Zukunft tragen.
Was macht das Tanztheater Wuppertal nach Pina Bausch überhaupt attraktiv für junge Tänzer?
Mich persönlich erinnert die aktuelle Situation in Wuppertal sehr stark an den Tod von Tanja Liedtke und die Verfassung ihrer Kompanie danach. Zwei Jahre lang haben wir ihr Stück „Twelfth Floor“ nach ihrem Tod in die Welt getragen, dann wollten wir Tänzer dieses Kapitel beschließen: Uns fehlte die kreative Inspiration, der Dialog mit einem Künstler, der Neues schafft. All die Fragen, die plötzlich in Sydney aktuell waren, sind es in Wuppertal auch. Es ist sehr spannend, Teil dieses Prozesses zu sein und zu sehen, was ich dazu beitragen kann. Außer mir gibt es noch einen weiteren jungen Tänzer, der erst nach dem Tod von Pina Bausch nach Wuppertal kam.
Wie erarbeiten Sie sich Pina Bauschs Stücke – per Video?
Ich bin bislang in 13 Produktionen aufgetreten – das ist viel und geht nur, wenn man sich selbstständig mit Hilfe von Videoaufzeichnungen vorbereitet. Bei Solo-Parts helfen andere Tänzer, die diese Rolle gut kennen. Das Wuppertaler Tanztheater ist sehr beschäftigt, und jeder muss eigentlich seine Rolle schon beherrschen, bevor die gemeinsamen Proben beginnen.

Die Dokumentation über die 1977 in Stuttgart geborene Tänzerin und Choreografin Tanja Liedtke ist an diesem Samstag im Open-Air-Kino am Mercedes-Benz-Museum zu sehen. Paul Whites Tanzperformance beginnt bei Einbruch der Dunkelheit, die Filmvorführung um 21 Uhr.

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